TNT: Twilight's Naked Truth - Vinyl vs. Digital
Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Hintergund das neue Thron-Album. Als MP3. Auch Plattenfirmen gehen mit der Zeit und haben schon lange von physischer auf digitale Bemusterung umgestellt. Unschön, oder?
Vinyl vs. Digital – oder: Muss die Welt immer eine Scheibe sein?
Während ich diese Zeilen schreibe, läuft im Hintergund das neue Thron-Album. Als MP3. Auch Plattenfirmen gehen mit der Zeit und haben schon lange von physischer auf digitale Bemusterung umgestellt. Unschön, oder?
Aber nicht nur wir (Möchtegern-) Journalisten treten, ob wir nun wollen oder nicht, mit den Segnungen der modernen Technik in Kontakt. Jedem Musikfan stehen heutzutage diverse Formate zur Verfügung, in denen das neue Album der Lieblingsband angeboten wird. Die Vorteile des Streaming liegen dabei auf der Hand. Man braucht schlichtweg keinen Platz mehr für seine Musik, ganz zu schweigen von dankbaren Freunden bei einem Umzug... Auch der Preis ist durchaus attraktiv, zahlt man für einen Premium-Account eines Anbieters kaum mehr als 10 Euro monatlich. Ich möchte nicht nicht wissen, wie viele Leute sich hier für den Rest den Monats von Haferflocken ernähren, weil Maiden mal wieder ein Deluxe-Box-Set herausbringen oder man dann doch auch noch die 7. Farbe der aktuellen Cannibal Corpse-Scheibe braucht. Soweit, so praktisch. Und das Beste: Über Spotify und Co. hat man praktisch auf alle Scheiben zugriff, die seit dem späten Mittelalter veröffentlicht wurden. Und genau hier liegt für mich das Problem.
"Was nichts kostet, ist nichts wert" – hat den Spruch nicht jeder schon einmal von seiner Oma gehört? Und damit meine ich nicht die explodierenden Vinyl-Preise. Seit das schwarze Gold wieder im Mainstream angelangt ist, möchten die großen Firmen eben auch neben den allgemeinen Rohstoffverteurungen gut, um nicht zu sagen sehr gut, verdienen. Nun muss jeder für sich selbst ausmachen, ob er 40 Euro für ein Doppelalbum oder 30 Euro für das einfache Vinyl hinblättert. Tonträger sind Luxus, niemand braucht sie wirklich. Aber ganz ehrlich: Ich möchte meine Platten und CD-Regale nicht missen, seien sie auch noch so unpraktisch. Am Computer oder Handy ist man ohnehin oft genug. Nach Feierabend möchte ich einfach vor dem Regal sinnierend auf und ab schreiten und dabei das Objekt der Begierde aus dem Fach ziehen. Anfassen. Das Cover betrachten (natürlich gerade im Vinylformat lohnenswert). In den Player oder auf den Teller legen. Auch das System der Ordnung sagt dabei einiges über den Fan aus. Strikt alphabetisch? Nach Ländern geordnet (kein Witz – ich kenne solche Leute)? Oder nach Genres? Ich habe mich für letzteres entschieden, auch wenn mich die Frage, ob ich Metallica nun bei Thrash/Speed, Heavy Metal oder Müll (St. Anger) einordnen soll, manchmal nachts schweißgebadet aufwachen ließ.Vorteil: Man läuft nicht Gefahr, in sommerlicher Partylaune plötzlich "Transilvanian Hunger" zu erwischen. Aber egal. Wie auch immer: Physische Tonträger bieten einem die Chance, sich intensiv mit seinem Hobby auseinander zu setzen. Und noch einen oft vergessenen Vorteil haben Cds und Vinyl gegenüber der Konserve: Wie oft kommt es vor, dass ein Album beim ersten Hören nicht richtig zündet? Beim Streaming wird da schnell mal die Skip-Taste betätigt. Aus und vorbei – Song, Band, Album scheiße. Wenn ich aber in einen Tonträger investiert habe, schmeiße ich den sicher nicht nach dem ersten Hören wieder weg, sondern gebe der Band auch eine zweite und dritte Chance. In manche Alben muss man sich halt reinhören. Ein gutes Beispiel war bei mir die letzte Voivod. Würde ich Spotify nutzen, hätte ich die wohl einmal gehört und danach liebe wieder zu "Dimension Hatröss" gegriffen. Dann wäre mir aber mit "Synchro Anarchy" ein Klassealbum entgangen, das seine Qualitäten mir aber erst nach diversen Runden auf dem Plattenteller offenbart hat.
Es liegt mir fern, hier zum Tonträgerkauf zu missionieren. Vielmehr geht es mir hier um persönliche Erfahrungen und die Leidenschaft, sich mit einer Musik auseinanderzusetzen, die alles zu bieten hat: Harte (und nicht so harte) Gitarrenmusik in all ihren Schattierungen. Und egal, ob man sich "Back In Black" bei Spotify gönnt, es auf den Plattenspieler legt oder es sich vom Drehleiermann vororgeln lässt, es bleibt doch das beste Album aller Zeiten!
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Kommentar Kersten
"Vinyl ist natürlich auch noch eine analoge Oase in der durchdigitalisierten Welt. In Zeiten, in denen die großen Internetzkonzerne unser Leben zunehmend durch ihre Algorithmen und ihre künstliche Intelligenz bestimmen, ist der Griff zur Schallplatte fast schon ein aufsässiger, rebellischer, ja nahezu revolutionärer Akt gegen den im wahrsten Sinne des Wortes MainSTREAM. Ein aktives bewusstes Statement der Freiheit. Das liebevolle Sammeln der Langspielplatten, die fachgerechte Aufbewahrung, die richtige Pflege, das stimmungsabhängige Auswählen, der zeremoniale Abspielakt, das wissbegierige Lesen der Lyrics oder das erhabene Betrachten der Cover: das alles sind Aktivitäten, die nicht nur einen besonderen Reiz ausüben, sondern die durch ihren immer wiederkehrenden Charakter auch Halt im Leben geben, zur Entschleunigung beitragen und schließlich das Wohlbefinden steigern.
Apropos Cover. Die Schallplatten haben zudem auch den großen Vorteil, dass die Coverkunst allein aufgrund der Größe viel besser zur Geltung kommt und eben nicht als kurze aufblinkende Illustration auf dem digitalen Endgerät schnell wieder in Vergessenheit gerät. Es ist eben kein Zufall, dass auch weltbekannte Künstler wie Warhol Plattencover gestaltet haben, dass sich Bildbände über herausragende Plattencover großer Beliebtheit erfreuen und dass sich einige von uns die Cover einrahmen und aufhängen.
Darüber hinaus zerstört das Streaming vor allem durch das um sich greifende Playlistunwesen den Sinn für das Gesamtkunstwerk „Album“, da wie aus einem Steinbruch die vermeintlich besten Songs herausgebrochen und mit den Tracks anderer in einen neuen Kontext gestellt werden. Damit geht ganz viel verloren, denn Jahrhundertalben wie „Disintegration“ von THE CURE, „The Dreadful Hours“ von MY DYING BRIDE, „Shades Of God“ von PARADISE LOST leben nun einmal von der einzigartigen Zusammenstellung und Reihenfolge der Lieder."
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Kommentar Justus