
Airbourne - Airbourne
Airbourne. AC/DC light? Diese Frage stelle ich mir seit Jahren. Ehrlich gesagt, ich habe nie eine Antwort gefunden. Die Einflüsse sind unüberhörbar. Jeder Akkord schreit es raus. Warum auch nicht?!
Fakt ist: Sie sind live eine Urgewalt. Immer, wenn sie in Berlin auftreten, wird es voll. Egal in welcher Halle. Bier holen wird zum Abenteuerurlaub. Mein Tipp: schon beim Vorprogramm anstellen. Dann hat man bei den Zugaben wenigstens eine Hopfenkaltschale in der Hand. Egal. Die Kapelle macht Spaß. Sorgt musikalisch für einen Rausch. Und jetzt, endlich, wieder mit neuem Material. Nach sieben Jahren. Wie ein Energie-Booster.
"Airbourne" heißt das neue Werk. Selbstbetitelt. Sechstes Studioalbum. Eigentlich sollte es am 28. August erscheinen. Dann die kurzfristige Verschiebung. Eine Woche später. 4. September. Über Spinefarm Records. Warum die Verschiebung? Offiziell kein Wort dazu. Muss auch nicht sein. Hauptsache, es ist da. Sieben Jahre Funkstille. Seit "Boneshaker" 2019. Das ist eine halbe Ewigkeit im Rock-Geschäft.
Zurück zur Ausgangsfrage. Warum klingt das alles so vertraut? Die Gründe sind simpel. Beide Bands: Australien. Beide Bands: groß geworden mit dem klassischen Pub-Rock. Dreckig, laut, schnörkellos, gitarrenlastig. Da ist keine Kopie im Spiel. Da ist eine gemeinsame Herkunft.
Die Details. Einfache, druckvolle Drei-Akkord-Riffs. Joel O'Keeffe singt in dieser rauen, hoch gepressten Kopfstimme, die man sofort mit Bon Scott oder Brian Johnson verbindet. Kein Synthesizer weit und breit. Schlagzeug, Bass, zwei Gibson-Gitarren, Marshall-Verstärker. Fertig. Keine Experimente. Wenn man so will: Airbourne verweigert sich dem modernen Rock-Geschäft. Bewusst.
Geadelt wurden sie auch. Das Ritterschlag-Zitat. Angus Young selbst, in einem Interview, über Airbourne: Er mag sie wirklich sehr. Für die Band war das mehr als ein Kompliment. Sie feierten es auf ihren Kanälen. Lebenslange AC/DC-Fans, die von ihrem Idol auf den Thron gehoben werden. Na gut, auf einen Platz direkt daneben. Die Szene sieht es ähnlich. Airbourne als Wächter der Flamme. Die den klassischen australischen Pub-Rock am Leben halten. Für eine Generation, die mit Streaming und Autotune aufgewachsen ist.
Dann das. Gänsehaut. Am. Ganzen. Körper. Ich geb's zu: Das trifft mich persönlich. Bin seit Teenie-Tagen Motörhead-Fan. Lemmy ist bei mir nicht verhandelbar.
Airbourne kündigte das Album mit einem handgeschriebenen Brief an. An Lemmy Kilmister. Verstorben, aber offenbar nicht vergessen. „Dear Lemmy, Well mate, it’s been a long time since we’ve said ‘g’day’ or shared a stage together. We’ve never forgotten one of the things you said to us, which was: no matter what, stay true to yourselves. Don’t worry about all the other bullshit in the music industry. Make music that your roadies will like. Because they’ve heard your shit more than anyone else, if they like it, everyone will love it ..."
Das ganze Album ist ihm gewidmet. Dem unsterblichen Geist des Rock 'n' Roll, wie es die Band nennt. Der letzte Song heißt "Send Me To Rock 'N' Roll Heaven". Da braucht es keine weitere Erklärung.
So eine Geste kann man kitschig finden. Mir ist es egal. Ich nehme es, wie es gemeint ist. Als Verbeugung. Von einer Band, die weiß, wem sie ihre Existenz verdankt.
Für die Songs holten sich die Brüder Joel und Ryan O'Keeffe prominente Unterstützung. Bryan Adams schrieb mit. Mutt Lange, der legendäre Produzent von AC/DC und Def Leppard, ebenfalls. Klingt nach einer seltsamen Kombination. Ist es vielleicht auch. Aber wenn die Ergebnisse stimmen, ist mir die Kombination herzlich egal.
Die ersten Vorboten machten jedenfalls Lust auf mehr. "Gutsy", lieferte genau das, was man erwartet: stampfende Riffs, pure Energie. "Alive After Death" und "Kid In A Candy Store" zeigen: Die Hymnen-Qualität ist nicht verloren gegangen.
AC/DC light? Vielleicht. Aber wenn das "light" so viel Wucht hat, nehme ich gern die Vollversion. Bier steht schon bereit. Zu Hause muss ich nicht anstehen.
