Auf zu neuen Ufern: Axel Ritt von JÄST im Interview
Auf zu neuen Ufern. Nach der Trennung von GRAVE DIGGER geht Axel „Ironfinger“ Ritt neue Wege mit einer neuen Mannschaft. Anstatt seine ursprüngliche Band DOMAIN wiederzubeleben, ist er als Teil einer ganz neuen Combo namens JÄST zurückgekommen. Auf dem am 17. April erschienenen Debüt „JÄSTified“ gibt es eine spannende Mischung aus melodiösem Hard Rock und eingängigem AOR zu hören. Axel hat sich die Zeit genommen und uns einige Fragen beantwortet.
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Line Up
Jessica Conte - Vocals
Axel „Ironfinger" Ritt - Guitars
Steven Wussow - Bass
Timmi Breideband – Drums
Wir sind auch eine der letzten Bands auf diesem Planeten, welche nicht mit Backingtracks arbeiten. Jeder Ton, den du von uns hörst, wird in dem Augenblick auf der Bühne live erzeugt.
Hi Axel, dich muss man unseren Lesern natürlich nicht groß vorstellen. Aber vielleicht kannst du kurz erzählen, wie ihr euch als Band zusammengefunden habt und von wem die Initiative ausging.
Gerne. Die Idee zu JÄST kam von Bassist Steven. Steven und ich kennen uns schon seit vielen Jahren und haben zusammen in Bands wie DOMAIN und HELLRYDER gespielt. Er erzählte mir, dass er sehr große Lust auf eine Band hätte, die die glorreichen Zeiten des Songwritings und der großen Produktionen aufleben lassen würde, und da wir beide eine große Prägung in der Musik der Achtziger erfahren haben, waren wir uns schnell einig.
Timmi an den Drums war unsere erste Wahl. Ich hatte ihn durch Zufall bei „Bonfire And Friends“ gesehen und meiner Frau sofort ein Video von ihm mit den Worten „Schau mal, da spielt der Sohn von Tommy Lee“ geschickt. Ich liebe Show-Drumming und Timmi ist nicht nur ein sehr guter Handwerker und ein liebenswerter Mensch, sondern auch ein echter Showman. Bzgl. Gesang hatten wir uns als Maßstab gesetzt, die beste Rockröhre des Landes zu finden. Dass es eine Frau werden sollte, war eigentlich gar nicht vorgesehen, aber wir haben nur ein paar Live Videos von Jessica im Netz gesehen und damit war es beschlossene Sache. Ich glaube, ich brauchte keine 10 Sekunden, um zu wissen, wer die perfekte Ergänzung für uns war.
Die drängendste Frage für mich ist, weshalb ihr die um vier Songs erweiterte EP „5“ nun unter dem Namen „JÄSTified“ nochmal als Album veröffentlicht? Hättet ihr euch nicht auch die Zeit nehmen können, um ein Album mit komplett neuen Songs einzuspielen?
Wir haben diese Arbeitsweise bewusst gewählt. Sie ist ein Zugeständnis an die veränderten Marketing-Gegebenheiten, welche die Musiklandschaft heutzutage mit sich bringt. Durch meine Meadow Studios haben wir die Möglichkeit, jederzeit ohne Zeitlimit in ein prof. Studio gehen zu können. Um den Fans regelmäßig neue Songs zu bieten, haben wir uns entschlossen, jede Single einzeln zu releasen, um sie dann erst in EP-Form und dann in Albumform zusammenzufassen, wobei das Album noch den Bonus-Track „Sweet Gasoline“ beinhaltet.
Der Vorteil war, dass so neu hinzukommende Fans mit der letzten EP immer eine Zusammenfassung der aktuellen Songs hatten, um sich ein Bild zu machen. Jetzt liegt der Fokus natürlich auf unserem Debütalbum „JÄSTified“, aber wir arbeiten bereits schon wieder an der nächsten Single. So eine Arbeitsweise kannst du natürlich nur machen, wenn du ständig Zugriff auf professionelles Equipment hast. Und mit Jessica haben wir nicht nur eine herausragende Sängerin, sondern auch eine versierte Grafik- und Videodesignerin in unseren Reihen, was uns komplett autark macht.
Wir brauchen für das komplette Erstellen eines Songs inkl. Songwriting, Aufnahme, Mix, Release etc. ca. 2 – 3 Monate und wir komponieren immer einen Song nach dem anderen. So kommt es, dass wir für ein Album knapp 2,5 Jahre gebraucht haben.
Wie sieht euer Konzert-Terminkalender aus? Die Bandinfo klingt ja so, als würdet ihr recht viel live spielen.
Wir versuchen, so viel wie möglich live zu spielen, vorausgesetzt, es macht wirtschaftlich Sinn. Die Band besteht ausschließlich aus Berufsmusikern, was dazu führt, dass man leider einige Angebote nicht wahrnehmen kann. Sehr viele Bands spielen heutzutage „für lau“, bzw. für Fahrtkosten, was dazu führt, dass sich viele Veranstalter im Zweifelsfall für diese preiswerte Variante entscheiden.
JÄST ist definitiv eine echte Liveband und kommt auf der Bühne nochmals deutlich druckvoller rüber als auf Platte. Wir sind auch eine der letzten Bands auf diesem Planeten, welche nicht mit Backingtracks arbeiten. Jeder Ton, den du von uns hörst, wird in dem Augenblick auf der Bühne live erzeugt. Es wurde mir zwar schon oft nahegelegt, doch auch den bequemen Weg zu gehen und einfach zu vorgefertigten Aufnahmen auf der Bühne rumzuhopsen, aber dann könnte ich morgens nicht mehr in den Spiegel sehen.
Weshalb habt ihr euch entschieden, mit „Like The Way I Do“ einen Song von Melissa Etheridge zu covern?
Das habe ich durchgedrückt. :-) Die gesamte Band hat mich erst mit einem großen Fragezeichen im Gesicht angesehen, aber ich habe Jessica die Nummer einmal live singen gehört und war begeistert. Um dem Song eine eigene Note zu geben und um ihn druckvoller zu machen, haben wir das Tempo stark reduziert und wieder einige typische JÄST-Chöre platziert. Für mich persönlich diese Nummer gesanglich die stärkste Nummer des Albums, insbesondere im hinteren Teil der Nummer, wenngleich „HEARTLIGHT“ der Titel ist, der den meisten Musikhörern am besten gefällt.
Welche Bands und Stile würdest du als die größten Einflüsse für JÄST nennen?
Wir bezeichnen unseren Stil als „80s AOR Reboot“, was im Prinzip alles aussagt. Ein Kollege hat mal geschrieben: „Geil, Def Leppard mit Frau!“ Fand ich auch sehr passend. Jessicas Stimme wird von der Färbung her gerne in Richtung Tina Turner oder auch Bonnie Tyler wahrgenommen, auch wahrlich keine schlechten Referenzen.
Wie kann man sich das Songwriting bei JÄST vorstellen? Bastelst du alles in deinem Studio zusammen und holst den Rest dann nur für die Aufnahmen zu dir? Oder geht ihr eher als Band ans Songwriting?
Der Ablauf ist immer der gleiche. Meistens habe ich, oder auch mal Timmi oder Steven, eine Basisidee, wie ein neuer Song aussehen soll. Ich setze mich dann hin und erstelle eine komplette Vorproduktion des Titels, bei dem ich alle Instrumente selbst spiele und teilweise auch ein paar Gesangslinien einbringe. Das versende ich dann an alle in der Band.
Danach schreibt Steven dann, dass das Arrangement „totaler Mist“ wäre, dass der Song viel zu lang ist und dass alles noch viel, viel einfacher gehalten werden muss. Daraufhin setze ich mich an die nächste Version des Titels mit geändertem Arrangement und versuche, ihn unter 4:00 Minuten zu drücken. Parallel dazu überlegt sich Timmi, wie man die Drums auf den Song ausrichtet, ob es an interessanten Breaks fehlt, und Jessica macht sich erste Gedanken über die Gesangslinien und die Lyrics.
Danach bekommt Jessica den Song als MP3, woraufhin sie bei sich zu Hause die ersten Guide Vocals und Chöre aufnimmt. Ich arbeite dann meine Chöre aus und zum Schluss haben wir einen Song. Danach werden alle Vorproduktions-Instrumente wieder gelöscht und durch die finalen Instrumente ersetzt.
Weshalb hast du nach der Trennung von GRAVE DIGGER nicht deine alte Band DOMAIN wiederbelebt?
Ich habe darüber nachgedacht, musste mich aber für eine Band entscheiden, da ich zeitlich nicht zwei Bands hätte gerecht werden können. DOMAIN wird immer mein Baby bleiben und ich hatte auch eine tolle Zeit mit den unterschiedlichen Musikern, aber ich sehe in JÄST das größere Potential, wenn es um die Zukunft geht. Man merkt den „Zug zum Tor“ in der Besetzung, was extrem wichtig für die Zukunft einer Band ist.
Inwiefern sind die musikalischen Herausforderungen bei der Arbeit für JÄST andere als während deiner Zeit bei GRAVE DIGGER?
Das lässt sich nicht miteinander vergleichen. GRAVE DIGGER waren ein Traditionsunternehmen, welches in sehr engen musikalischen Strukturen abläuft. Die Riffs durften das Standard-True-Metal-Schema nicht verlassen, die Tonarten mussten wegen des Gesangs immer die gleichen sein und alles, was auch nur einen Hauch von musikalischer Weiterentwicklung mit sich brachte, wurde im Keim erstickt. Meine Aufgabe als Songwriter war es daher, die Trademarks des GD-Sounds zu bewahren und sie immer ein wenig zu verändern, auf dass es als eigenständiger Song wahrgenommen wurde.
JÄST hingegen eröffnet harmonisch und handwerklich ganz andere Welten. Ich bin ein Riesenfan von harmonischen Chorarrangements, im Studio wie auch live, und diese lassen sich bei JÄST auch tatsächlich umsetzen. Ich rede jetzt von ECHTEN Chören, nicht aus dem Sampler zusammengeklebte Chöre. Alle Chöre, die man auf „JÄSTified“ hört, sind von Jessica und mir eingesungen worden und das hört man. Wir haben auch echte, eingespielte Drums und nicht wie auf den letzten beiden GD-Alben nur programmierte Drums. Für mich als Songwriter und Produzent ist das, als ob man mich als Kind über Nacht in einem Süßwarenladen eingeschlossen hätte. Man weiß gar nicht, wohin man zuerst greifen soll.
Kannst du etwas zu deiner Gear bei den Aufnahmen und auch zu deinem Live-Set-Up sagen? Welche Amps, Gitarren usw. kommen zum Einsatz?
OK, das Wichtigste zuerst. Sowohl live als auch analog setze ich zu 100 % auf analoge Gitarrensounds. Keine Plugins, keine Emulationen, keinen „Kempi und seine Freunde“. Mir ist bisher noch nichts untergekommen, was klanglich mit einer perfekt mikrofonierten Amp-/Cabinet Kombination mithalten kann und da mir ein perfekter Gitarrensound sehr am Herzen liegt, betreibe ich auch im Studio einen entsprechenden Aufwand, was sich in Dutzenden von Amps, Cabinets, Speakern und Mikrofonen widerspiegelt.
Im Studio benutze ich für den JÄST-Sound hauptsächlich vier verschieden Amps. Einen modifizierten Marshall 2203, einen Hughes & Kettner Triamp MKIII, einen ENGL Savage MKII und einen KOCH AMPS Powertone. Live verwende ich bei großen Tourneen zwei Hughes & Kettner Triamp MKIII. Wenn es schnell gehen soll, die Hughes & Kettner Black Spirit Flooramps.
Um JÄST zu dem traditionellen Songwriting einen modernen Soundanstrich zu geben, spiele ich bei dieser Band ausschließlich Baritongitarren. Meine Hauptgitarre ist dabei eine Custom-Anfertigung von Framus, siehe https://www.amazona.de/feature-my-favorite-guitar-framus-panthera-baritone-axel-ritt-custom/
Wo soll die Reise für JÄST mit „JÄSTified“ hingehen? Wollt ihr ein Label finden oder ist der DIY-Ansatz eine bewusste Entscheidung, um die volle Kontrolle behalten zu können?
Wir haben einen erfolgreichen Mittelweg gefunden. Wir haben als Label meine Plattenfirma Humbucker Music gewählt. So haben wir die professionellen Vermarktungsstrukturen eines Labels, haben aber dennoch 100 % Kontrolle über sämtliche Schritte der Verwertung unserer Musik.
Wir haben einige Angebote von etablierten Labels bekommen, aber die Konditionen wären unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten immer zum Nachteil der Band gewesen. Sämtliche Labels, welche noch im Markt aktiv sind, machen ja im Prinzip nur noch Katalogverwertung früherer Künstler. Einen echten Aufbau einer Band mit entsprechenden Investitionen über mehrere Jahre kann sich ein Label heutzutage finanziell gar nicht mehr leisten, da die Einnahmen viel zu gering sind. Du bekommst als Band heute einen kleinen Vorschuss, wirst in der Standard-Promo mit durchgeschliffen und das war es.
Bei Humbucker Music können wir die Investitionen zielgerichtet setzen und erzielen damit die maximale Aufmerksamkeit für die Band. Der Nachteil ist der persönliche Aufwand. Da ich gleich mehrere Funktionen wie Songwriter, Produzent, Engineer, Manager, Booker und Promoter in Personalunion übernehmen muss, arbeite ich 80 Std. die Woche nur für JÄST.
Unbeliebtes Thema, aber es muss zum Abschluss trotzdem sein: Hast du seit eurer Trennung nochmal mit Chris gesprochen? Hast du dir die letzte Scheibe von GRAVE DIGGER überhaupt angehört, oder hast du das ganze Thema für dich erstmal abgeschlossen?
Chris und ich haben nach unserer Trennung nur noch über unsere Anwälte kommuniziert. Es war leider eine sehr schmutzige musikalische Scheidung, in deren Rahmen ich eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben musste, weshalb ich auch über die genauen Gründe der Trennung nicht öffentlich reden darf.
Ich habe mir das letzte Album angehört, was mich darin bestärkt hat, dass es so nicht hätte weitergehen können. Mein Hauptproblem seinerzeit war, dass Chris aus finanziellen Gründen beschlossen hatte, das Mixing und Mastering bei „Symbol Of Eternity“ selber übernehmen zu wollen. Das Ergebnis war klanglich so minderwertig, dass ich nicht mehr hinter dem Album stehen konnte. Ich hatte ihm noch angeboten, den Mix unentgeltlich, oder auch mit ihm zusammen zu machen, aber er ließ sich nicht umstimmen.
Mir war klar, dass Chris diese Arbeitsweise beibehalten wird und es damit keine Basis mehr für weitere Alben mit meiner Mitwirkung geben würde. Mir ist die Qualität einer Plattenproduktion inklusive eines gleichzeitig transparenten und hochwertigen Sounds extrem wichtig und diese würde es bei einer Beibehaltung dieser Arbeitsweise nicht mehr geben.
Dank dir für deine Zeit.
Ich habe zu danken!