Deaf Forever – Nummer 35

Und ich sag noch: Die sachkundigeren Reviews findet ihr beim Twilight Magazin. Den Beweis finden wir in der mittlerweile 35. Ausgabe der hardrockenden Überzeugungstäter mit Epizentrum in Dortmund. Doch von Anfang an…

Mit Fug und Recht wird man wohl sagen dürfen, dass sich das Print-Mag der einstigen ROCK HARD Mitstreiter Götz, Frank & Co mittlerweile als das verlässlichste und lesenswerteste Mag im deutschsprachigen Raum entpuppt hat. Ihre ehemaligen Mitstreiter im ROCK HARD haben sich in den letzten Ausgaben ja mit dem ein oder anderen bedenklichen Bericht ordentlich in die Nesseln gesetzt. Ich verweise nur auf das wirklich unterirdische Interview mit BURNING WITCHES. Die DEAF FOREVER Crew zeigt sich hingegen stets bemüht mit außergewöhnlichen Stories zu punkten und zudem traut man – anders als die Kollegen vom METAL HAMMER –  den Leser zu, dass deren Aufmerksamkeitsspanne eine mehr als halbseitige Story bewältigen kann. Und wenn dies nicht der Fall ist, gibt es mit dem Listenwahn ja immer auch kurzweilige Shorties. In der aktuellen Ausgabe finden wir unter dieser Kategorie u.a. „Bei diesem legendären Konzert/Festival wäre ich wahnsinnig gerne dabei gewesen“ oder „Mein schlimmster Cover-Blindkauf“. Darüber hinaus gibt es natürlich liebgewonnene Kolumnen wie „Die Kutte der Ausgabe“ oder „And the Band Played On“, in der Leser Fabian von seinen Erlebnissen beim Arkakain Konzert in Prag berichtet. Nun gut. Da kann ich schon eher etwas mit Markus Beckers (ATLANTEAN KODEX) „Soundtrack Meines Lebens“ anfangen, denn der gute Mann listet trotz seiner kurzen Haare tolle Alben wie „Ride the Lightning“, „Holy Diver“ und „The Years of Decay“ auf – allerdings wird er nicht müde zu betonen, dass sämtliche Alben eigentlich nur Platzhalter für andere Alben sind. „Holy Diver“ hätte also eigentlich „Long Live Rock `n` Roll“ sein sollen und OVERKILL könnte wahlweise durch EXODUS, TESTAMENT oder DEATH ANGEL ersetzt werden. Toller Geschmack halt.
Zwar kann ich mit der Titelband CIRITH UNGOL nicht so viel anfangen, meinen Kollegen Börd wird die gewohnt ausführliche Titelgeschichte jedoch freuen und vermutlich sogar begeistern. Mit einem Mal spricht alle Welt von DOOL. Wer zum Teufel ist das? Ein kurzer YouTube Check bestätigt mich in der Auffassung, dass wir es bei der Truppe mit einer eher DEAF FOREVER untypischen Band zu tun haben. Kuttenpotential gibt es hier jedenfalls nicht. Aber wie sagte ex-MORGOTH Brüller Marc schon auf einer der ersten ROCK HARD DVDs? Man muss ja nicht immer Metal hören. Es folgen die üblichen, derzeit aktuellen Verdächtigen: TESTAMENT, Soundcheck Gewinner SORCERER, die Hippie-Metaller LUCIFER und endlich die Aufsteiger von AMBUSH, die mit „Infidel“ gerade eine tolle Scheibe abgeliefert haben. So finden wir schließlich heraus, warum Sänger Oskar lieber alleine zuhause übt und weshalb er am Ende des Interviews eine Gänsehaut bekommt. Laut Konkurrenzblatt soll es ich bei HÄLLAS um eine DER Bands des 21. Jahrhunderts mit Potential zum Headlliner handeln. Allein das Bandphoto schreckt mich schon ab – skip. Die Story lese ich dann mal am Ende oder wenn ich mehr über Jesus hören will als der aktuelle Wachturm mir vermittelt. Deutlich metallischer wird es mit WOLF und SMOULDER. Unterm Strich nehme ich mit, dass bei WOLF bislang vor allem Verrückte in der Band waren. Daher sollten sie sich vielleicht den Rat von SMOULDERs Sarah zu Herzen nehmen: „Hört Platten, lest Bücher, und nehmt euch Zeit, wenn möglich weit weg von sozialen Medien, um geistig gesund zu bleiben.“
Während die zahlreichen „Metal-History-Stories“ in allen Magazinen davon zeugen, dass die maßgeblich Beteiligten die 40 und oft auch die 50 längst überschritten haben, fällt Alan Averill glücklicherweise gleich selber auf, dass zum Thema SLAYER vermutlich alles schon mehrfach gesagt ist. Diese Einsicht hält ihn dennoch nicht davon ab, die Alben der Bandgeschichte auf drei Seiten nochmal vorzustellen und zu bewerten. Und seien wir doch ehrlich: Ist ja auch trotzdem interessant. Es geht ja um SLAYER. Dass „Seasons in the Abyss“ bei Alan allerdings nur 7,5/10 Punkten abräumt, darf man ruhig kritisieren. Recht hat er allerdings, wenn er alle folgenden Studioalben durchfallen lässt. Dennoch: Die 4 Punkte für das aktuelle „Repentless“ Album erscheinen mir etwas Slayiologisch geprägt, denn die Scheibe enthält zweifellos einige richtig gute Thrash Songs.
Es folgt eine bunte Mischung von A wie ASSASSIN bis U wie ULCERATE und der Leser bekommt von Thrash bis Melodic Hard Rock alle Aromen der derzeitigen Szene serviert. Und dann gibt es doch noch einen weiteren Blick in die Vergangenheit: Frank Albrecht schaut auf 30 Jahre „The American Way“ von SACRED REICH zurück und bittet Wiley and Phil zum Gespräch. Wir erfahren etwas über den damaligen Proberaum und über den Zeitpunkt, an dem die Band nicht einfach nur noch schnell spielen wollte. Gleichzeitig war Schluss mit der SLAYER-METALLICA Abkupferei: SACRED REICH waren zur echten Band herangewachsen.
Frank Albrecht ist für diese Ausgabe ohnehin in den Thrashonauten-Anzug geschlüpft und nimmt sich deshalb auch gleich noch die wiederbelebten VIO-LENCE zur Brust.
Und damit stolpern wir mitten hinein in die Review-Section „Under The Guillotine“. Während es meist den gewohnten Mix aus 7-9 Punkten gibt, ist Martin Brandt – anders als ich – von METAL CHURCHs „From The Vault“ eher enttäuscht und OZZY bekommt für sein „Ordinary Man“ gleich eine ganze Seite mit sechs voneinander abweichenden Einschätzungen. Dass Wolf-Rüdiger mit 4,5 Punkten der Einschätzung unseres Erics am nähesten kommt, mag vielleicht an der gemeinsam geatmeten Hamburger Luft liegen. Doch der eigentliche Skandal der Ausgabe folgt auf S. 107. Dort nimmt sich Andi Dollinger das aktuelle Werk von den Chartstürmern THE PROPHECY 23 zur Brust und zückt eine erschreckende 5. Unpassenderweise wird dem 2014er Werk „Untrue Like a Boss“ ein druckloser Sound vorgeworfen – also bei mir drückt „Party Like it’s 84“ ganz schön aus den Boxen. Doch Schwamm drüber. Das neue Album „Fresh Metal“ hat er wohl leider nicht zu Ende gehört, denn Songs wie „We kindly ask to Shred“ oder das fantastische „PYL“ rechtfertigen auf jeden Fall eine Kaufempfehlung. Im Review klingt es dann auch eher so, als hätte sich Andi `ne A.O.K. Scheibe angehört - oder vielleicht eine neue J.B.O. Bei THE PROPHECY 23 kann ich weder einen undurchdachten Mix aus Thrash und Crossover finden, noch so schwerwiegend „zweifelhaft witzige Lyrics“, dass man die Band deshalb scheiße finden müsste. Machen wir ja bei anderen Bands auch nicht. Also, Scheibe noch mal richtig anhören – oder besser noch beim TWILIGHT nachlesen wie „Fresh Metal“ wirklich ist. Dass SCHIZOPHRENIA zur „Eigenproduktion der Ausgabe“ gewählt wurden, ist hingegen vollkommen berechtigt.
Auf der Zielgeraden der Ausgabe findet sich noch eine wirklich gute Idee: AXEL RUDI PELL seziert das Werk von RITCHIE BLACKMORE. Und schließlich kommt was kommen musste: Die Konzertberichte. In Corona-Zeiten wirkt dies ja fast schon wie Geschichten aus längst vergangenen Zeiten.
Doch die mit Abstand lesenswerteste Seite der Ausgabe findet sich schon relativ am Anfang: Mit „Die Schrödersche Treppe“ gibt es nämlich eine neue Rubrik. Hier lässt sich DRITTE WAHL Frontmann Gunnar zu verschiedenen Themen des alltäglichen Lebens aus. Den Anfang machen seine Beobachtungen zur allgegenwärtigen Musik, die ich von Anfang bis Ende unterschreiben kann: „Ich möchte einfach selbst bestimmen, wann und wo ich Musik höre – und vor allem auch welche Musik! … Gibt es kein Recht auf Ruhe?“ Wer schon einmal mit Jugendlichen auf Klassenfahrt war und ertragen musste, welche musikalischen Entgleisungen unablässig per Bluetooth durch diese kleinen, aber unglaublich nervig lauten Boxen gejagt werden, der kann sich in diese Beziehung nur hinter die Aussagen des Wahl-Münsteraners stellen. Leute, legt eure Platten zuhause auf oder benutzt einen Kopfhörer. Jugendliche kauft euch überhaupt erstmal `ne Platte und  streamt nicht den ganzen Tag so einen Scheiß. Punkt!
Das normalerweise beiliegende Poster ist dem Corona Virus zum Opfer gefallen. Für mich als älteren Leser ist das verkraftbar, denn ich kann Poster eigentlich nur noch zum einwickeln von Fisch gebrauchen, mag aber gar keinen Fisch. Insofern fehlt mir das fehlende Poster eigentlich auch nicht.
Ihr seht, dass DEAF FOREVER #35 lohnt sich mal wieder. Ihr könnt es entweder für 6,50€ bestellen und bekommt es in Lichtgeschwindigkeit zugeschickt oder ihr geht Mittwoch in den Laden und kauft das Teil. Ende!


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