Protzen Open Air 2016

  • Datum: 24.06.-26.06.2016
  • Ort: Protzen
  • Besucher: 1000
  • Redakteur: Jens Dunemann
Protzen Open Air 2016

 Ich bin grundsätzlich immer sparsam, wenn es um den Begriff "Kult" geht, aber das Protzen Open Air ist eine Veranstaltung, die zweifelsohne in diese Kategorie fällt. Klein, fein und fast versteckt im Nirgendwo der brandenburgischen Provinz, begeistert es die Metallerschaft jahrein, jahraus durch seine übersichtliche Größe, die großartige familiäre Atmosphäre zwischen Fans, Bands, Crew, Veranstaltern und nicht zu vergessen, durch die bunte Auswahl an schwermetallischen Szenegrößen und durchschlagskräftigen wie aufstrebenden, kleinkalibrigen Geschossen. Nicht zuletzt der erstmalige Ausverkauf des Festivals im vergangenen Jahr führte dazu, dass das Protzen in diesem Jahr schon lange im Vorfeld ausverkauft war. Aber das Protzen Open Air wäre nicht so etwas Besonderes, wenn nicht auch Kurzentschlossene innerhalb der "Familie" über all jene, denen durch berufliche oder private Gründe die Teilnahme an der alljährlichen Party verwehrt ist, mit ein wenig Glück und Spucke an die begehrten Tickets kommen können. Selbstverständlich zum Selbstkostenpreis und nicht zu Wucherpreisen.

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Von daher fühlte sich die Reise nach Brandenburg auch in diesem Jahr wieder ein bischen wie nach Hause kommen an, auf einen Flecken metallischer Heimat, mit dem es die Wettergötter 2016 extrem gut meinten. Während das Massenevent "Hurricane" im Nordwesten der Republik buchstäblich geflutet wurde, stellte sich in Protzen die Herausforderung, in praller Sonne, sengender Hitze - schlicht unter unbarmherzigen - Backofenbedingungen - auf und vor der Bühne kühlen Kopf und gute Laune zu bewahren. Aber das ist wettertechnische Jammerei auf höchstem Niveau.

 

Freitag 24.06.2016

Nach der Anreise am Donnerstag brennt die Sonne schon am Morgen derart heftig, dass jeder, der sein Frühstücksbier nicht im Schatten eines Pavillions einnehmen kann tatsächlich bemitleidenswert ist. Umso wichtiger wird die alljährliche Abkühlung in einem der umliegenden Seen, die traditionell zum Vormittagsprogramm gehören, ebenso wie die Einkehr im Gasthof "Zum alten Ziethen" im benachbarten Wustrau. Besonders der erste Teil fällt in diesem Jahr unter den Bereich "lebenserhaltende Maßnahmen", trotzdem ist es doch ein wenig bitter, dass mir neben den Openern DRILL STAR AUTOPSY, MORONIC auch die holländischen FDA-Records Schützlinge von FUNERAL WHORE durch die Lappen gehen, die mit "Phantasm" im Frühjahr ein schnörkelloses Old School - Brett rausgehauen haben.

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So treibt mich die Neugier erstmals zu PROTECTION OF HATE in den Glutofen des Hangar, die mit ihrem thrashigen Hardcore so rein gar nicht meine Baustelle sind, auch wenn sie absolut engagiert auftreten und ihr Publikum mitzureißen und zu überzeugen wissen. Selbiges gilt auch für die technisch versierten Thrasher von FURNAZE, die wirklich ein spieltechnisch beeindruckendes Brett der alten Schule abfeuern, welches mir aber mit nur einer Gitarre zu viele Soundlöcher aufweist.

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KALI YUGA, welche zuvor ran durften, wirken auf mich da schon stimmiger. Zwar mag der melodische, teils hymnische Death Metal mit schwarzmetallischen Anleihen vordergründig ziemlich abgedroschen klingen, so gibt der Erfolg dem Quintett zweifelsohne Recht, pirscht man sich doch über den heutigen, fulminanten Auftritt hinaus in den letzten Jahren unauffällig aber stetig Richtung erster Liga. Mit PURGATORY entert anschließend das erste deutsche Death Metal - Urgestein die Bühne. Das sächsische Schlachtschiff ist lebendiger denn je, davon zeugt nicht nur die mittlerweile 20-jährige Szenepräsenz, sondern auch das jüngst veröffentlichte aktuelle Album "Omega Void Tribvnal". Technisch sind die Herren aus dem Fegefeuer einmal mehr über jeden Zweifel erhaben und Leuten somit eindrucksvoll, die finale Phase des ersten Abends ein.

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Es folgen FLESHCRAWL, die schwedischste aller deutschen Death Metal - Formationen. Von vielen Fans für ihre konsequente stilistische Interpretation des Elchtods verehrt, konnte mich die Band über all die Jahre leider nur in Ansätzen überzeugen. Denn auch, wenn das süddeutsche Quintett live nach wie vor zu bestechen weiß, so hat man es bis heute - Ausnahmen bestätigen die Regel - nicht wirklich geschafft, sich von den Wurzeln zu emanzipieren. Das ist bei POSTMORTEM ganz anders. Die Berliner hatten schon von Anfang an ihre ureigene Interpretation von Thrash Metal. Simpel gestrickt aber wahnsinnig effektiv und mit jeder Menge bitterböser Ironie. Drummer Max prügelt seine Mannen samt knochentrockener Snare und treibenden Grooves energisch nach vorn. Die ganze Band sprüht vor Energie und Spielfreude, erlebte man doch im vergangenen Jahr einen der bittersten Momente der Karriere, als man den Gig kurz vor Beginn aufgrund gesundheitlicher Probleme von eben jenem Trommeltier absagen musste. Daher ist es umso schöner, die Bande heute agiler denn je zu sehen. Während sich am Firmament mit viel Wind, Sturm und wetterleuchtendem Getöse ein Unwetter ankündigt wird es zunächst einmal still auf dem Gelände und im Hangar. Das unschöne Gerücht, dass die Holland-Fraktion um SOULBURN - welche laut Plan als nächstes dran wären - nicht spielen werden und dass BELPHEGOR den Abend vorzeitig beenden würden, macht die Runde. Die bösen Buben aus Österreich sind nach der schmerzhaften Absage von Benediction "nachnominiert" worden, ersetzen können sie die Briten freilich nicht.

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Zwar erkenne ich die rigorose künstlerische und spielerische Entwicklung der Mannen um Bandleader Helmuth an, auch wenn die weihrauchvernebelte Darbietung stilistisch, image- und attitüdenmäßig meinen Geschmackshorizont übersteigt und gnadenlos an mir vorbeirattert. Kann man mögen, muss man aber nicht und so verkrieche ich mich vorzeitig - mit der Feststellung, dass neben dem Achtungserfolg von Kali Yuga und einem kleinen Triumphzug von Postmortem die ganz großen Würfe am ersten Festivaltag ausgeblieben sind -hitzegezeichnet - in meinen Schlafsack.

 

Samstag, 25.06.2016

Der Freitag beginnt mit der unerfreulichen Erkenntnis, dass SOULBURN eben doch nicht abgesagt, sondern nur in einem Megastau auf der A2 festgehangen haben und ihren Gig nach den Ösis von Belphegor nachgeholt und somit den ersten Festivalabend beendet haben. Die Sonne brennt auch in den frühen Morgenstunden bereits unbarmherzig, dass einmal mehr eine Abkühlung im See vonnöten ist. Pünktlich zur Rückkehr gibt´s dann auch endlich eine Dusche von oben. Petrus öffnet kurzzeitig alle verfügbaren Schleusen und es strömt, graupelt und hagelt ordentlich, doch glücklicherweise fängt der sandige Boden die feuchten Massen gut auf, so dass der Spuk nach rund einer halben Stunde auch schon wieder vorbei ist.

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Wobei sich die Sonne umgehend aufmacht, die entstandene Temperatursenke sofort wieder auszugleichen. Nachdem mir nun die durchaus spaßigen Opener GOREGONZOLA und die Melo-Deather von SOUL DEMISE durch die Lappen gegangen sind riskiere ich zunächst bei den spanischen Death-Grind-Urgesteinen von AVULSED ein Ohr, die sich amtlich durch den frühen Nachmittag prügeln, sägen und grooven aber dabei relativ blass bleiben, jedoch die Puristen aber durchaus zu begeistern wissen.

 Avulsed POA 2016 4

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Danach erhöht sich bei PROTECTOR Kultfaktor erheblich. Auch wenn die im schwedischen "Exil" reformierten Thrasher um Ur-Fronter Martin Missy mit den beiden Veröffentlichungen "Reanimated Homunculus" (2013) und "Cursed And Coronated" in diesem Jahr nicht an die Qualität der großen Klassiker der frühen Tage anknüpfen konnten, brennt das Quartett doch in der frühen Nachmittagshitze ein absolutes Feuerwerk der alter Knüppelschule ab, welches mit seiner Mischung aus Klassikern und aktuellen Songs einfach Freude macht und zeigt, dass Protector im Untergrund nach wie vor ihre absolute Berechtigung haben.

 Protector POA 2016 25

protector

CHAPEL OF DISEASE stellen anschließend in beeindruckender Weise unter Beweis, dass sie derzeit zu einem der besten und interessantesten Acts gehören, die der deutsche Underground in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Die einzigartige musikalische Mischung aus klassischem Thrash Metal, Death und Doom, verwoben mit schwarzmetallischer Mystik ist absolute unverkennbar wie die absolut souveräne Live-Darbietung, wobei Band und Material dabei eine imposante Präsenz entwickeln, von der sich viele etablierte Künstler eine gewaltige Scheibe abschneiden könnten. Wenn diese Band ihren Weg so konsequent fortführt und dabei so bodenständig bleibt, sollten ihr alle Türen offen stehen. Chapel Of Disease setzen jedenfalls ein fettes Ausrufezeichen.

Chapel Of Disease POA 2016 11

chapel of disease

Bei den Gore-Grindern LIVIDITY und den niederländischen Melodic-Death-Trashern BODYFARM gönne ich mir eine Verschnaufpause um anschließend mit MALIGNANT TUMÖUR das Festival-Finale einzuläuten. Es gibt nur wenige Formationen, die aus den prinzipiell grundsoliden Zutaten Heavy Metal, Crust und Rock ´N´Roll einen derartigen musikalischen Mittelfinger und Arschtritt formen, wie die Tschechen. Bei den vier Herren bleibt keine Auge und keine Kehle trocken, man macht es kurz und schmerzlos und bringt den Hangar binnen einer guten halben Stunde zum sieden, so dass am Ende klar ist: Diese Band ist METAL von der Haar- oder Perückenspitze bis in die letzte Fußzehe.

 Malignant Turmour POA 2016 3

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Mit DISBELIEF wird es nun düster. Das Quintett um Ausnahmefronter Jagger gehört zu den unterbewertetsten und facettenreichsten Kapellen der deutschen Szene. Das U96 - Intro von Klaus Doldinger aus dem Kultfilm "Das Boot" kündigt einen überlegenen Parforce-Ritt an, in den man mit "Navigator" einsteigt und mit Klassikern "To The Sky" und "Misery" zu einem grandiosen Finale führt. Eine Performance, die man mit einem einzigen Wort stimmig zusammengefasst werden kann: FETT!

 Disbelief POA 2016 3

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Was danach folgt, lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Ja, die Norweger KAMPFAR haben sich mit "Profan" im vergangenen Jahr nicht nur ein Denkmal gesetzt, sondern einen absoluten Klassiker des Black Metal entfesselt. Die Art und Weise, in der Dolk und seine drei Mitstreiter Hymnen wie "Ravenheart", "Daimon" oder "Tornekratt" zelebrieren ist schon beängstigend und scheint zumindest an diesem Abend nicht von dieser Welt. Nur ganz, ganz selten habe ich ein künstlerisches Kollektiv gesehen, welches derart intensiv in seiner Musik aufgeht, ja sie in allen emotionalen Facetten durchlebt.

 Kampfar POA 2016 4

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Kampfar an diesem Abend, das ist eine abrundtief böse und gleichzeitig eine Kraft spendende Naturgewalt, der man sich nicht entziehen kann. Ein Erlebnis, von dem ich wohl noch sehr, sehr lange zehren werde. Mika Luttinen kann anschließend noch so sehr wie ein Derwisch über die Bretter wüten. Den beileibe nicht überpräsenten und zu jeder Gelegenheit immer wieder gern gesehenen Finnen von IMPALED NAZARENE fehlt es unter dem Eindruck des gerade erlebten keineswegs an Durschlagskraft, wohl aber an der letzen Prise Biss.

 Impaled Nazarene POA 2016 10

impaled nazarene

Natürlich ist das Repertoire und die schlichte Show mit zeitlosen Klassikern wie "Ghettoblaster", "Motörpenis", "Let´s Fucking Die" oder "Total War - Winter War" viel zu gut, um wirklich zu enttäuschen aber ich kann nicht leugnen, dass ich mir von dem Quartett mehr erhofft hatte. Zumal ich die Herren schon deutlich stärker gesehen habe. Den Abschluss bildet mit BRUJERIA eine weitere Krawalltruppe, die in meinen Augen zu jenen Bands gehören, die vornehmlich von ihrem Ruf, als von ihrer musikalischen Qualität zehren. Bei dem US-Amerikanisch-Mexikanischen Künstlerkollektiv haben sich immerhin seit den frühen Neunzigern unzählige Szenegrößen die Instrumente in die Hand gegeben und man hat 1993 mit dem Debut "Matando Güeros" einen Klassiker erschaffen.

 Brujeria POA 2016 17

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Der Durchbruch blieb den politisch engagierten Revoluzzern jedoch mit den Nachfolgewerken verwehrt. Dennoch wissen die Grobmotoriker mit ihrer wilden Propaganda aus Death Metal, Grind- und Hardcore und den Wechselgesängen beider Sänger, der Amazone Pititis und der chaotischen Show durchaus zu unterhalten, womit sie den Sack für dieses Jahr konsequent zubinden und die Protzen-Familie ans Lagerfeuer und in die finale Disko-Nacht mit Herrn Keksgrinder entlassen.

 Fazit:

Auch 2016 wusste das PROTZEN OPEN AIR einmal mehr zu überzeugen. Ausverkauft, rappelvoll und doch mit der einmalig, entspannten Atmosphäre zwischen Fans, Crew, Security, Bands und auch den Caterern, die deutschlandweit ihresgleichen sucht. Die kleinen Modifizierungen auf dem Gelände haben sich bewährt und wurden gemeinhin begrüßt. Dazu gehört vor allem der neue Toilettenwagen und auch die neue Anordnung bzw. Erweiterung des kulinarischen Angebotes. Unser Dank gilt einmal mehr allen nimmermüden Beteiligten, die dieses Festival auch in diesem Jahr zu einer absolut einzigartigen Veranstaltung gemacht haben.

 

Flyer 1

Somit steht einer weiteren Sause im Jahr 2017 nichts entgegen. Im kommenden Jahr feiert das Festival sein 20-jähriges Jubileum. Für die Zeit vom 22.-25.06.2017 sollte man sich also nichts vornehmen, denn folgende Bands sind (Stand 28.07.2016) bisher bestätigt:

ICHORID

AROGANZ

SUCCUBUS

FACEBREAKER

HARMONY DIES

INTO DARKNESS

CLITEATER

DEMONBREED

MASTER

OBSCURITY

SABIENDAS

REVEL IN FLESH

DESERTED FEAR

KAMIKAZE KINGS

MILKING THE GOATMACHINE

MANOS

HEAMORRHAGE

EKTOMORF

DECEMBRE NOIR

 

Der Vorverkauf startet am am 05.09.2016 und auch in diesem Jahr sollte man sich sputen, ist doch zu erwarten, dass die 1000 Tickets weg gehen werden, wie geschnitten Brot... Weitere Infos erhaltet ihr fortlaufend in unseren News sowie auf der Homepage des PROTZEN OPEN AIR´s.

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