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Interviews

Blind Guardian Interview mit Marcus Siepen (2004)


Blind Guardian Interview mit Marcus Siepen (2004)

 

Hi Marcus, wie geht’s?

Hi (lacht). Sekunde mal eben … (werkelt irgendwie im Hintergrund rum).

Scheint so, als seist Du ziemlich beschäftigt. Schon mehrere Interviews heute gehabt?

Wir hatten gestern und heute zwei komplette Pressetage, und Du bist sozusagen der krönende Abschluss.

Also war es doch alles ein wenig stressig?

Nein, das kann man nicht sagen. Es ging, war eigentlich relativ entspannt alles.

Na gut. Trotzdem erfreulich, dass Du Dir Zeit genommen hast. Besonders interessiert mich natürlich die Veröffentlichung der „Bard’s Song“-Single, die jetzt im Mai erscheint. Soll das auch eine Art Hommage sein an die Fans, die diesen Song ja bekanntlich lieben?

Mit Sicherheit. Der Song ist ja immer das Highlight bei jeder Blind-Guardian-Show. Wir haben im Rahmen der letzten Tour 30 bis 35 Konzerte mitgeschnitten, und da waren auch ’ne Menge richtig geile Versionen vom „Bard’s Song“ dabei. Von denen wollten wir dann auch einige Versionen präsentieren, zumal auch immer Anfragen von den Fans kommen, wo denn die Konzerte am besten seien und wo die Fans am besten singen. Das können jetzt alle selber entscheiden, die Versionen durchhören und sich ein eigenes Bild machen.

Es sind vier Live-Versionen, wie ich das jetzt verstanden habe?

Das wurde im Rahmen der letzten Tour mitgeschnitten. Wir haben dabei so 35 Konzerte rund um die Welt verteilt aufgenommen und haben uns am Anfang dieser Produktion durch die gesamten Aufnahmen durchhören müssen, um festzustellen, wo wir die jeweils besten Versionen gespielt haben. Da arbeiten wir jetzt gerade dran. Wir haben dann von jedem Stück drei Versionen rausgesucht, die gemixt werden.

Also gibt es insgesamt eine ganz neu arrangierte Version und mehrere Live-Aufnahmen?

Wir haben den Song unter anderem neu aufgenommen, weil wir mit der originalen Studio-Version nie wirklich glücklich waren. Kalle, unser damaliger Produzent, hatte uns zu einem Klick spielen lassen, was mit dieser Nummer nichts zu tun hatte. Das heißt, wenn Du eine Akustik-Nummer zu ’nem Klick spielst, verlierst Du einfach sehr viel von dem Gefühl.

Und die Live-Versionen – wo wurden die aufgenommen?

Madrid ist drauf, Mailand glaub ich und Düsseldorf kommt aufs Album. Und dann noch ’ne Version, da hab ich aber ehrlich gesagt vergessen, wo die her war (lacht).

Die Fans in Mailand oder Madrid stehen den Fans in Düsseldorf, Hannover oder generell in Deutschland also auch in der Begeisterungsfähigkeit in nichts nach?

Nein, das kann man nicht sagen. Madrid steht auch ganz weit vorne. Jede Show hat auch irgendwo ihren eigenen Reiz. Madrid beispielsweise war eine richtige Killershow, und wie die Leute bei und nach dem „Bard’s Song“ abgegangen sind, ist schon richtig geil. Auf der anderen Seite ist die Düsseldorfer Show natürlich etwas extrem Besonderes, weil es eben das Heimspiel auf der Tour war und 6000 Leute in der Halle standen, die komplett durchgedreht sind. Wir konnten nach dem „Bard’s Song“ zehn oder fünfzehn Minuten nicht weitermachen, weil Standing Ovations ohne Ende kamen. Das ist einmalig.

Also ist es auch für Euch jedes Mal ein Erlebnis, den Song zu spielen?

Definitiv. Es ist noch nicht mal das Erlebnis, diesen Song zu spielen, sondern das Erlebnis ist die Reaktion des Publikums. Logischerweise macht es mir Spaß, die einzelnen Songs zu spielen, aber die richtige Gänsehaut kommt nur, wenn man vor den Leuten steht. Das ist immer ein Adrenalinstoß pur.

Und das Live-Doppelalbum – wurde das im Rahmen einer einzigen Tournee mitgeschnitten?

Nein. Es wird also nicht eine einzige Show sein, sondern definitiv das Best-Of von 30 Konzerten. Wir wissen logischerweise mit dem anderen umzugehen, man kennt die Stärken und Schwächen und auch die Macken des anderen und weiß, wie man was zu nehmen hat. Und natürlich gibt’s bei uns genauso viele Probleme wie in jeder anderen Band auch. Also wir hauen uns auch schon mal die Köpfe ein, wenn man unterschiedlicher Meinung ist. Nur ab einem gewissen Punkt fangen wir an, nach Lösungen zu suchen und Kompromisse zu schließen. Und das funktioniert einfach sehr gut, weil wir alle das gleiche Ziel haben: Wir wollen uns als Band weiterentwickeln und noch mehr erreichen und uns nicht auf unseren bisherigen Erfolgen ausruhen. Das schweißt dann zusammen.

Wie viele verschiedene Konzerte zu hören sein werden, wisst Ihr also noch nicht?

Nein, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Im Endeffekt wurden eine ganze Reihe Konzerte verwertet. Wir haben mehrere Stücke aus Deutschland, einige aus Spanien, wir haben auch aus Schweden einige Sachen dabei – verteilt eben.

Und wie kam es jetzt dazu, ein Livealbum zu veröffentlichen? War das ein mehr oder weniger spontaner Einfall oder hattet Ihr das schon länger geplant?

Nee, das war schon im Vorfeld klar. Speziell wenn man wie wir so einen großen Aufwand betreibt – 30 Konzerte nimmst Du nicht eben mal so auf. Das war uns schon vorher klar. Außerdem sind „Tokyo Tales“ jetzt auch schon zehn Jahre her und repräsentieren nicht mehr wirklich das, was wir heute machen. Wir haben nach „Tokyo Tales“ drei für uns sehr wichtige Alben rausgebracht, die wir auch gerne live dokumentieren wollten.

Themawechsel: Blind Guardian gilt doch als ziemlich dem Fantasy-Bereich verhaftet – von den Lyrics, den Coverartworks und auch eigentlich vom gesamten Image her. Könntet Ihr Euch vorstellen, von diesem selbstgewählten Image einmal wegzukommen, oder soll es ein integraler Bestandteil von Blind Guardian auch weiterhin bleiben?

Auf unserem letzten Album „A Night at the Opera“ ist exakt ein Lied mit Fantasy-Text drauf. Der Rest enthält eigentlich keine Fantasy-Themen im klassischen Sinne, sondern das sind dann eher irgendwelche Sagen-Geschichten. Von daher sind die ganzen Fantasy-Geschichten nicht zwingend notwendig. Es ist aber eine Thematik, die uns einfach sehr gut gefällt, weil klassische Fantasy, alte Sagen oder ähnliches einfach am besten zu unserer Musik passen. Also ich könnte mir jetzt nicht vorstellen, dass Hansi irgendwelche politischen Parolen in seine Texte einbaut, das würde einfach nicht passen.

Ich dachte, es wird generell jede Show irgendwie mitgeschnitten, im kleinen Maßstab?

Nein, das ist ja auch eine Kostenfrage. Das sind alles 48-Spur-Geräte, dazu das ganze Equipment. Außerdem fliegen wir ja auch relativ viel – nach Asien, Amerika oder wohin auch immer. Wenn Du dann das ganze Zeug immer mit Dir rumschleppst, sind das ja auch Transportkosten ohne Ende. Dann brauchst Du noch jemanden, der das Zeug bedient.

Was Live-Aktivitäten angeht, habt Ihr ja jetzt auch im Juni ein eigenes Open Air ins Leben gerufen. Soll das auf lange Sicht eine konstante Einrichtung werden?

Wir spielen mit dem Gedanken. Das steht zwar noch nicht fest, aber die Möglichkeit bietet sich ja an. Wir haben im Hinterkopf, das Ganze nächstes Jahr womöglich zu wiederholen, dann aber als einziges Blind-Guardian-Konzert in 2004. Wir wollen erst mal abwarten, wie es dieses Jahr läuft, denn das alles ist für uns logischerweise absolutes Neuland. Wir haben uns selber in dem Rahmen noch nie als Konzertveranstalter betätigt.

Ihr selber steckt also direkt persönlich dahinter, nicht Eure Plattenfirma?

Nein, das Ganze kommt von uns und wir arbeiten mit Leuten zusammen, die das für uns regeln. Wir haben also sehr viel Input in die ganze Sache, und was wir verwirklicht haben wollen, setzen diese Leute halt für uns um, so gut es geht.

Das Line-up entspricht also Eurem eigenen Geschmack und musikalischen Vorlieben?

Auf jeden Fall! Da sind Bands dabei, die wir auch explizit haben wollten. Wir haben im Vorfeld darüber nachgedacht und unsere Favoriten dann kontaktiert. Natürlich hatten einige Bands auch andere Verpflichtungen. Wir haben versucht, ein Line-up aufzustellen, das für jeden Fan etwas bietet, also Bands aus der eher traditionellen Schiene wie Primal Fear oder Rage, aber auch die harte Fraktion mit Soilwork oder Napalm Death. Wir haben versucht, ein möglichst großes Spektrum abzudecken.

Und Du bist dann tatsächlich neun Monate von der Familie getrennt, oder kommt der eine oder andere mit?

Das ist unterschiedlich. Also letztes Jahr in Spanien und Japan war meine Frau mit, mein Sohn logischerweise nicht, denn den wollen wir ja nicht aus der Schule herausnehmen. Aber hier in Deutschland kommt er oft mit, und wenn wir hier um die Ecke spielen, taucht er jedes Mal da auf.

Kennt Ihr die Bands bzw. deren Mitglieder persönlich?

Teilweise. Also beispielsweise Blackend und Galadriel kenne ich, weil sie an einem Blind-Guardian-Tribute-Projekt beteiligt sind, deren Coverversionen uns ziemlich gut gefallen und wir sie deshalb eingeladen haben.

Gibt es eine Show, von der Du sagen würdest, das war die beste Blind-Guardian-Show überhaupt?

Naja, das kann man so nicht sagen. Es gibt einmal die Shows in Düsseldorf, die wunderbar sind. Aber absolute Highlights waren Moskau, Istanbul und Montreal – also in drei Ländern, in denen wir noch nie vorher gewesen sind. Aber bei den Konzerten sind 3.000 bis 4.000 Leute trotzdem total durchgedreht. Es ist natürlich auch spannend, wenn Du in ein komplett fremdes Land kommst und nicht weißt, was Dich erwartet.

Ich kann mir vorstellen, in Ländern wie Russland, das ja noch weniger (für uns bekannt) mit Metal zu tun hat als die Türkei, sind die Leute noch ein Stück fanatischer?

Es war einfach nur sensationell. Wir haben erst in Nishni Nowgorod und dann in Moskau gespielt, und es war so geil und so erfolgreich, dass wir fürs Ende der Tour noch mal gebucht worden sind und jetzt im Juni noch mal hinfahren und auf einem Festival spielen werden.

Eine Frage, die bestimmt oft gestellt wurde: Gibt es einen Song von Blind Guardian, den Du selber besonders gerne hörst?

Also ich muss sagen, dass keiner von uns die eigenen Platten wirklich hört, weil wenn Du ein Jahr im Studio stehst und das aufnimmst und dann noch einige Monate auf der Bühne den Kram jeden Abend spielst, hast Du keinen Bedarf, Dir das Zeug auch noch zuhause anzuhören. Es gibt Songs, die ich besonders gerne spiele, zum Beispiel „The Script for My Requiem“, wobei das auch von der Tagesform und der Stimmung abhängt. Deshalb haben wir auf der Tour auch die Setlist relativ häufig gewechselt, um die ganze Sache auch angenehm für uns zu gestalten. Wenn Du neun Monate jeden Abend exakt das Gleiche spielen musst, wird’s irgendwann stinklangweilig.

Mal umgedreht: Was war denn Dein bestes Live-Erlebnis als Konzertbesucher?

Oh, lass mal überlegen. Vor ein paar Jahren war ich bei Rush, als die doch mal nach Europa gekommen sind. Das war ziemlich genial.

Spielt Ihr eigentlich – wie am Anfang Eurer Karriere – auch noch ab und zu in Jugendzentren oder für den Fanclub oder solche Sachen?

Den Fanclub an sich gibt’s ja im Moment nicht. Der ist auf Eis gelegt, weil da einiges schiefgelaufen ist. Im Allgemeinen werden wir uns wieder solchen Sachen zuwenden, wenn die Zeit dafür da ist. Im Moment sind uns aber die Hände gebunden, weil wir noch in der Sache mit der Live-CD drinstecken, direkt danach mit den Proben für die Festivalsaison beginnen, weil wir ja einen fast komplett anderen Set spielen werden.

Was mich noch interessieren würde: Auf der „Somewhere Far Beyond“ wirst Du auch unter „Armin Magnus“ geführt …

(lacht)

Was hat es denn eigentlich damit auf sich?

Das sind Spitznamen. Also „Magnus“ habe ich schon seit ich in dieser Band gelandet bin, und „Armin“ kommt von unserem Tourmanager. Auf der damaligen Tour war das. Da war ich mal in ’ner Bar und stand vor dem Flipper, und auf einmal kam da einer von hinten auf mich zu, hat mich wohl nicht richtig erkannt, die ganze Zeit wild auf mich eingeredet und immer „Armin“ genannt. Und unser Tourmanager hat sich kaputtgelacht und mich auf der ganzen Tour immer nur noch „Armin“ genannt.

Eine andere Sache, die mich als Fan auch noch beschäftigt: Auf den Bandfotos von Euren ersten beiden Alben „Battalions of Fear" und „Follow the Blind" hat Hansi immer die gleiche Jacke an...

(lacht)

...eine schwarze Lederjacke mit einem orange Inlet. Hat er die eigentlich immer noch?

Haha, ich glaube nicht, das er die noch hat. Ich werde ihn mal fragen aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich.

Alles klar. Gut, Marcus, ich bedanke mich, dass Du Dir soviel Zeit genommen hast... Gerne! Und als alter Fan habe ich mich besonders gefreut mit Dir zu sprechen, insbesondere weil mich „Somewhere far Beyond" damals zum Metal bekehrt hat. Das hört man gern... Also alles Gute und viel Glück für die Tour! Danke ebenso und bis Bald!

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