
Noekk - Vergessenes
Die Welt brennt und während wir in der sommerlichen Hitze darben, die Natur nach Regen lechzt, bereiten uns Noekk seelisch und musikalisch auf den Herbst vor. Angesichts einer Welt am Rande des Wahnsinns mit ihren irren und wirren Protagonisten, die sie auf vielen Ebenen “lenken”, darf es der verdorrten Seele nur Recht sein, sich ab und zu in einer akustischen Auszeit zu verlieren. Prog-Rock meets Romantik, Noekk meets Heine!
Nach “Byron By Noekk” 2023 sind Thomas Helm und Ulf Theodor Schwadorf auf ihrem nunmehr siebten Album auf Heinrich Heine gekommen. Der deutsche Dichter liefert bis auf eine Ausnahme mit seiner Lyrik die textlichen Vorlagen und die Inspiration für Entschleunigung mit wohlig-warmer wie zuweilen kauziger Prog-Musik samt einer tiefgehenden Portion sehnsuchtsvoller Romantik!
“Vergessenes” weckt die Vorfreude auf stürmisch-verrregnete und vernebelde Nachmittage und Abende daheim auf der Couch im Sessel, am Kamin oder im schummrigen Dämmerlicht bei Kerzenschein. “Vergessenes” macht Lust auf Spaziergänge und Wanderungen durch Wald und Unterholz, den Duft nach Pilzen oder modrig-feuchter Luft mit dem Geruch von vergehendem Holz und Laub.
Das aktuelle Werk ist das erste Album von Noekk, auf welchem das Duo Helm/Schwadorf mit deutschen Texten arbeitet. Aus der Feder von Heine werden “Aus alten Märchen winkt es”, “Durch den Wald im Mondenscheine”, “Sterne mit den goldenen Füßchen”, “Es fällt ein Stern herunter”, “Der Herbstwind rüttelt die Bäume”, “Manch Bild vergessener Zeiten”, “Am fernen Horizonte” sowie “Das Herz ist mir bedrückt” musikalisch in der unnachahmlichen Noekk´schen Herangehensweise vertont und in der nicht weniger einzigartigen Art und Weise von Thomas Helm intoniert.
Musikalisch wird “Vergessenes” keinen Fan von Helm und Schwadorf enttäuschen, denn das Album verkörpert und vereint so ziemlich alle Sphären, die beide auf ihren bisherigen Veröffentlichungen mit Noekk erkundet haben. Vor allem von der Grundstimmung, nicht zuletzt aber auch auf Grund der deutschen Texte mit dem Hintergrund zum Romantiker Heine schlagen die beiden Protagonisten ein Stück weit eine Brücke zurück zum Debut “The Water Sprite” (2005) sowie zu “Weiland” (2002) von Empyrium. Denn mit Noekk stiegen Funghus Baldachin und F.F. Yugoth alias Helm und Schwadorf nach dem unvergleichlichen Empyrium-Werk, welches vor naturromantischer Lyrik und Musik ein Denkmal setzte, bis heute den künstlerischen Zenit von Empyrium markiert und gleichzeitig das Ende der ersten Schaffensphase dieser Formation bedeutete, in neuer stilistischer Ausrichtung wie ein Phönix aus der Asche empor. Dabei sind allerdings die Songs heuer nicht mehr so lang und ausladend, sondern fast schon kompakt und auf das Wesentlichste reduziert, was allerdings mitnichten heißt, dass in den Liedern weniger passiert.
Parallel zu dieser Historie ist darüber hinaus das herausragende Artwork von Benjamin König bezeichnend, der Stimmung, Klang und Geschichten wahrlich märchenhaft eingefangen und visuell in Szene gesetzt hat.
Nachdem “The White Lady” (2021) und zuletzt “Byron By Noekk” mit viel Liebe und Aufwand im Eigenverlag über Ancient Tree Music veröffentlicht wurden, hat man mit Martin von House Of Inkantation einen Bruder im Geiste als Kooperationspartner gefunden, der “Vergessenes” angemessen mit Kleinstauflagen von 100 CDs und 50 Tapes würdigt.
Über einen fetten Abzug in der B-Note kann ich allerdings trotzdem nicht hinwegsehen bzw. -hören, der sich leider im Mix der Scheibe äußert. Der prägende Gesang von Helm geht leider im verhallten Gesamtklangdickicht unter. Er steht über weite Strecken gegenüber der Instrumentierung zu weit im Hintergrund, was zur Folge hat, dass die Texte von Heine, wie auch das eindringliche “Das alte Haus” aus der Feder von Helm leider kaum zur Geltung kommen. Selbst mit Kopfhörer wird das Hörerlebnis diesbezüglich leider nur bedingt besser.
Trotzdem ist “Vergessenes” für mich DAS Herbstalbum 2026!
