Zum Hauptinhalt springen

Mastodon - Marrow Deep

VÖ: 28. August 2026  •   Label  Loma Vista Recordings/Concord/UMG

Mastodon - Marrow Deep

Nach der als einvernehmlich kommunizierten Trennung von Gründungsmitglied und Gitarristen Brent Hinds im März 2025, für die er die Worte "beschissene Band mit furchtbaren Menschen" ausgesprochen habe, seinem tragischen Unfall, bei dem er des Nachts mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit sein Motorrad in Atlanta, Georgia, USA fuhr und mit einem ihm die Vorfahrt nehmenden SUV kollidierte und verstarb, der Neugruppierung der Band, ist das Album Marrow Deep ein wichtiges Zeichen. Bis ins Mark ist sicherlich eine treffende Metapher für eine solche Situation.  
Mastodon, besonders die Gitarristen, waren mir geläufig aus den Gitarren- und Musikzeitungen, jedoch konnte ich mit ihrem Sludge-, Punk-, Hardcore-Gemisch wenig anfangen. 2022 strahlte die ARD eine vom Hessischen Rundfunk produzierte Dokumentation aus. Heavy Metal saved my Life. Im Kern dreht es sich um Menschen mit Lebenskrisen, die durch die Musik bestimmter Bands und das Fansein sich nicht aufgaben. Die zwei Hauptbands sind Iron Maiden und Mastodon. Als im Verlauf des Beitrags More Than I Could Chew während eines Konzerts aufgeführt wird, wandelte sich bei mir die Distanz zu Neugier, so dass ich mir zumindest die Alben ab Crack The Skye besorgte, wobei Hushed And Grim für mich das beste Album ist. Und es ist für Marrow Deep nun der Vergleichsmaßstab. Soviele Hymnen auf einer Platte! Allein der Opener Pain With An Anchor, Sickle And Peace, das bereits erwähnte More Than I Could Chew, More Than I Could Chew, The Beast mit seinem völlg anderen Verlauf ab 2:00 min, das Oberhighlight Teardrinker (was für ein Pre-Chorus und Refrain) und zudem eine Huldigung des großen Cliff Burton mit einem Basssolo, Dagger, Had It All, Gobblers Of Dregs mit seinem lässigen Zwischenteil umrahmt von schwermütigen Beginn und Schlussteil, Skeleton Of Splendor ist klasse, und am Ende ist Gigantium der Schlusshöhepunkt mit einer absolut unter die Haut gehenden zweiten Hälfte durch Rhythmik und Harmonieführung. Die Melodiosität gepaart Rauheit macht Hushed And Grim zu einem herausstechenden Album. 
Marrow Deep ist inspririert von der griechischen Mytologie, nämlich den drei Schwestern, die als Schicksalsgöttinnen bekannt sind. Und der Schlusstrack des Albums, The Three Fates, führt die Inspiration in seinem Titel. Aἱ Μοῖραι (die Moiren): Κλωθώ (Klotho, die Spinnerin), die den Lebensfaden aus der Spindel zieht, ihre Schwester Λάχεσις (Lachesis; die Zuteilerin), die Länge des Fadens ausmisst, und die dritte im Bunde heißt Ἄτροπος (Atropos; die Unabwendbare), am Ende den Lebensfaden abschneidet. Und da sind wir schnell beim Begriff Memoiren, sich des Schicksals, des Lebens erinnernd. Ob bewusst mit helenistischen Bezug, bleibt unbekannt, das Album eröffnet ein Lied namens Barbarians Blood. So sagt der Altsprachler ὁ βάρβαρος, und bezeichnet damit den Nichtgriechen (oder Barbar), während ὁ ξένος nur den Fremden im Allgemeinen meint. Sprache kann schön differenzieren. Der Einstieg in die Platte in einem gemächlichen Tempo wuchtiig, durch die Festanstellung des Tastenmannes João Nogueira wurde Mastodon zum Quintett. João Nogueira setzt so dann auch gleich hörbare Akzente und bekommt, als man das Tempo anzieht, sogleich einen Solospot. Es folgt mit Poisonous Weapons ein Lied mit rauher Klammer (Beginn/Schlussteil) und zartem Kern. Deutlich ruppiger startet Lied Nummer 3. Gelung ist der Wechsel in getragener Stimmung (ohne die Kraft einzubüßen), um dann in einen jazzigen Part mit Drums, Bass und Keys zu münden, in den am Ende die Gitarren einsteigen, um am Ende kraftvoll zu schließen. Es geht energetisch weiter bei Snakes For Dinner. Der Refrain ist Refrain ist sehr melodisch, João Nogueira erhält wieder einen Solospot, der Schluss ist a Capella. Die Chronologie verlassend, spreche ich In The Ruins an. Sehr ruhig in der Strophe, energiegeladen im Refrain, Erinnerungen an die Lieblingsstücke von Hushed And Grim keinem auf. They're Coming For You ist durch seine beinahe jazzigen Teile sehr interessant. Ähnlich verhält es sich mit Golden Spires. Und Moth And Bones beginnt gefühlt fast träumerisch Keyboard Intro, dann setzen Gitarren, Bass und Schlagzeug zart ein. Die zweite Hälfte fällt kräftig aus, behält aber ein paar leichte Akzente. In der Gesamtschau einer meiner Lieblinge auf Marrow Deep gemeinsam mit The Vanishing und The Three Fates. 
Die Dynamik des Albums ist hoch, auch innerhalb der Lieder, nie als harte Zäsur. Bei Three Fates lässt João Nogueira seine Keys mit Leslieeffekt beinahe nach John Lord (Deep Purple) klingen. Er bereichert den Klang der Band. Begeisterung ergibt sich aus dem Mix, besonders der Schlagzeugklang ist hervorragend. Man nimmt das Schwingen der Felle wahr, vor allen Dingen sind es aber die Becken, bei der man die unterschiedlichen Trefferbereiche und Schlaghärten Brenn Dailors mit seinen Sticks hört. Fehlt im Sound der Band Brent Hinds? Nein, weder an der Gitarre, noch beim Gesang wirkt etwas anders. Typischerweise gibt es begleitend zur Veröffentlichung Promotion, Interviews, Presseartikel usw. Ich möchte hier auf die Dokumentation "The Mastodon in the Room" verweisen. Auch wenn die Trennung von Brent Hinds der Schlusspunkt eines Prozesses gewesen zu sein scheint, der für drei der vier damaligen Stammbandmitglieder nach 25 Jahren gemeinsamer Bandgeschichte irgendwann unausweichlich wurde, weil sich ihr Freund zu sehr verändert hatte, so ist ihre Trauer über den Verlust authentisch, auch wenn Brent Hinds alles andere als schmeichelhaft das vor die Tür Setzen quittiert hatte. Sein Beitrag am Ruhm der Band bleibt unbetritten. 
Auch wenn ich durch die eigene jüngere Biographie mit Verlusten sehr wichtiger Personen in meinem Leben feinfühliger als vorher bin, das Gefühl habe, Kleidung und Haut sind nicht dicker als Pergamentpapier und dass bestimmte Trigger Schleusen öffnen können, gehen mir die Songs, selbst im Wissen um die Begleitumstände der Band, nicht bis ins Mark. Das tut der Kanon des Vorgängeralbums.

Fazit: Marrow Deep ist ein starkes Album. Wenn man damit dem ehemaligen Mitglied Brent Hinds Ehre und Respekt zollt und gleichzeitig die eigene Trauer verarbeitet und durch die sich geöffnete Tür in eine hoffnungsvolle kreative Zukunft schreitet mit zwei neuen Bandmitgliedern, beschreibt das die Qualitität des Albums hinreichend. RIP Brent Hinds.





Mastodon - Snakes For Dinner
The Mastodon In The Room [Doku]