Blast from the Past - Teil 3 mit Bernhard Weiß von Axxis

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Mit einer schweren scharzen Aiwa Maxell Cassette begann 1989 unsere Beziehung. Ein Freund hatte mir damals das Debüt von AXXIS „Kingdom of the Night“ kopiert – allerdings mit dem Titeltrack an Platz eins der Setlist. Scheinbar war es uns unlogisch erschienen, dass der Titeltrack erst an zweiter Stelle stehen sollte. So oder so gehören aber sowohl „Kingdom of the Night“ als auch „Living in a World“ (wohl nicht nur) zu meinen Alltime-Favorites. Mittlerweile steht die Band mit dem vierzehnten Album „Retrolution“ in den Startlöchern. Doch bis es so weit ist, wollte ich erstmal von Sänger Bernhard Weiß wissen, wie eigentlich die Vorgeschichte der Band bis zu „Kingdom of the Night“ war. Willkommen zum dritten Teil unserer BLAST FROM THE PAST Serie.

Etwas verschnupft rief mich ein dennoch gut gelaunter Bernhard an und es bedurfte nicht vielen Bitten bevor der AXXIS-Sänger nur so lossprudelte.

Vor der ersten Platte gab es ja bei uns eigentlich eine ganze lange Zeit. Ich bin ja in Lünen Horstmar groß geworden und da gab es einen evangelischen Kindergarten. Aus dem Kellerfenster kam immer Mucke, irgend so ein Krach. Wir waren damals 15 und wir waren damals KISS Fans und daher fanden wir die Mucke aus dem Kellerfenster ziemlich cool. Es gab in unserer Klasse immer die Konkurrenz zwischen den BAY CITY ROLERS und SWEET und wir wollten einfach noch einen drauf legen. Von daher fanden wir KISS natürlich passend. Wir sind dann da mal in den Keller runter gegangen und haben gelauscht und da hat man uns aber vertrieben und direkt vom Hof gejagt. Und das war dann damals schon die Band ANVIL bei der ich später Sänger geworden bin. Die haben eine unglaublich lange Geschichte auch schon vor mir gehabt. Und ich bin jetzt mehr oder weniger noch davon übrig geblieben.

„Hä, ANVIL? Kommen die nicht aus Kanada?“ werden sich jetzt einige Fans natürlich fragen. Aber natürlich handelte es sich nicht um Lips & Co.

Nein, natürlich nicht und die wussten damals auch gar nicht, dass es diese kanadische Band überhaupt gibt. Es gab ja kein Internet (ja, Kids, ihr habt richtig gelesen – ein Schock! – TZ) oder sowas, wo man mal eben nachlesen konnte. Die Band tauchte in Deutschland auch noch nicht namentlich in Deutschland auf.

Ich kann mich erinnern, dass der Werner Kleinhans mich dann später in die Band geholt hat. Da war ich wohl so 20 Jahre. Ich hatte vorher auch eine andere Band namens SHIFT IN. Das war so eine Deutschrock-Punk Band, was damals auch ein bisschen angesagt war. Wir wollten ein Festival organisieren und da wollten wir ANVIL fragen, da die damals schon etwas größer waren. Ich hatte die mal im Jugendzentrum Lünen-Süd gesehen und da hatten die einen Amboss hinterm Schlagzeug stehen, so einen richtigen Ballermann aus Holz. Die hatten auch eine eigene PA und alles. Das war richtig geil und wir fanden, dass das eine heiße und erfolgreiche Band sei. In Wirklichkeit waren da aber nur Leute drin, die auch am Arbeiten waren. Der Werner Kleinhans hat damals als Arbeiter gearbeitet und auch richtig Asche verdient und die anderen aus der Band hatten auch alle Geld, welches sie dann in das Hobby ANVIL steckten. Deshalb waren die super aufgestellt. Zu dem Zeitpunkt als ich wegen des Festivals angefragt habe, hatten die wohl gerade Probleme mit dem Sänger und da hat der Werner mich gefragt, ob ich nicht Bock hätte, da mal so ein bisschen rumzusingen. Und das hab ich dann gemacht und Werner fand das irgendwie auch cool. Das war dann für mich eine peinliche Situation, weil ja mein Kumpel aus meiner Band auch dabei war. Da hab ich also erstmal abgesagt. Wir haben dann erstmal das Festival mit der Band gespielt und im Laufe der Zeit hat sich aber immer mehr gezeigt, dass man Kumpel da gar kein Problem mit hatte. Für ihn war das mehr ein Hobby und ich hatte schon etwas mehr Ambitionen. Dann bin ich also schließlich doch mit relativ jungen Jahren bei ANVIL in Lünen eingestiegen.

Ich machte dann da meine ersten kleineren Erfahrungen, denn die hatten schon richtig Ahnung: Kabel legen, Multicor usw. und technisch waren die richtig fit. Die haben das auch ganz geschickt gemacht. Die haben damals selber Stadthallen gemietet und haben dann da gespielt. Da kamen dann nur 50 Leute und es sah peinlich aus, aber man konnte später sagen, man hatte in der Stadthalle Waltrop gespielt. Das klang irgendwie geil, auch wenn man nicht sagte, wie viele Leute da waren. Das war aber irgendwie klasse und wir haben alles selber gemacht. Ich musste dann immer los zum Plakate kleben. Ich weiß noch, wie ich von der Polizei erwischt wurde mit Kleistereimer und Quast und dann musste man denen erstmal erklären „Das ist jetzt nicht so, wie es aussieht.“ Wenn du da vorm Stromkasten stehst mit deinem ANVIL Plakat, um da den Stromkasten zu versauen. Das wissen ja viele Leute heute gar nicht mehr. Das waren ja damals richtig Kosten, wenn man Plakate gedruckt hat. Heute kostet das ja nichts mehr, aber damals hat das richtig Asche gekostet. Flyer konnte man sich ja damals gar nicht leisten. . .

. . . zumindest keine professionellen Vierfarbflyer, die man heute überall bekommt.

Genau, das war damals alles richtig teuer. Zum Glück konnte diese Band es sich leisten, weil die alle echt gut Geld verdient haben. Ich hab damals noch Zivildienst gemacht und mein einziges Investment, für das ich zwei Jahre gespart habe, war ein kleines Roland Delay. Das war dann mein Beitrag zur Band. Später wurde dann mal im Proberaum eingebrochen und nichts wurde geklaut, außer mein Roland Delay. Da war ich natürlich irgendwie angepisst. Mein einziges Investment in diese Band und genau das wurde geklaut. Keine Ahnung, warum die nicht das Mischpult und so mitgenommen haben, das stand ja auch alles da. Aber gut, da war es dann also weg.

Das war eigentlich eine ganz schöne Zeit und wir haben viele Konzerte in der Region gespielt: in Dortmund, in Werne im Jugendzentrum, in Ahlen und viel auch in Hamm, weil der Werner Kleinhans da her kam. Wir haben dann ständig überall angerufen ob wir irgendwo spielen können. Und das war natürlich auch deprimierend, weil von 100 Leuten nur zwei ja gesagt haben. Trotzdem hatten wir dann so 10-15 Konzerte im Jahr und das war für eine Band wie uns schon wirklich ne Menge.

Wir wurden aber von der Szene komischerweise gar nicht wahrgenommen. ROCK HARD und METAL HAMMER lebten ja in Dortmund, aber die haben uns gar nicht registriert. Allerdings wussten wir auch nicht, dass solche Magazine in Dortmund waren. Die Szene war noch nicht so gefestigt wie heute und man wusste noch nicht wo die Leute alle sitzen. Das war nicht so einfach wie heute, wo ich dich mal eben schnell anrufen kann. Das musste immer alles über einen Manager gehen und man musste immer eine ganze Hierarchie abarbeiten bevor man an irgendwelche Kontakte gekommen ist. Das ist ja heute alles viel einfacher.

Wir haben dann auch immer wieder versucht einen Plattenvertrag zu bekommen und haben immer wieder an Plattenfirmen geschrieben, aber da war nichts zu holen, da war tote Hose. Vor allem mit dieser Art von Metal. . . Werner kam ja aus der Boogie-Zeit und von daher spielten wir so eine Art Boogie-Metal. Deshalb hat „Kingdom of the Night“ auch diesen Rhythmus. . .  Bernhard macht sehr überzeugend einen Rhythmus nach. . . das kommt alles aus der Zeit, weil Werner Kleinhans so auf diese Beats stand. Der war ja Kind der Boogie und Beat Welle und ist mit ganz anderen Leuten groß geworden. Der hat ja noch Elvis gehört. Ich war ja damals 18 und er war schon über 30. Das waren alles alte Säcke in der Band und ich war damals ganz, ganz jung. Daher hab ich auch immer schön den Ball flach gehalten, weil ich ja auch gar keine Ahnung hatte und ich war dankbar wenn wir mal gespielt haben. Ich erinnere mich, dass wir sogar mal auf einem METAL HAMMER Festival gespielt haben in der Ludwigsburger Rockfabrik. Da war auch eine andere Band, da werde ich nie vergessen, mit Patronengurten und Lockenköpfen und die waren völlig enttäuscht, dass sie es nicht auf Platz 1 geschafft hatten. Diese Band hieß DESTRUCTION. Das war damals echt lustig. Mit denen zusammen haben wir dann da auf der Bühne gestanden und in der Jury saß u.a. BONFIRE. Die hatten ja damals mit „Sweet Obsession“ einen Megahit und die haben richtig abgeräumt. Das war schon eine tolle Sache, vor allem wenn man daran denkt, dass wir Jahre später mit denen Auge in Auge auf derselben Bühne standen. Es ist eine schöne Erfahrung zu sehen, dass alle auch nur mit Wasser kochen und man sich dann mit den ganzen Stars von damals auch anfreunden kann. DORO habe ich damals noch mit WARLOCK gesehen und das war für mich sagenhaft geile Mucke. Später haben wir dann in Solingen auch ACCEPT gesehen, als die gerade „Breaker“ veröffentlich hatten.

Damals war ich noch richtig musikbegeistert und wir sind da überall hingefahren, um die Bands zu sehen. Heute bin ich auch noch musikbegeistert, aber eher aus einer technischen Perspektive. Ich hör mir heute gar nicht mehr so viel von dieser Musik an, weil ich mir meine positive Naivität, wie ich es immer nenne, erhalten will. Mein Manko im Laufe der Jahre ist leider, dass ich eher analytisch Musik höre und dann denkt man über Songstrukturen und Aufnahmetechniken nach und hört auf ganz naiv Musik zu hören. Das ist eigentlich schade, weil man mich heute nur noch sehr schwer begeistern kann und da muss wirklich etwas Geiles kommen, damit ich begeistert bin. Vieles ist ja heute ein ziemlicher Einheitsbrei geworden und die Musik ist etwas Highlight-frei geworden, was ziemlich schade ist.

Wir haben in unserer Bandgeschichte mehrere Eckpunkte, die für die Bandgeschichte wichtig waren. Wir haben damals versucht Demos zu machen, aber es war sehr schwer ein Studio zu finden. Das war damals alles so teuer, dass es sich niemand leisten konnte. Wir haben dann mal in der Bastei in Kamen gespielt, das war ein ganz kleiner Laden. Da war dann ein Typ namens Hermes, der immer PAs verliehen hat. Der hat aber in seinem Studio in Kamen auch Pornos vertont und das waren schon richtig fette Studios. Der fand uns so geil, dass er uns angeboten hat ein Demo zu machen. Dann haben wir mit einem anderen Typen, der Pico hieß, ein Demo gemacht und der wollte immer ganz viele Höhen haben.

Ich weiß noch, dass ich da richtig abgekackt bin. Ich dachte, dass wir uns da einfach hinstellen wie im Proberaum und losspielen und dann geht das ab wie ein Zäpfchen. Nee, erst wird das Schlagzeug aufgenommen, dann kommt der Bass, dann die Gitarre und wenn alles fertig ist, darf der Sänger singen. Das war für mich ganz schwer. Ich stand dann da ohne Band im Aquarium und musste die Songs performen. Das war für mich irgendwie tot und ich fand es schon damals nicht gut, dass man eine Band so aufnimmt. Ich hab mich dann aber daran gewöhnt und letztlich auch viel dabei gelernt über Intonation und wie man sechs Stunden durchsingt, weil Studiozeit ja richtig Geld kostete. Na ja, irgendwann haben wir es dann geschafft wirklich ein Demo mit den Hermesleuten hinzukriegen.

Damals kam dann auch gerade der Atari Computer auf und man konnte den in der Musik einsetzen. Wir haben zwar damals noch nichts mit Keyboards gemacht, aber da kam bei mir schon die Lust auf etwas mit Keyboards zu machen. Ich fand diese ganze Technik sehr faszinieren.

Wir haben dann also das Demo abgeschlossen und saßen dann immer oben in der Kantine, wo die ganzen Pornostars im Bademantel rumliefen. Da war ein Philippine dabei der uns aus der Hand gelesen hat und der hat mir vorausgesagt, dass ich lange in der Band dabei sein und richtig Gas geben würde. Werner Kleinhans hat er vorausgesagt, dass das zwar alles ganz toll werden würde, er es aber nicht sein Leben lang machen würde. Und im Endeffekt ist das ja echt so passiert. Ich glaube eigentlich nicht an so einen Scheiß, aber so im Nachhinein ist das doch echt eine ganz schöne Sache gewesen – oder ein ganz schöner Zufall, je nachdem wie man es sehen will.

Bevor es mit AXXIS jedoch richtig losging, brauchte man zunächst eine Plattenfirma. Doch wohin man das Demo, welches Songs wie „Kill or Die“, „Hot Love“ und „He’s a Killer“ enthielt, auch verschickte, die Labels zeigten kein Interesse. Ein Plan B musste also her und dieser hieß Dieter Dierks. Dieser war durch seine Arbeit mit den SCORPIONS berühmt geworden. So packte man das Geldköfferchen und klopfte bei den Dierks Studios an der Tür.

Die sagten dann, dass der Toningenieur gerade noch irgendeine komische Platte fertig machen müsste, und dass wir dann Samstag-Sonntag mit dem etwas aufnehmen könnten. Wir kamen dann in das Studio und da saß ein kleiner Typ mit Locken und aus den Lautsprechern kam nur ein seltsames Knarren. Die erklärten uns dann, dass sie das stundenlang aufgenommen hatten. Der Typ entpuppte sich als Michael Wagner und der arbeitete gerade mit einem gewissen UDO Dirkschneider an einem Song namens „Balls to the Wall“.

Für uns war die Arbeit in einem so großen Studio faszinierend und es war beeindruckend, wie Michael Wagner aus unseren bereits aufgenommenen Songs „Hot Summer Night“ und „Out of the Nation“ nochmal versuchte das Maximum herauszuholen. Wir haben dabei total viel gelernt.

Während Pico bei den Arbeiten im Hermes-Studio sehr viel Wert auf Exaktheit gelegt hatte, lernte die Band unter Michael Wagner eine viel liberalere, amerikanischere Arbeitsweise kennen. Letztlich wollte sich aber auch trotz der teuren Produktion und der großen Namen keine Plattenfirma finden lassen. Dabei lag das Augenmerk der AXXIS Musiker auf den großen Labels wie EMI Electrola, CBS usw.

Die kleineren Labels wie NOISE interessierten uns damals nicht. Später haben wir festgestellt, dass das ein Fehler war, denn die waren vielleicht im Land selber klein, international aber viel besser aufgestellt als die Majors. Das haben wir leider erst später gemerkt, aber Bands wie HELLOWEEN profitieren noch heute davon. Wir hingegen haben es im Ausland nach wie vor schwer, da wir in der Anfangsphase von der EMI in dieser Hinsicht nicht richtig gefördert wurden. Zwischen den Konzernen bestand in den verschiedenen Ländern eher eine Konkurrenz und es gab wenig Zusammenarbeit. Man musste erst die Erfolgsstory im eigenen Land aufweisen. Das ging zwar mit „Kingdom of the Night“ gut für uns los, aber AXXIS II und AXXIS III hätten auch noch solche Erfolge werden müssen. Wenn man dann nicht 100 Wochen in den Charts war, war man schnell wieder erledigt. Die kleinen Labels hingegen waren in vielen Ländern klein, haben in der Masse dann aber doch weltweit ordentlich Platten verkauft. 

Schließlich schrieb Bernhard mit einem Kumpel den Song „Tears of the Trees“, da man mal den Einsatz von Keyboards testen wollte. Der Rest der Band teilte Bernhards Begeisterung für die neue Technik jedoch wenig, da Keyboards zu der Zeit noch sehr verpönt waren. Bei Bands wie JUDAS PRIEST und MAIDEN fristeten die Tastenmänner ein Leben hinter der Bühne. Daher wurde der Song zunächst auf Eis gelegt. Erst einige Zeit später, als Bernhard nochmal mit Wolfgang Pentinghaus, einem Songwriter und Produzenten, der jedoch eher der Schlagerszene zuzuordnen ist, zusammentraf, entschied man sich dazu den Song einfach nochmal bei Hermes aufzunehmen.

Hermes hat das bezahlt und der wollte uns dann an eine Plattenfirma verkaufen. Deshalb hat der Pentinghaus dann auch drei, vier Tage richtig an dem Song gearbeitet, mit Programming und allem was dazu gehört. Die Band hat sich breitschlagen lassen und wollte mal sehen, was dabei rauskommt. Es war aber viel Überredungsarbeit.

Ich hab den Song dann vom Zivildienst aus mit dem Caritas-Briefkopf oben drauf an Plattenfirmen geschickt. Siggi Brandt von der EMI hat den Song dann gehört und die brauchten wohl Ersatz für die SCORPIONS und deshalb hatten wir einfach Glück. Alle anderen Firmen haben auch diesen Song abgelehnt. Ich glaube aber auch, dass die meisten die ganzen Tapes gar nicht gehört haben.

Für die Band sollte es dann aber zunächst auf eine Mini-Tour gehen und zu diesem Zwecke wurde ein Tourmanager gesucht. Ein Posten, den die Band in den vergangenen zehn Jahren immer selber ausgefüllt hatte. Doch die Angelegenheiten bekamen nun eine andere rechtliche Relevanz, so dass die Band doch merkte, dass jemand mit mehr Kenntnissen gebraucht wurde. Diesen jemand fand man dann in der Person von Wolfgang Rott.

Wolfgang war einer, der, wie Genscher, immer mit einem gelben Pulli durch die Gegend rannte und gar nicht wie ein Rock‘N’Roller aussah. Der wurde uns empfohlen und wir haben dann die ersten Tourneen zusammen gemacht und das war auch eine ganz schöne Zeit. Da kamen dann die ersten Handys auf und Wolfgang war immer so ein Technikbegeisterter. Auf die Dauer wurde es uns dann aber doch zu teuer, wenn da immer einer mit zwei Akkus am Handgelenkt und zwei Koffern mit einem Telefon durch die Gegend rannte. Irgendwann haben wir dann gesagt, dass wir das nicht mehr alles bezahlen wollen.

Doch zu dieser Zeit hatte die Band bereits die heutige Version des Namens AXXIS auf den Bannern stehen. Bis dahin war es jedoch ein längerer Weg, wie Bernhard zu berichten weiß.

Wir hatten als ANVIL angefangen und in den 80igern haben wir dann ein Heft namens Desaster in die Hände bekommen, was, glaube ich, der Vorläufer des Metal Hammer war, und dort tauchte auf einmal der Name ANVIL auf. Das muss wohl so 1982 gewesen sein. Wir brauchten also einen neuen Namen.

Da Drucksachen damals ja sehr teuer waren, wollten wir uns einen Namen suchen, der möglichst wenig Buchstaben hatte. ANVIL war schön kurz und den Namen konnte man auch quer drucken, so dass die Buchstaben größer waren und man den Namen gut lesen konnte. Wir hatten dann tausend Namen und kamen schließlich auf AXIS. Das war ein Wortspiel aus AXIS, der Achse, um die sich alles dreht, und Axes, den Äxten. Außerdem klang es schön metallich, man konnte es sich gut merken und es passte gut aufs Plakat.

Klaus Jankord (Gitarre) ist dann ausgestiegen und Walter Pietsch ist in die Band gekommen. Wir wollten ambitionierter werden und Klaus wollte das nicht. Über eine Anzeige in der stand „Ab geht die Lucy, ich geb‘ Gas und wir rocken das gemeinsam!“, sind wir Walter aus Neuss aufmerksam geworden. Der hatte allerdings keinen Führerschein, weil er Augenprobleme hatte. Deshalb konnte er nicht oft zu den Proben kommen und daher haben wir uns dann wieder getrennt. Damals haben wir mehr geprobt als heute.

1984 durfte die Band dann bei „Pop am Rhein“ in der Philipshalle Düsseldorf spielen. Ein Jahr zuvor hatten die RAINBIRDS dort ihren großen Hit „Blueprint“ gelandet und bei AXXIS sah man diese Veranstaltung als gutes Sprungbrett an. Gewonnen hatte man die Veranstaltung zwar nicht, dafür saßen alte Bekannte im Publikum.

Plötzlich standen Walter und Harry (Oellers – seit 1990 der Keyboarder der Band – TZ) vor uns und fanden es richtig geil. Walter hatte mittlerweile ne Brille, einen Führerschein und sogar ein Auto. Walter und Harry kamen dann immer in den Proberaum und so ging es dann also bei uns weiter.

1988 kam dann endlich der ersehnte Plattenvertrag mit der EMI. Die Rechtsabteilung überprüfte dann sofort den Namen der Band: AXIS.

Da gab es einen Musikverlang mit demselben Namen in Bayern und daher sollten wir den Namen wieder ändern, was wir aber nicht wollten. Wir kamen dann auf die Idee mit dem doppelten X und der Grafiker hatte dann die Idee zu dem Logo, weil das Doppel-X so an römische Zahlen erinnerte. Das Logo sah dann so geil aus, dass wir es so gelassen haben. Und so heißt die Band also seit 1989 AXXIS.

Wenn nun jemand fragt, wann die Band eigentlich gegründet wurde, dann sagen wir 1989. Wie du gerade erfährst ist das aber nicht wahr, da die Band schon vorher existierte und auf lokaler Ebene versucht hatte erfolgreich zu sein. Das war sehr harte Arbeit. Das ist dann auch mein Tipp an junge Bands: durchhalten und einfach weitermachen. Jeder Niederschlag ist ein Schritt nach vorne, da man weiß, wie man es in Zukunft nicht mehr machen sollte. Heute haben die Bands zudem ganz andere Möglichkeiten mit der ganzen Digitaltechnik oder mit Blick auf die besagten Druckkosten. Heute gibt es dafür andere Probleme. Mittlerweile ist es schwer sich aus der Masse der Bands herauszuheben. Damals musste man immer Geld haben, wenn man weiterkommen wollte. Das ist heute etwas anders.

Ja, wer erinnert sich nicht an sündhafte teure Vierspuraufnahmen aus dem Haus der Jugend oder ähnliche Dinge.

Genau, deshalb sterben die Studios ja heute, da jeder seine Aufnahmen zuhause macht. Allerdings klingen einige Sachen dann auch so.

Und schon springen wir durch die Zeit von „Kingdom of the Night“ zum 2017er Album „Retrolution“.

Es gibt gerade so eine Retrowelle aus der ich komme: mit Tapes, Vinyl, Tonbändern, mit Bandsättigung. Leute versuchen mit digitalen Plug Ins wieder ein Rauschen zu erzeugen, um den alten Charme zu bekommen. Das finde ich alles sehr interessant. Ich glaube, dass es das Resultat aus der Schwemme von Bands ist. Es gibt keinen A&R Manager mehr der filtert, sondern es gibt nur noch eine Masse. Den Menschen fehlt daher vollkommen die Orientierung – was soll ein junger Mensch auf der Suche nach Musik denn anhören? Man hält sich dann an dem fest, was man hat oder von den Eltern kennt. Ich finde es schon sehr faszinierend, wie viele Kinder auf unseren Konzerten über die Eltern an unsere Musik gekommen sind. Das wäre für mich ein absolutes No Go gewesen. Ich höre doch nicht die Musik meiner Eltern, das ist doch deren Musik. Wenn ich herausgefunden habe, dass meine Mutter auf den oder jenen Musiker steht, dann habe ich den gehasst. Ich wollte immer genau das Gegenteil machen und da hat uns die Industrie Bands wie KISS, IRON MAIDEN oder ACDC geboten, um einen Kontrapunkt zu setzen, zu dem was unsere Eltern gemacht haben. Heute ist das anders, die Kids orientieren sich an dem, was sie von den Eltern mitbekommen, weil sie sonst gar keine Orientierung haben. Die Modeindustrie macht das anders, die wissen, was sie den Kids bieten sollen.

Da ziehen dann ja eher die Eltern nach und ziehen plötzlich die gleichen Sachen an wie ihre Sprösslinge.

Ja, stimmt. Heute wollen die Menschen scheinbar wieder mehr Beständigkeit. Ich habe mir eine Platte damals abgespart, es war also ein Spannungsbogen: sparen, ab in den Plattenladen und dann wurde die Scheibe zuhause gehört und zelebriert. Ich habe höllisch aufgepasst, dass da nichts dran kommt, dass mein Bruder da keine Kratzer drauf macht und so weiter. Und diese Platten habe ich heute noch, weil das für mich ein Wert ist. Ich habe die ja nicht umsonst so gepflegt. Diesen Wert hat man bei CDs oder Spotify natürlich nicht mehr. Da wird Musik einfach nur konsumiert.

AXXIS gehören ja ohnehin zu den Bands, die sich nach Experimenten auch immer wieder auf ihre Wurzeln besonnen haben. So entstanden ja Alben wie „Back to the Kingdom“ oder „Kingdom o the Night II“.

Es macht uns unheimlich Spaß mal wieder zurückzuschauen. „Kingdom of the Nigth“ war aus so einer Euphorie heraus entstanden. Wir konnten es kaum glauben, dass wir jetzt unsere eigenen Songs bei der EMI im Studio aufnehmen sollten. Das war eine Sensation für uns. Da kamen dann ja immer Plattenfirmenleute rein und haben dir Honig ums Maul geschmiert. Auch wenn da viel Arschkriecherei dabei war, tat das natürlich richtig gut, vor allem wenn man sich vorher jahrelang den Arsch aufgerissen hatte und alle Leute gesagt haben, dass du scheiße bist.

Welche Erwartungen gab es denn damals bei euch?

Das kann ich dir anhand einer Story erklären. Wir hatten 1989 die Platte gemacht und waren dann mit Wolfgang Rott auf Tour und das lief auch ganz okay. Es ging darum, den Namen publik zu machen. Unser Chef bei der EMI hat damals ganz klar gesagt: Gebt mir drei Alben. Mit dem ersten Album möchte ich euren Namen bekannt machen. Nach dem zweiten Album sollt ihr touren, touren, touren und eine Fanbase schaffen. Mit dem dritten Album will ich Geld mit euch verdienen. Der Helmut Fest hat damals Bands immer so aufgebaut. Aber nach der dritten Platte musste man Profit abwerfen, sonst war man wieder weg vom Fenster. Das fand ich aber sehr ehrlich und aus Sicht der Plattenfirma auch verständlich. Heute wollen die Plattenfirmen Geld dafür haben, dass sie deine CD drucken. Da baut doch niemand mehr eine Band auf, sondern die bringen die auf den Markt. Es gibt weder Zeit noch Geld dafür und deshalb kommt auch so viel Schrott auf den Markt. Besser wäre es, wenn eine Firma auch mal wieder einen Künstler aufbauen würde? Es wäre doch toll, wenn man mal wieder einen Künstler hätte, der nicht vor 1000 sondern vor 100000 Leuten spielt. Es wäre ja auch effektiver, weil man nur einmal den Stress mit einem Künstler hätte. Das Risiko ist aber natürlich größer. Wirtschaftlich ist es aber besser nur ein Produkt zu haben, als 10 Produkte zu haben, die auch alle Geld kosten. Unterm Strich ist es bestimmt wirtschaftlicher nur einen Künstler aufzubauen. Das traut sich aber heute niemand mehr. Ist auch kein Wunder, denn die Kompetenz dazu fehlt mittlerweile. In den Firmen sitzen heute Fans und keine A&R Manager. Das ist dann natürlich problematisch.

VOLBEAT und andere gute Bands sind immer im Ausland aufgebaut worden und die deutschen Firmen greifen das dann nur noch ab, ist ja auch viel einfacher. Wir selber haben ja seit Jahren nichts mehr zu bieten. Mit fällt da nur KISSIN DYNAMITE ein, aber die bauen sich selber auf. Die haben auch bei der EMI angefangen und ich weiß, wie die EMI zu der Zeit gearbeitet hat. Das ist mit unserer Zeit nicht mehr zu vergleichen.

Nach diesem kleinen Exkurs erinnert sich Bernhard dann doch noch an die Ausgangsfrage – ich hatte sie bereits vergessen.

Als wir von der Tour mit BLACK SABBATH wiederkamen, also etwa ein Jahr nach dem Album, fragte der Helmut Fest, ob das Geld für die Tour denn eigentlich rückzahlbar war. Das war ja richtig teuer für die EMI. Es stellte sich heraus, dass die EMI den Vertrag nicht finden konnten und auch gar nicht unterschrieben hatten. Der Fest hat dann den Anwalt von der EMI nagemacht, weil es keinen Vertrag gab. Wir haben dann nach einem Monat den Vertrag in Walters Gitarrenkoffer gefunden und der war nicht unterschrieben. Wir hätten also jetzt einfach zu einer anderen Firma gehen können. Haben wir aber nicht gemacht, da wir eine loyale Band sind. Wir haben dann aber mit einem Anwalt versucht einen Deal herauszuholen, da unsere Position eine ganz andere war. Helmut Fest hatte, entgegen seiner Erwartungen, schon mit dem ersten Album Geld gemacht. Wir haben uns dann zwar an den alten Vertrag gehalten, aber doch einige Dinge geändert, so gehörte das Logo nun z.B. nicht der Plattenfirma. Wir mussten auch die BLACK SABBATH Tour nicht zurückbezahlen, weil unser Anwalt meinte, dass die EMI ja selber schuld gewesen sei. 

Unsere Videos mussten wir dann allerdings zurückzahlen. Damals hatte man für ein Video ja utopische Beträge ausgegeben. Für „Kingdom of the Night“ sind wir damals nach Newcastle gefahren und haben 150000 DM auf den Kopf gehauen. Ein Studiotag hat damals 1500,- DM gekostet und wir waren mehrere Monate im Studio. Es war also schon gut, dass wir die EMI hatten. Allerdings zahlen wir auch heute noch ab. Wir haben zwar mehrere Millionen Alben verkauft, aber die EMI findet immer noch irgendwas, was sie uns auf die Uhr draufpacken kann und daher zahlen wir noch heute. Letztlich haben wir aber sehr von der Firma profitiert und wir können da niemandem einen Vorwurf machen.

Die EMI hat ja damals auch gleich mehrere Singles auf den Markt gebracht, u.a. eine Shape Version von „Living in a world“ und verschiedene Picture-Singles.

Das kam damals gerade so in Mode. Wir hatten ja den Siggi Brandt als A&R Manager und Wolle Funk als Marketing Manager und mit dem stimmte die Chemie total. Der hatte Ideen und hat auch etwas über den Tellerrand hinaus geblickt. Der hat dann später auch die „Axxis II“ vermarktet. Das Plattencover kann er sich allerdings nicht auf die Fahne schreiben. Das fand ich damals schon Mist. Trotzdem hat er uns Videos ermöglicht und auch dafür gesorgt, dass die Radioleute uns mal in ihren Sendungen anbieten. So sind wir dann im WDR2 bei Wolfgang Rot in die Schlager-Rallye gekommen. Da liefen nicht nur Schlager, sondern auch Michael Jackson. Wir haben dann mal „Living in a world“ dort laufen lassen und das ging ab wie ein Zäpfchen. In der Jahresplatzierung landeten wir vor Michael Jackson und den ganzen großen Stars auf Nummer 1. Die Leute konnten damals die Songs wählen die sie hören wollten. Wir waren da die Vorreiten. Später kamen auch Doro usw. Aber die haben vor allem auch immer wieder unsere Singles gespielt, so dass wir viele Leute erreichen konnten.

In der Metalszene ging es stimmungsmäßig aber sofort den Bach runter. Durch „The Final Countdown“ waren die Fronten zwar schon etwas aufgeweicht, aber dass eine Metalband in einer Schlagersendung läuft und die Szene da so degradiert wird, das durfte nicht sein. Da gab es dann Sprüche von KREATOR im Radio, dass das ein No Go sei und es gab eine Art Shit-Storm und eine Neiddebatte. Es wurde dann unterstellt, dass die Vertreter mit Mikrowellen dazu gebracht würden, die Band zu verkaufen und den würden Reisen versprochen. Die Stimmung kippte, als wir Erfolg hatten und die Schlager-Ralley gewonnen hatte.

Doch ohnehin war das Verhältnis von AXXIS zur Medienlandschaft nicht immer ganz unkompliziert.

Der Metal Hammer und das Rock Hard konnten es bis heute nicht verdauen, dass wir immer schon da waren und sie uns nicht entdeckt haben. Ich habe mal mit dem Uwe Lerch, dem Mitbegründer des Rock Hard darüber gesprochen und der sagte: Es war uns einfach suspekt, dass diese Band plötzlich auftauchte und durchstartete und immer in Dortmund gewesen sein soll. Wo wart ihr denn?

Wir hatten die Magazine natürlich auch nie zu unseren Konzerten eingeladen, weil wir sie ja gar nicht kannten. Ich habe Musikermagazine gelesen, weil es ja gar keine Metalmagazine gab.

Besonders skurril wurde es bei der ersten internationalen Pressekonferenz der Band.

Wir sitzen da und die reden alle mit uns Englisch und ich dachte, dass das wohl auf einer internationalen Pressekonferenz so sein müsste. Hab ich eben auch Englisch gesprochen. Tatsächlich hatten die aber gar nicht gerafft, dass wir eine deutsche Band waren. Die Leute dachten, dass eine Band namens AXXIS bei einem Major-Label aus Nordamerika kommen müsste. Und dann erfahren die, dass wir aus Dortmund kommen – wie langweilig.

Doch der Erfolg ließ sich nicht aufhalten. Daran änderte auch die grell-bunte Konkurrenz bei einem anderen Major-Label nichts.

PINK CREAM 69 wurde mehr oder weniger vom Metal Hammer entdeckt und auch entsprechend gepusht. Auf einmal kommen wir und graben denen das Wasser ab. Ich wurde gefragt, wie viele Alben wir verkauft hätten und wir standen damals so bei 90 000. Ich dachte, dass sei normal, weil Helmut Fest ja gesagt hatte, die erste Scheibe dient dazu den Namen zu etablieren. Ich dachte damals, alle Bands verkaufen so viele Platten.

Peter Burtz vom Metal Hammer hat uns immer mit Missachtung gestraft, obwohl ich ihn noch gar nicht kannte. Das war allerdings auch nicht so schlimm. Der wurde jedenfalls von Helmut Fest eingekauft in der Hoffnung, AXXIS nach vorne zu bringen. Das war zu der „Voodoo Vibes“ Zeit, als der Metal kränkelte und Grunge angesagt war. Was Fest nicht wusste, war, dass wir ein gespaltenes Verhältnis hatten, weil der die Band scheiße fand. Das hat Burtz bei seinem Einstellungsgespräch natürlich auch nicht gesagt. Dann hatte Burtz aber Einblick in unsere Verkaufszahlen und musste feststellen, dass wir die Wahrheit gesagt hatten. Das hat das Verhältnis etwas verbessert.

Ich hatte auch Gespräche mit dem Horst (Odermatt – TZ) vom Heavy Oder Was?. Auf vier Seiten haben wir darüber gesprochen, wie die Szene AXXIS sieht und glaubt, dass alles nur erkauft und erstunken und erlogen war. Der dachte auch, dass es eine Casting-Band war. 

Noise Records lag damals im Bereich des Möglichen, aber ein Deal bei einem Major-Label war schon eine Sensation.

Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet und man hat gesehen, dass sich AXXIS über viele Jahre durchsetzen konnten. Dieser neuen Freundschaft innerhalb der Metalszene hat Bernhard dann auch gleich einen Song auf dem neuen Album „Retrolution“ gewidmet.

In „Heavy Metal Brother“ habe ich darüber geschrieben, dass sich die Zeiten geändert haben. Selbst Leute die uns noch immer scheiße finden, kommen zu uns und schütteln die Hand und erkennen an, dass wir uns so lange behauptet haben. Wir haben gezeigt, dass wir auch Bock auf die Mucke haben und nicht nur gehypt wurde. 

Dann lass uns kurz bei der Gegenwart bleiben, Musikalisch ist „Retrolution“ doch wieder deutlich rockiger ausgefallen als so mancher Vorgänger, der vielleicht eher im Metal Bereich angesiedelt war.

Wir wollten auch musikalisch diese Vintage Idee umsetzen und „Back to the Roots“ gehen. Wir kommen ja auch aus dieser Zeit. In den 70er und 80er Jahren gab es mehr dieser Phaser und Flanger Sounds und auch mal cleane Gitarren. Retorsound ist vielleicht übertrieben, aber wir sind doch wieder deutlich klassischer geworden. 

Wir arbeiten aber auch sehr viele Themen ab, die uns beschäftigen. Die beiden „Burn“ Songs („Burn! Burn! Burn! und !Burn down the house“ – TZ) berühren mich sehr. Ich frage mich gerade, ob ich mit dem Alter immer konservativer werde oder ob sich die Welt plötzlich anders dreht. Man weiß ja gar nicht mehr, was eigentlich los ist. Da gibt es den ISIS, der uns – jedenfalls gefühlt – abknallt und von den Medien wird das natürlich auch so präsentiert. Da gibt es die Trumps, die Le Pens, die Wilders und die AFD – dieser ganze Rechtsruck weltweit. Da frage ich mich dann, ob dieses ganze Gutmenschendenken „Wir sind multikulti“ das alles ausgelöst hat oder woran liegt es, dass es diesen Rechtsruck gibt? Ich frage mich ja auch selber, warum ich nicht erzählen darf wenn ein Ausländer einem anderen etwas aufs Maul haut? Warum wird man da sofort in eine rechte Ecke gedrängt? Ich finde, dass man das auch sagen darf. Wenn jemand scheiße baut, dann muss er auch die Konsequenzen dafür tragen. Wie kann es sein, dass ein rumänischer Mörder hier in Dortmund frei herumläuft, weil er in Deutschland nicht verknackt wurde und nicht nach Rumänien ausgeliefert werden darf, weil dort die Zellen nur zwei Quadratmeter haben. Das ist so ein Gutmenschendenken, das sich auch ad absurdum führt. Man kann doch nicht auf Friede, Freude, Eierkuchen machen, während um einen herum alles Mögliche abspielt. Da gehst du auf die Kölner Domplatte und der blöde Orbán (Viktor Orbán, Ministerpräsident in Ungarn) sagt: Ja, Leute, wir haben diese Probleme nicht. Ihr habt euch die reingeholt, jetzt seht zu, wie ihr klarkommt. Da werden Frauen vergewaltigt und irgendwer läuft mit einer Axt rum.

Wenn man es differenzierter betrachtet, dann hat das natürlich alles andere Ursachen und oft auch mit der Flüchtlingsproblematik gar nicht so viel zu tun. Trotzdem ist diese Stimmung da. Das finde ich sehr schade, denn diese Stimmung widerstrebt vollkommen meinen Ansichten. Trotzdem geht es in „Burn! Burn! Burn!“ um die Frage, weshalb wir nicht auch gegen die Leute angehen, die hierher kommen und Randale machen. Warum sagt man nicht ehrlich, dass die Menschen die hier Scheiße bauen auch wieder raus müssen? Auf der anderen Seite muss man natürlich auch die Menschen aufnehmen, die wirklich Hilfe brauchen.

„Burn down the house“ handelt von der anderen Seite. Dieses rechte Gedankengut scheint sich immer mehr in den Köpfen zu verankern und immer gesellschaftsfähiger zu werden. Auch dagegen haben wir scheinbar relativ wenig zu sagen. Wenn da Fälle auftauchen, werden die ja auch verfolgt, aber das Gedankengut bleibt ja. Diese Stimmung gegen Andersdenke scheint immer gesellschaftsfähiger zu werden. Die beiden Songs handeln also von diesen beiden Perspektiven und einer Situation, die immer extremer wird.

„Heavy Metal Brothers“ handelt eher von der Erfahrung, dass wir immer mehr zur Familie zusammenwachsen. AXXIS und die Rockfamilie wächst immer mehr zusammen. Egal was wir für Musik machen, so sieht man sich doch mittlerweile als eine Familie. Ich finde das geil, wenn wir nach WACKEN kommen oder zum BANG YOUR HEAD, dann begrüßt man sich und wir sehen uns seit Jahren immer wieder auf den ganzen Festivals. Dieses Gefühl des Zusammenwachsens finde ich eigentlich sehr schön.

Das ganze Album steht eh unter dem Titel, dass Vintage uns Halt gibt und eine Retrowelle kommt. Vinyl ist wieder am Kommen und die Menschen haben Bock Musik zu genießen und nicht nur zu konsumieren. Man will etwas entdecken. Wir haben ja früher die Platten rückwärts laufen lassen, in der Hoffnung, dass sich da irgendeine Message verstecken würde. Bei Spotify ist das natürlich nicht möglich. Wenn du die ganze Zeit mit dem Kopfhöhrer auf dem Ohr über die Autobahn rennst, gibt es natürlich wenig zu entdecken. Wir haben schon mal gedacht, dass wir für die mp3 Hörer einfach nur noch Bass und Snare aufnehmen, denn den Rest hört man da eh nicht und die Leute scheinen sich auch nicht dafür zu interessieren.

Dieses Album spricht etwas von dieser Stimmung, die mir gut gefällt. Wir waren ja damals technisch hochgerüstet, um das Rauschen beim Tape zu unterdrücken. Mit der Digitaltechnik konnte man plötzlich alles klinisch rein hinbekommen und plötzlich fehlt den Leuten das Rauschen. Und jetzt versucht man dieses Rauschen zu simulieren. Mit der Technik von heute gehen wir zurück in die Vergangenheit. Das ist schon irgendwie lustig.

Gesegnet sei derjenige, der alle analogen Aufnahmegeräte noch in der Abstellkammer des Tonstudios aufbewahrt hat.

Ja, die Leute profitieren jetzt davon. Allerdings ist der Sound auch einfach geil. Wir haben das auch gemacht. Wir haben auf dem neuen Album viel Zeug benutzt, das wir noch aus der Zeit bei der EMI hatten. Wir haben alte Echogeräte benutzt, denn die Effekte kannst du mit keinem anderen Gerät der Welt erzeugen.

Ich bin gespannt. Die Platte geht wieder an die Anfänge zurück und wir haben zwar auch einige Power Metal Elemente, aber wir sind eigentlich keine Power Metal Band. Das war mal eine Phase, die wir ganz interessant fanden, aber wir suchen auch immer wieder nach neuen Richtungen. Das neue Album ist eine Mixtur aus den verschiedenen Richtungen.

AXXIS 2017 sind also weiterhin für Überraschungen gut und heiß darauf Gas zu geben. Am 24. Februar erscheint „Retrolution“ und danach geht die Band wieder auf Tour, um Altbekanntes und Neues zu präsentieren.

(c) Bilder: Bernhard Weiß

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