
GHØSTKID - Follow The White Rabbit
Welch ungewissen Ausgang das Folgen eines weißen Hasen mit sich bringt, ist spätestens seit Alice hinlänglich bekannt. Ähnlich dürfte es auch Sebastian „Sushi“ Biesler im Mai 2026 gegangen sein, als er plötzlich ohne Band dastand. Doch für solch einen Veteranen der deutschen Musikszene war Aufgeben natürlich keine Option, und so steht mit „Follow The White Rabbit“ bereits das dritte Album von GHØSTKID in den Startlöchern – neue Besetzung inklusive.
Und die besteht nicht aus Unbekannten: An der Gitarre schreddert nun Iain Duncan von CALIBAN, für die tiefen Töne ist Axel One, ehemals WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER, zuständig und auch am Schlagzeug sitzt mit David Friedrich, vor nicht allzu langer Zeit noch bei ELECTRIC CALLBOY, ein alter Weggefährte Sushis. Es ist wirklich schön, ihn wieder an den Drums zurückzuwissen. Friedrich hatte die Band 2025 verlassen und später sehr offen über Depressionen und Burnout gesprochen, die ihn damals zu diesem Schritt gedrängt hatten. Dass nun ausgerechnet er an die Seite Sushis zurückkehrt, der wiederum auf diesem Album Themen wie Burnout, Angst und Insomnia verarbeitet, wirkt fast wie ein Kreis, der sich schließt. Ob es diese Erfahrungen sind, die die beiden wieder vereint haben, bleibt aber im Bereich der Spekulation. Eingespielt wurde die Platte allerdings nicht von der neuen Besetzung, sondern vom langjährigen Mitstreiter und Produzenten Sky van Hoff sowie Jens Dreesen an den Drums.
Und wie läutet man einen Neuanfang gebührend ein? Natürlich mit dem Ende. „The End“ ist das Intro der Platte und stößt die Tür zum Kaninchenbau atmosphärisch und mit bereits viel emotionalem Wahnsinn auf, wie man es von GHØSTKID erwarten würde. Mit „Ivory“ geht es direkt überraschend weiter, denn Sushi packt die Clean-Stimme aus und sorgt so für mehr Alternative- als Metalcore-Sound. Wenn man an die emotionaleren ESKIMO-CALLBOY-Zeiten zurückdenkt, ist das aber auch nicht vollkommen fremd und vor allem: nicht schlecht!
Jegliche Sorgen um mangelnde Härte werden anschließend in „Mother Death“ ausgeräumt. Hier werden die Themen Schlaflosigkeit und Angst vor der Zukunft in all ihrer Brutalität und Verzweiflung behandelt und durch den Fleischwolf gedreht. Sushi hat das Shouten definitiv nicht verlernt! Ruhiger geht es dann mit dem bereits als zweite Singleauskopplung veröffentlichten „I Destroyed You“ weiter, in dessen Video das Geheimnis um die Personen unter den Hasenmasken gelüftet wurde.
Aber ein Kaninchenbau ist ja nun wahrlich nicht für seine Eintönigkeit bekannt. Der Titeltrack „Follow The White Rabbit“ hat starke Hip-Hop- und Rap-Einflüsse, wobei der Refrain wie gewohnt gekonnt mitreißend ist -nichtsdestotrotz ist es der nächste Ausreißer auf diesem Album. „Purple Snakes“ hat zu Beginn starke EDM-Gothic-Einflüsse mit seiner Elektronik, wird dann aber von einem cachigen Chorus abgelöst. Zum Ende hin dann noch mal ein harter Breakdown. Klingt gut!
Dass es ausgerechnet der Song „Give Your Kids A Gun To Play“ sein würde, der mich als Familienvater am meisten begeistert, ist nicht bar einer gewissen Ironie. Aber die schiere Kraft, das Treibende, die elektronischen, CELDWELLER-esken Elemente sowie der gute Wechsel zwischen Shouting und Clean-Gesang und natürlich der Mega-Breakdown haben es mir einfach angetan.
„Neon“ ist ein düsterer musikalischer Bruch, da es sich hierbei wirklich um einen sehr atmosphärischen Hip-Hop-Track, bei dem auch Maz Univerze mitwirkte, handelt – bis dann doch die Gitarrenriffs einsetzen und man sich im Crossover-Alternative-Bereich befindet. Ziemlich cooles Teil! Gut, dass Katy Perry nicht das uneingeschränkte Recht am Titel „Unconditionally“ hat, wenngleich auch die Version von GHØSTKID etwas ruhiger daherkommt, als es noch auf dem letzten Album der Fall war. Bis zur Bridge und zum Breakdown jedenfalls, danach geht‘s wieder mit Clean-Gesang und melodiöseren Tönen weiter. „Lovely“ möchte man da fast sagen - und genau so heißt auch die erste richtige Ballade von GHØSTKID. Ja, jede Band braucht anscheinend einen Feuerzeug-Song (oder heute Handytaschenlampen-Song, davon kann man halten, was man will). Das Maß an Gefühl, Atmosphäre und Authentizität, das Sushi dabei rüberbringt, sorgt allerdings dafür, dass dies ein weiteres Highlight des Albums ist.
Zum Abschluss eines jedes Albums stellt sich immer die Frage: Closer oder Banger? GHØSTKID haben sich dieses Mal für den ruhigeren Closer entschieden und mit „White Rainbow“ einen emotionalen Abschluss gefunden, der ohne viel Geschepper auskommt.
Mit „Follow The White Rabbit” schlagen GHØSTKID in neuer Besetzung auch neue Wege ein. Das soll nicht heißen, dass in GHØSTKID nicht mehr GHØSTKID drinsteckt, aber es wird emotionaler, experimentierfreudiger, nahbarer, aber auch etwas ruhiger. Ob das jedem gefällt, wird sich zeigen. Ich für meinen Teil finde aber, dass es die richtige Entwicklung hin zu einem noch authentischeren und vielschichtigeren Abbild dessen ist, was GHØSTKID alles in sich tragen.
Wer mit GHØSTKID live in den Kaninchenbau hinabsteigen möchte, hat dazu im Oktober die Gelegenheit, unter anderem:
08.10. Nürnberg, Z-Bau
09.10. Frankfurt, Das Bett
29.10. Köln, Essigfabrik
