Wer ein ganz besonderes Schmankerl erleben will, muss am Samstag sehr früh aufstehen, denn GOREFUNEST und FOR VICTORY haben ab 10 Uhr zum Frühschoppen im Zelt geladen. Während die einen eine astreine Bolt Thrower-Tribute-Band sind, besteht GOREFUNEST aus einigen Original-GOREFEST-Mitgliedern, die Bock haben die ersten Alben zu zocken. So nah wird man an ein Reunion-Konzert wohl nie mehr kommen. Und das erste Bier des Tages schmeckt auch schon wieder!
Nach A Carnorous Quintet gestern ist heute quasi zur gleichen Zeit ein weiteres Schmankerl aus dem gleichen Genre auf der Hauptbühne zu Gast. Ähnlich wie den Stockholmern blieb GATES OF ISHTAR auch der ganz große Durchbruch verwehrt, doch schwammen sie in der gleichen Ursuppe wie At the Gates, Dark Tranquillity und Konsorten.
Und für die Nordschweden ist es ein ganz besonders emotionaler Auftritt, denn eigentlich sollten sie schon 2016 auf dem Party.San auftreten, doch starb dann plötzlich ihr Schlagzeuger und sie mussten absagen. So schließt sich für die Band mit dem heutigen Auftritt nun ein Kreis, wie Frontmann Mikael Sandorf es ausdrückt. Und damit nicht genug: Zusätzlich kündigen die Melo-Deather an, dass sie an einem neuen Album namend „Murder the Light“ werkeln, dass im Januar 2027 erscheinen soll, also sagenhafte 29 Jahre nach ihrem letzten Release. Und von diesem Album schaffen es dann auch zwei Songs – „In Fires Froged“ und „Ghosts“ – auf die Setlist und werden als „old-school shit“ angekündigt. Druckvoll und hart kommen auch Songs wie „The Silence“ aus den Boxen und wenn dem Circle Pit-Aufruf anfangs nur 20 Nasen folgen, werden es im Laufe des Auftritts immer mehr. Nicht nur das Publikum, auch die Band ist angezündet und liefert mit „Where the Winds of Darkness blow“ zum Abschluss ein Highlight, dass Lust auf mehr macht. Vielleicht auf Tour mit dem neuen Album.
INTERNAL BLEEDING ist dann wieder eher was für die Stumpf-ist-Trumpf-Fraktion, bevor HEXVESSEL das komplette Gegenteil verkörpern. Extrem ist hier vor allem die Experimentierfreude. Hier wird Folk mit Hippie Musik und wabernden Gitarren vermengt und den uralten Göttern gehuldigt. Denn vor der Religion gab es die Spiritualität, wie usn Fortmann Mat McNerney wissen lässt. Leider sind auch hier mal wieder die Drums zur laut und lassen gerade die ruhigen Passagen untergehen. Vielleicht ist die PA einfach mehr Krach gewohnt. Der ab und zu anklingende Wikinger-Chor bei „A Dark and Graceful Wilderness“ ist jedenfalls deutlich zu vernehmen.

© Carsten Brand
Bevor es aber zu gefühlsduselig wird, räumen die deutschen Black-Metal-Urahnen BAXAXAXA im Zelt und noch mehr ACRANIUS auf der Mainstage ordentlich auf und machen keine Gefangenen. Die Newcomer haben sich schon ein große Fanbase erspielt und spielen ihren Slam Death voll auf die Fresse. Zwischen den Songs fordern sie Personen im Publikum persönlich zum Crowd Surfen auf und lassen kleine Seitenhiebe auf „große Metal-Festivals, die von Amis gekauft werden und zum Glücksspiel anstiften“ vom Stapel, bevor der Moshpit-Pegel wieder in den roten Bereich steigt. Live macht das auf jeden Fall enorm Spaß!
Ein unerwartetes Highlight des ganzen Festivals ist dann der Auftritt von IN THE WOODS… Ein Konzert kurz nach ihrer Reunion circa 2014 war noch eher enttäuschend, aber heute präsentieren sich die Norweger ganz anders. Volle Spielfreude und mit neuem Material im Gepäck wirken sie eingespielt und können die anspruchsvollen Songstrukturen gut rüberbringen. Los geht es mit dem Klassiker „Heart of the Ages“, bevor der melodiöse Gesang bei „Come Ye Sinners“ nur noch wenigen Growls weichen muss. Der neue Song „Let me Sing“ wird abgefeiert und geht tief in die Gehörgänge, bevor mit „The Misrepresentation of I“ der Auftritt auch schon vorbei ist, weil die Band laut eigener Aussage keinen Song mehr hat, der in die 5-Minuten-Marke passt. Hier regiert der Bühnenchef anscheinend mit harter Hand! Mit dieser Performance haben die Genre-Pioniere sicherlich noch mal ihren zweiten Frühling ausgerufen und einige neue Fans hinzugewonnen.

© Carsten Brand
Bei FIRESPAWN regiert dann der Nostalgie-Faktor. Alles erinnert an den zu früh verstorbenen Frontmann LG Petrov, der mit Entombed der Musik seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt hat. Seine Kutte hängt auf der Bühne und seine Mitstreiter aus alten Tagen huldigen ihm und dem schwedischen Death Metal auf ihre ganz eigene Weise. Live und mit aller Kraft. Ein würdiger Auftritt.
Wie groß GROZA mittlerweile geworden sind, merkt man an ihrem 19 Uhr-Slot. Vor ein paar Jahren noch als Newcomer am frühen Nachmittag, sind sie nun das erste Mal auf der Hauptbühne des Party.San unterwegs. Und die nach einem Mgła-Album benannten Black Metaller liefern ordentlich ab. Im mysteriösen Outfit, anonym unter schwarzen Kapuzen verborgen, blasten sie sich durch die Setlist, nur selten laden kurze akustische Intermezzos zum Verschnaufen ein. Nach 45 Minuten ist alles „Equal. Silent. Cold“.
Leider etwas zu früh ist es für CELESTE noch im Zelt. Normalerweise ist es bei deren Konzerten stockfinster und man sieht nur die roten Strahlen der Stirnlampen durch die Nacht zucken, was einen ganz auf die Musik fixieren lässt. Dazu ist es jetzt noch zu hell, und so kommt das Party.San-Publikum in den Genuss, die Band live und in Farbe vor sich zu haben. Doch auch so schaffen die Franzosen es, mit ihrem Post-Hardcore Black Metal-Verschnitt eine düstere, intensive Stimmung zur erzeugen, die einen in seinen Bann zieht.

© Carsten Brand
SUNKEN sind dann ein Geheimtipp für die Slow, Deep and Dark-Fraktion. Der gesamte Auftritt besteht aus drei Songs und 60 bpm werden nie überschritten. Beim Beginn des Sets sind die Reihen noch recht licht gefüllt. Das ändert sich aber nach dem Ende des Groza-Auftritts auf der Hauptbühne schnell und so werden auch einige neue Zuhörer, die vielleicht eigentlich nur eine Hopfenkaltschale nachordern wollten, angelockt. Obwohl der Gesang etwas unter geht, bleibt der Applaus langanhaltend, bis mit dem Zeichen zum Abbau klar ist, dass der Auftritt vorbei ist.
Was die Auswahl der Bühnen angeht, hatte ich mir im Vorfeld durchaus so meine Gedanken gemacht. Denn sowohl Sear Bliss, Fleshcrawl und nun heute Tulus sind alles Kandidaten, die es eigentlich verdient gehabt hätten, trotz Headliner-Ehren im Zelt auf der Hauptbühne zu spielen. Die beiden erstgenannten nicht zuletzt, weil sie in der Vergangenheit schon das eine oder andere Mal auf dem Party.San gastiert haben, Tulus weil sie erstmalig in Schlotheim gastieren, vor allem aber weil die Norweger einfach Kult sind! Dafür hätten sie dann auch deutlich früher spielen dürfen aber die Orga wird sich schon ihren Teil dabei gedacht haben. Tulus nun also in der Festival-Chrunchtime im Zelt. Das Trio um Sarke, Crowbel und Blodstrup grantelt, grummelt und knarzt sich fortan durch den Set, pechschwarz, rotzig, roh und kauzig as fuck. Technisch und musikalisch sind hier Könner und Enthusiasten am Werk, dennoch fehlt mir gerade bei den atmosphärischen Parts, bei denen auf den Scheiben cleane Vocals eingesetzt sind, die Mystik und die Tiefe. Vielleicht bin ich einfach schon zu sehr durch, allerdings hätte ich mir trotz einer alle Bandphasen umfassenden Setlist mehr erhofft, als Black'n'Roll mit Jazz-Anleihen. (JD)

© Carsten Brand
Nachdem MARDUK als Party.San-Dauerbrenner abgeliefert haben, wie es von ihnen erwartet wird, ist es Zeit für eine weitere Legende der Festival-Geschichte. Keine andere Band ist hier öfter aufgetreten als HYPOCRISY. Und das zu Recht! Die schwedischen Death Metal Legenden rund um Peter Tägtgren blasen zum Abriss des Festivals. Dazu haben sie ein Fegefeuer auf der Bühne aufgebaut, um außerirdische Wesen anzulocken. Denn sie sind sicher: „They will arrive!“. „Fire in the Sky” und der Gassenhauer “Left to Rot” werden abgefeiert, bei „Adjusting the Sun“ ist das Set zu Ende, jedoch nur kurzzeitig. Nicht lange lassen die Veteranen sich bitten, um doch noch die Klassiker ihrer über 30jährigen Bandgeschichte in den Schlotheimer Nachthimmel zu ballern: „Fractured Millennium“ wird heiß erwartet, doch erst mit „Roswell 47“ ist auch der letzte befriedigt. (Oder, wie mein Stehnachbar es immer wieder angekündigt hat: „Gleich kommt bestimmt ‚Knoxville 45‘“).
Die Veranstalter hätten keinen besseren Festivalabschluss einplanen können.
Doch ein Highlight fehlt natürlich noch: Nach drei Tagen Knüppel und Gebolze dürfen die ganz Hartgesottenen traditionell noch bis in die frühen Morgenstunden in der ABBA-Disco das Tanzbein schwingen und die „Dancing Queen“ raushängen lassen.
Redakteur: Martin Storf, Jens Dunemann