Erdmöbel - Berlin Frannz Club (21.12.2016)

  • Datum: Mittwoch, 21 Dezember 2016
  • Ort: Berlin, Frannz Club
  • Redakteur: Kersten Lison
Erdmöbel - Berlin Frannz Club (21.12.2016)

Auch in diesem Jahr hat die Twilight-Redaktion keine Kosten und Mühen gescheut, um den mittlerweile legendär gewordenen Weihnachtskonzerten der rund um Köln beheimateten Indie-Pop-Band ERDMÖBEL beiwohnen zu können. Nach Hamburg 2014 stand nun Berlin auf dem Programm, und das zwei Tage nach dem verheerenden Anschlag mit vielen Toten und Verletzten. Doch nach kurzem Innehalten, Nachdenken und Zaudern konnte die Antwort nur "Jetzt erst recht!" lauten, wie Ekimas betonte.

Die Lokalität war herausragend gewählt, gehört doch der Frannz Club zur Kulturbrauerei, auf deren Gelände ein wunderschön beschaulicher und pittoresker Weihnachtsmarkt für eine überaus besinnliche Stimmung sorgte. Dazu mag vermutlich auch der Holunder-Sanddorn-Glühwein beigetragen haben...

Als Vorband fungierte das Hamburger Duo OVE, das mit seinem dynamisch mitreißenden Alternative-Sound, mit seinen witzig intelligenten Texten und seiner sympathisch unterhaltsamen Bühnenpräsenz einer der ersten Höhepunkte des Abends darstellte. Deshalb mein Tipp: unbedingt in das Album "Ich will mir nicht so sicher sein" reinhören, entdecken und kaufen!

Kurz vor 21 Uhr betraten dann die vier Mannen von ERDMÖBEL Markus Berges (Gesang, Gitarre), Ekimas (Bass), Proppe (Keyboards) und Dewueb (Schlagzeug) die Bühne, begleitet von den live nicht mehr wegzudenkenden ständigen Begleitern Henning Beckmann an der Posaune und Christa Becker an der Querflöte. Dass ERDMÖBEL in Puncto Weihnachtslieder jedes Jahr erneut Maßstäbe setzen, da sie in gekonnter Manier auf klebrigen Kitsch und unerträgliches Pathos verzichten, zugleich aber durch ein erfrischendes Maß an Ironie und Kritik den Zuhörern eine kleine Verschnaufpause in der mit zu hohen Erwartungen aufgeladenen Weihnachtszeit bescheren, ist eine unumstößliche Tatsache. Schade nur, dass die hiesigen Radiostationen, zumindest in Niedersachsen, davon noch keine Kenntnis erhalten zu haben scheinen (mit Ausnahme unserer Dezemberausgabe des Twilight-Magazin auf Radio Tonkuhle 105.3, in der 'Muss der heil'ge Nikolaus sein' zu hören war).

Mit ihren "War-Is-Over-Shirts" sowie mit Ekimas in rotem weihnachtlichem Gewande inklusive des nach eigenen Angaben extra für das Publikum wachsen gelassenen langen weißen Bartes hätte die Weihnachtsbotschaft auf keinen Fall besser transportiert werden können, zumal Ekimas von Markus Berges als "Gott" vorgstellt wurde, in Berlin allerdings nicht als strafender, sondern als gutmütiger Gott.

'Nonstop Christmas' war dann der erste Song des Abends, der zugleich unter Beweis stellte, dass es nur sehr wenige Bands gibt, denen es gelingt, die Welt um einen herum vergessen machen zu lassen und damit für einen echten Erholungseffekt zu sorgen. In der Folge wurde dann ein wahres Weihnachtshitfeuerwerk abgefackelt, von 'Fräulein Frost' über 'Weihnachten in Tamariu' bis hin zu 'Weihnachten im Weltall'. Ein wahrliches Highlight war natürlich der Kracher 'Dingdingdong (Jesus weint schon), ein Song, bei dem die Band die in Berlin erlernte Kulturtechnik der Polonaise in perfektionierter Weise zur Ausführung brachte, nämlich mit der überfallartigen Einreihung von Personen, die versuchten, der gutgelaunt feiernden Menschenschlange zu entkommen.

Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich auch nicht der Auftritt von Schauspieler Ulrich Matthes, der letztes Jahr dem Lied 'Melodica' nicht nur seine Stimme geliehen, sondern durch ein traumatisches Weihnachtsgeschenk-Kindheitserlebnis zum Entstehen desselbigen beigetragen hat. Weltklasse!

Eine überaus gelungene und lustige Idee war es zudem, den Track 'Aufs Christkind' sozusagen zu personalisieren, indem die Weihnachtswünsche des Publikums gesanglich textlich eingebunden wurden. Sehr schön war auch die Mitsing-Publikums-Battle bei der WHAM-Coverversion 'Weihnachten', bei der die eine Hälfte unter Federführung von Markus Berges den Refraintext zu singen hatte, die andere Hälfte, also "Gottes Seite", die textlose Untermalung zu performen hatte, getreu der Devise "je lauter, desto besser". Hammer!

Fazit: ERDMÖBEL haben mit ihrem Konzert im Frannz Club für einen heiteren, gelungenen und unvergessenen Abend gesorgt, der den Alltagsärger, den Weltschmerz und den Alltagsstress für diese Zeit wegzubeamen vermochte. Eine Art Kurzurlaub mit Aufladen der Energiespeicher. So gewappnet können die Feiertage kommen!

UA-27193385-1