Dorfterror im Interview
Punkrock ist tot. Überall? Nein, nicht überall. In dem kleinen Dorf Oberbillig im Trier-Saarburg-Kreis sind regelmäßig laute Stromgitarren, donnernde Drums und sozialkritische Texte zu vernehmen. Eine kleine Schar unbeugsamer Punkrock der Gen-Z hält die Fahne des Punkrocks hoch. Nachzuhören auf dem aktuellen Album „Schreikinder“. Grund genug also, um sich mit den drei Männern und einer Dame von DORFTERROR zu Themen wie Zusammenhalt, Streaming-Diensten, Work-Life-Balance und FDP auszutauschen.
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Line Up
Dominik „Fussel“ Ruth (Geschrei, Gitarre)
Lukas „elgatocastrado“ Ruth (Gitarre, Backing-Vocals)
Florin „Tier, das“ Große (Schlagzeug)
Julia „Chili“ (Bass, Vocals)
Wir würden uns sehr eine Liberalität wünschen, die genau diese ausgebeuteten Menschen von Marktzwängen und Abhängigkeiten befreit. Christian Lindners Privilegiertenprogramm ist das glatte Gegenteil davon.
Wie damals inszeniert die AfD Bedrohungen, um darüber ihren Populismus verbreiten zu können, während die wirklichen Probleme zunehmend an den Rand gedrängt werden.
In meiner Jugend prägten Punks mit bunten Irokesen und vollgeschriebenen Lederjacken noch in Teilen das Hildesheimer Stadtbild. Altersbedingt dürfte das bei euch anders gewesen sein. Trotzdem besingt ihr mit „Blaue Haare“ eigentlich genau diese Zeit. Welche Art von Zusammenhalt vermisst ihr heutzutage in der Punkszene?
Der Song ist tatsächlich eher autobiographisch zu verstehen, Fussels Haare zum Beispiel haben da viele Metamorphosen hinter sich und waren alles außer „natur”. Es waren unbeschwerte Jugendjahre, wo irgendwie alles möglich gewesen wäre, aber das Dorf subkulturell längst tot war. Natürlich gibt es heute auch Zusammenhalt, aber gefühlt wird die Gesellschaft kälter. Vermutlich liegt das auch an den vielen Nischen, in die man sich heute aufteilt und aufgeteilt wird, und dem “Revolutionsangebot” für kritische Jugendliche außerhalb von Punk. Da wir die frühere Punkszene nicht selbst erlebt haben, wäre unsere Sicht darauf wohl eher zu idealisierend. Was wir aber generell vermissen, ist eine übergreifende Solidarität zwischen Bevölkerungsgruppen, auch verursacht durch eine gezielt vorangetriebene Isolation. Zum Beispiel wollen aktuell Teile der Regierung Programme wie „Demokratie Leben!”, welches u. a. auch das von uns mitorganisierte kleine Festival “Konz wird laut” finanziert, abschießen und stattdessen kaderschmiedenartige Lobbyorganisationen wie die Landjugend fördern. Das ist übergriffig, autoritär und antidemokratisch und soll offensichtlich Zusammenhalt, Aktivismus und Autonomie der alternativen Subkultur von Grund auf erodieren. Jugendlichen signalisiert man hiermit unter zunehmendem Druck, dass sie nur etwas wert seien, wenn sie sich in solchen einseitig-zweckorientierten Organisationen engagieren.
Vielleicht könnt ihr kurz eure musikalischen Einflüsse beschreiben. Seht ihr die eher im klassischen britischen Punkrock, im Deutschpunk oder doch eher im modernen Pop-Punk amerikanischer Prägung?
Unsere Eltern nahmen uns in sehr jungen Jahren bereits auf Konzerte mit. Unter anderem wuchsen wir mit den TOTEN HOSEN, ÄRZTEN und PASCOW auf, was uns wohl stark prägte, wie uns auch immer wieder gesagt wird. In der Band hören wir wirklich sehr vieles querbeet, von z. B. Måneskin über IKKIMEL und RISE AGAINST bis ROY BIANCO & DIE ABBRUNZATI BOYS ist da alles dabei. Wir haben alle unsere eigenen Musikgeschmäcker, von denen wir beim Songwriting immer etwas mit einfließen lassen, was für immer neue Mischungen und Inspirationen sorgt. Genau das macht auch das gemeinsame Musizieren besonders.
Seht ihr einen Unterschied zwischen Deutschpunk und Deutschrock? Wie verortet ihr euch da?
Das kommt ganz darauf an, wie man „Deutschrock” definiert. Rein musikalisch beinhaltet deutscher Rock ja auch den deutschen Punk. Da kann man sehr viele stilprägende KünstlerInnen wie die Scherben oder Lindenberg verorten. Doch wenn man Deutschrock enger und aktueller fasst, dann wird die Abgrenzung schnell politisch, denn im Deutschrock werden die Grenzen zur Grauzone schnell unsichtbar. Dort beansprucht man Deutungshoheit und vermittelt mit viel Pathos rechtspopulistische Narrative, die vor allem beim „besorgten Bürger” und teilweise sogar bis weit in die Gesellschaft hinein anschlussfähig sind. Inszenierte Opferrollen, patriarchale Cis-Dude-Romantik, nein danke. Spätestens wenn Begriffe der neuen politischen Rechten, wie „Gutmenschen” usw., in einem entsprechend abwertenden Kontext in den Lyrics auftauchen, dann sind wir raus und antworten mit schwarzen Briefen.
Ihr kommt aus der rheinland-pfälzischen und saarländischen Provinz. Ein Hintergrund, den man eher nicht mit linken und systemkritischen Ansichten in Verbindung bringt. Wo und wie wurdet ihr politisch sozialisiert?
Das ist wohl vor allem der Situation geschuldet, in der man hier so aufwächst. Die klassische Dorfkarriere führt dich meist über Tradition, Vereine und Feste in Verbindung mit Alkohol in die nächste Generation Spießigkeit. Und es gibt so eine latent autoritäre Erwartungshaltung, wie du als Jugendlicher auf dem Dorf zu sein und wie du dich zu integrieren hast. Gleichzeitig gibt es kaum alternative Angebote für Jugendliche, die sich davon nicht angesprochen fühlen. Getriggert hat uns auch der krude Blick auf globale Missstände: Lebensrealitäten geflüchteter Menschen z. B. werden oft ausgeblendet und der letzte Rest Menschlichkeit muss vor der Kirchentür bleiben. Oder der ignorant-fragile Blick auf den Klimawandel und Fridays for Future, die zunehmend Zielscheibe wurden, nur weil sie unbequeme Wahrheiten aussprachen. Zu dieser Zeit gründete Yasmine, eine Freundin unserer Eltern und Mitgründerin von Sea Shepherd in Luxemburg, die Hilfsorganisation Izulu Water in Südafrika. Sie führte an Schulen in KwaZulu-Natal Umweltbildung durch und bohrte Brunnen, weil die Menschen dort oft keinen einfachen Zugang zu Wasser hatten. Zu der Zeit etwa veröffentlichten PASCOW den wichtigen Song “Kriegerin”, der so absolut perfekt auf Yasmine passte. Wir sammelten Geld, um an der New Era School in Mseleni einen Brunnen zu bohren. Den gibt's übrigens heute noch.
Neben klassischen Punkrock-Themen besingt ihr auch Themen, die es früher schlichtweg nicht gab. So setzt ihr euch in „Grüne Hölle“ kritisch mit Streamingdiensten auseinander. Gleichzeitig seid ihr aber auch auf Spotify usw. vertreten. Ist das nicht widersprüchlich?
Genau darauf spielt das umgedeutete “Stockholmsyndrom” im Song an. Du denkst, du siehst den Widerspruch, aber am Ende gibt's das Syndrom in der Form gar nicht, weil die Realität ‘ne andere ist. Ok, klingt kompliziert, also mal ein paar Fakten dazu, auch wenn wir uns damit jetzt wohl keine Freunde machen: Spotify zahlt mit Abstand am schlechtesten von allen Streaming-Diensten, nicht zuletzt auch, weil sich das Topmanagement überdurchschnittlich viel auszahlen lässt und das Ausschüttungssystem sehr unfair ist. Gleichzeitig erklären sie uns arrogant, dass die Musikproduktion ja heute nix mehr kosten würde. Sie investieren in Rüstungsfirmen, lassen ICE-Werbung schalten, es gibt haufenweise rechtsextreme, menschenverachtende und KI-generierte (also automatisiert-geklaute) Inhalte, ... die Liste ist unfassbar lang. Wir respektieren die KünstlerInnen sehr, die deshalb Spotify oder auch Meta den Rücken kehren. Doch am Ende canceln wir uns als Band damit nur selbst, denn wir sind viel zu klein und unwichtig, um auf diese Art etwas bewirken zu können. Denn Musik wird heute fast nur noch über Spotify, Meta, TikTok usw. entdeckt. Die wird es erst kratzen, wenn viele Top-Artists oder mehrere große Player der Musikindustrie die Plattform boykottieren. Das haben übrigens auch schon andere, deutlich größere Bands versucht, auf die wir im Song ja auch anspielen, und die sind dann am Ende alle doch zu Spotify gegangen. Fragt die gerne auch mal, die Antwort würde uns sehr interessieren.
In „Lotterie des Lebens“ setzt ihr euch mit der „Gnade der Geburt“ und neoliberalen Ideen auseinander. Aus den Reihen der FDP hört man angesichts der Wahlschlappen, dass sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene eine liberale Stimme fehle. Fehlt sie euch auch?
Wenn man an Politiker wie Gerhart Baum denkt, dann fehlt wohl auch uns eine echte, liberale Stimme in einem demokratischen Diskurs, ganz egal von welcher Partei. Doch neoliberale Marktideen sind etwas völlig anderes. Hier wird die Idee einer Freiheit pervertiert, indem sie auf kapitalistische Märkte übertragen wird, um Gewinne zu maximieren auf Kosten anderer, meist schwacher Menschen ohne Lobby. Zudem stört uns die Dudeness: Sowohl der geringste Frauenanteil aller Parteien wie auch die Abgründe dahinter, die z. B. Tobias Ginsburg aufdeckte. Liberalität sieht anders aus. Wir würden uns sehr eine Liberalität wünschen, die genau diese ausgebeuteten Menschen von Marktzwängen und Abhängigkeiten befreit. Christian Lindners Privilegiertenprogramm ist das glatte Gegenteil davon. Wenn das der Baum wüsste.
In „Oh Panama“ besingt ihr, wenn ich es richtig verstanden habe, in gewisser Weise das Problem von Resilienz bzw. das Fehlen derselben. Was ist eure Erklärung dafür, dass Depression, Burnout & Co. heute immer mehr um sich zu greifen scheinen und die Menschen immer mehr Wert auf „Work-Life-Balance“ legen? Was müsste sich ändern?
Der Song möchte vor allem Opferperspektiven verständlich machen: Du bist fremdbestimmt, treibst in Wellen auf einen Abgrund zu und verlierst dich dabei. “Oh Panama” ist bewusst vielschichtiger, bedeutungsoffener gehalten, denn sogar in der Band hat der Song verschiedene Hintergründe und Motivationen. Diese verbindet dieselben Muster, denen man kaum entkommen kann, z. B. die Täter-Opfer-Umkehr durch die Gesellschaft, die daraus resultierende Hilflosigkeit, das Inaussichtstellen eines fiktiven Paradieses zum Preis von Konformität, welches unerreichbar scheint, und mit zunehmend eskapistischer Eskalation als Konsequenz. Kurzfristige Hilfe bestünde vor allem darin, Opfer ernst zu nehmen, Hilfs- und Schutzstrukturen zu schaffen, statt zu delegitimieren und zu entfinanzieren, wie es aktuell geschieht. Darüber hinaus müssen langfristig die Ursachen beseitigt werden. Opfer müssen geglaubt und respektiert werden. Ausbeutung muss unterbunden / verhindert werden. Täter müssen sich verantworten und zur Rechenschaft gezogen werden. Menschen wie Collien Fernandez oder Gisele Pelicot entkommen diesen Spiralen dank ihres Mutes und großer innerer Stärke und zahlen einen unvorstellbar hohen Preis dafür.
Angesichts der überwältigenden Krisen auf der Welt, greift ihr mit „No Future Kid“ im Grunde ein klassisches Punk-Thema auf, wendet es aber auf unsere Gegenwart an. Wo stehen wir denn in 10 Jahren?
Einen Schritt weiter über den Abgrund hinaus. Man muss nur dem IPCC zuhören, dem Goldstandard der Klimaforschung. Diese hat sich tatsächlich geirrt, denn sie hat die Geschwindigkeit des Klimawandels zu sehr unterschätzt: Wir werden bereits 2030 (und somit ca. 10 Jahre früher als einst vorhergesagt) das 1,5°-Ziel dauerhaft überschritten haben. Die Folgen werden nicht nur zunehmend verheerend sein, sondern vor allem auch unumkehrbar. Was sogar im öffentlichen Diskurs meist untergeht: Die dringend notwendige (aber immer noch nicht stattfindende) CO2-Reduktion bleibt zwar wichtig, wirkt jedoch für die Geschwindigkeit des Klimawandels mittlerweile schon zu langfristig und wird alleine nicht mehr ausreichen. Entscheidend ist jetzt vor allem die Reduktion der Methanemissionen (Hauptverursacher: Landwirtschaft und fossile Energiewirtschaft), doch auch diese steigen unaufhaltsam.
In „Kein Fussbreit“ bezieht ihr klare Position gegen Rechts. Reicht das, um der AFD Einhalt zu gebieten? Sollte man der Partei die Chance zur Regierungsbeteiligung geben – wie es einige Menschen fordern –, um zu zeigen, dass sie keine Lösungen für die heutigen Probleme liefern kann?
Ganz sicher reicht dieser Song nicht, so wie all diese Songs vor diesem offensichtlich auch nicht den wachsenden Neofaschismus eindämmen können. Insbesondere wenn er von einer kleinen Punkband wie uns kommt und es ja eine ganze Menge deutlich reichweitenstärkere Songs und Bands gibt, wie z. B. DIE ÄRZTE mit “Schrei nach Liebe”. Unsere Motivation für diesen Song ist es, zur antifaschistischen Solidarisierung beizutragen, weshalb wir auch mehrere Featuregäste (Der Ganze Rest, Destination Anywhere, Graupause, Sebastian Krumbiegel, Popperklopper, Sinnfrei) eingeladen haben, sowie unmissverständlich eine völlig klare Position dazu zu beziehen. Daher auch die teilweise sehr parolenhaften Lyrics, während wir in den Strophen gezielt die Lächerlichkeit und Verlogenheit dieser “Partei” sezieren. Und wir haben hier nur die Spitze des Eisbergs verarbeitet, hätten noch viele weitere Strophen schreiben können. Die Frage zur Regierungsbeteiligung kann man einfach und klar mit Geschichte beantworten: Die Zentrumspartei (quasi-Vorgängerpartei der CDU) verhalf durch ihr Abstimmungsverhalten der NSDAP zur Macht. Aktuell liegt die Hauptgefahr in der tiefen Durchdringung der Gesellschaft mit menschenfeindlicher, egoistischer, autokratischer Ideologie. Wir sollten gelernt haben, was daraus unweigerlich entsteht. Wie damals inszeniert die AfD Bedrohungen, um darüber ihren Populismus verbreiten zu können, während die wirklichen Probleme zunehmend an den Rand gedrängt werden. Klimawandel, Artensterben, soziale Ungerechtigkeit usw. sind wissenschaftlich belegt die größten Bedrohungen der Lebensgrundlagen, und dennoch sind diese nicht (mehr) entscheidend für das Wahlverhalten.

Kommen wir mal auf die Musik zu sprechen: „Schreikinder“ ist nun schon einige Wochen auf dem Markt. Wie waren denn die Reaktionen? Gab es Rückmeldungen, die euch überrascht haben?
Wir waren generell sehr überrascht von der großen Resonanz. Das ging bereits mit Vorbestellungen los und vor kurzem orderte der Vertrieb nach, sogar einzelne Exemplare bis nach Japan. Das haben wir so nicht erwartet. Über die zahlreichen, sehr positiven Rezensionen haben wir uns sehr gefreut, sowie über viele, nette PNs und Kommentare. Bereits im Vorfeld luden uns Festivals und Bands ein, wovon wir vor kurzem noch von geträumt haben und die wir als unerreichbar abtaten. Auf Konzerten sprechen uns viele Menschen an und teilen uns ihre Geschichten und Emotionen mit, die sie mit den Songs verbinden. Wenn wir dann merken, dass Menschen unsere Musik so fühlen wie wir und sie ihnen etwas Mut in dieser oft so tristen Welt schenken kann, berührt uns das zutiefst. Es ist wirklich wunderbar, das erleben zu dürfen, und ein kleines bisschen dabei mithelfen zu dürfen, dass solche Räume entstehen können.
Wie geht es mit DORFTERROR in diesem Jahr weiter?
Über den Sommer dürfen wir auf einigen wunderschönen Festivals spielen und planen gerade eine Tour für danach. Auf Instagram haben wir dazu eine kleine Umfrage gestartet, wo wir unbedingt mal hinkommen sollten, und wir werden versuchen, das so gut wir können dann auch abzubilden, denn wir verstehen uns vor allem auch als Liveband. Damit ist der Bandkalender, den uns unser “normales” Leben übriggelassen hat, leider bereits ziemlich gut gefüllt. Wir freuen uns, viele von euch auf den Festivals und der Tour zu sehen! Und ansonsten gilt: Immer schön unberechenbar bleiben!