Die Schönheit des Verdorbenen - JP von Thorium im Interview
Die Geschichte von THORIUM beginnt vor knapp 30 Jahren in Kopenhagen. Vom ursprünglichen Line-Up ist aber nur noch Sänger Michael H. Andersen (MHA), der 1997 zudem bei WITHERING SURFACE aktiv war und bis heute ist, dabei. Gitarrist Jens Peter Storm (JP) stieß immerhin bereits 2014 zur Band, die zu dem Zeitpunkt seit sechs Jahren kein Album veröffentlicht hatte. Erst 2018 gab es mit „Blasphemy Awakes“ eine neue Scheibe, bevor die Fans wieder sechs warten mussten. Doch in unserem jetzigen Jahrzehnt geben die Dänen richtig gas und mit „Suburban Rot“ liegt nun bereits der dritte Langspieler in nur vier Jahren vor. Doch keine Sorge, die Qualität hat nicht darunter gelitten und THORIUM bieten mehr als nur Death Metal von der Stange. Gitarrist JP verriet uns, was Power Metal mit Bob dem Baumeister zu tun hat und sprach über wütende alte Männer und die „Hitler Buzzsaw“.
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Line Up
JP: guitars
Jose Cruz: guitars
Daniel: drums
Jesper: bass
MHA: vokills
Für mich ist Death Metal eine Möglichkeit, mich künstlerisch und kreativ auszudrücken und kein sportlicher Wettkampf.
Hi JP, danke, dass ihr euch die Zeit für ein Interview nehmt.
Hallo Thorsten – hier ist JP von THORIUM. Danke, dass ihr dieses Interview im Twilight Magazine bringt!
Laut den Informationen des Labels ist „Suburban Rot“ euer „düsterstes und persönlichstes Werk bisher“. Kannst du diese Aussage näher erläutern und erklären, was das Album so düster und persönlich macht?
THORIUM war schon immer eine Band, in der man als Komponist und Songwriter relativ große Freiheit hatte, sich musikalisch einzubringen. Beim Schreiben von „Suburban Rot“ hatten wir außerdem das Bedürfnis, Konflikte zwischen unseren viel zu großen Egos zu vermeiden. Das haben wir dadurch gelöst, dass wir uns gegenseitig völlige Freiheit gegeben haben, genau das Material zu schreiben, das wir wollten. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum wir am Ende ein Album mit sehr starken persönlichen Ausdrucksformen geschaffen haben.
Was die düstere Seite betrifft: THORIUM hatte schon immer eine Faszination für das Böse und das Okkulte. Das lyrische Thema der menschlichen Verderbtheit in den Vorstädten basiert jedoch bis zu einem gewissen Grad auf eigenen Erfahrungen, was zu einer tieferen und persönlicheren Dunkelheit auf diesem Album beigetragen hat.
Ihr wart in den 2020er Jahren ziemlich fleißig und habt viele neue Alben veröffentlicht. Woher kommen all die Ideen? Und wo findet ihr die Zeit für diese ganze Arbeit? Ich nehme an, ihr habt alle auch normale Jobs.
Für mich kommen Ideen immer sehr intuitiv. Ich habe ständig eine Gitarre in Reichweite und ich glaube, unbewusst nutze ich sie wie eine Art Meditation. Darüber denke ich normalerweise gar nicht nach – erst jetzt, wo du die Frage stellst. Und wenn ich darüber nachdenke, macht mir der Gedanke sogar ein bisschen Angst: Was ist, wenn die Ideen eines Tages ausgehen? Zusammen mit den spontanen Ideen treibt mich auch die Neugier an, wie ein Song am Ende klingen wird.
Aber Inspiration kann auch von einem Film, einem Gespräch oder etwas anderem kommen. Zum Beispiel der Song „MG42“, der beim ersten Hören vielleicht einfach nur extrem wirken soll – tatsächlich war das überhaupt nicht die Absicht. Ich wurde zu dem Song nach einem Gespräch mit meinem jüngsten Sohn inspiriert, der mir von der „Hitler Buzzsaw“ erzählte, einem Maschinengewehr aus dem Zweiten Weltkrieg mit einer furchteinflößenden Feuerrate. Natürlich musste der Song einen Drive haben, der mit dieser Schussfrequenz und dem mahlenden Donnern des Mündungsfeuers zusammenhängt. Die ganze Idee war jedoch, dass der Hörer die Angst und den Terror spürt, die eine panische Orientierungslosigkeit hervorrufen und einen zwischen den Feuerstößen wie gelähmt zurücklassen. Deshalb sind die Riffs in ungeraden Takten geschrieben und besitzen zusammen mit dem Schlagzeug einen Rhythmus, der in alle Richtungen zu schießen scheint.
Wenn ich es richtig verstanden habe, ist das komplette „Danmark“-Line-up (Album von 2022) immer noch an Bord. Zufall oder habt ihr endlich die perfekte Besetzung gefunden?
Eine Bandkonstellation ist wie eine Ehe oder vielleicht sogar wie eine Familie, in der auch Platz für die Kinder sein sollte? Ich weiß nicht, ob man jemals sagen kann, dass in einer Familie alles perfekt ist. Ich denke, das Gleiche gilt für eine Death-Metal-Band aus wütenden alten Männern. Aber wir haben – wie bereits erwähnt – einen Weg gefunden, die Dinge zum Funktionieren zu bringen. Und man kann sagen, dass wir inzwischen schon so lange zusammen sind, dass es tatsächlich ziemlich gut läuft.
„Suburban Rot“ hat einen ziemlich interessanten lyrischen Hintergrund. Woher kam die Idee, über heruntergekommene Vorstädte zu schreiben? Was beeindruckt euch an diesen Orten am meisten?
MHA ist wahrscheinlich die beste Person, um diese Frage zu beantworten. Er lebt seit vielen Jahren in den Vorstädten und sagt, dass seine Inspiration unter anderem von den täglichen Zugfahrten in die Hauptstadt kommt.
MHA spricht auch von der Schönheit des Verdorbenen. Ich interpretiere das als eine Faszination für die Kreativität und das Gefühl von Sinn, das Menschen an solchen Orten für sich selbst erschaffen. Was mich an solchen Orten am meisten trifft, ist der Zynismus dahinter, dass wir überhaupt zugelassen haben, dass solche Gegenden gebaut werden – und wie sich diese Härte und dieser Zynismus offenbar in die Menschen einprägen, die dort leben.
THORIUM spielen sehr groove-orientierten Death Metal. 2009 veröffentlichte die schwedische Punkrock-Band NEMAS ein Album namens „We would play fast if we could.“ Gilt das auch für THORIUM?
Ich glaube, damit triffst du den Nagel auf den Kopf. Für mich ist Death Metal eine Möglichkeit, mich künstlerisch und kreativ auszudrücken und kein sportlicher Wettkampf. Natürlich gibt es viele Musiker mit technischer Brillanz, die auch das Extreme beherrschen und daraus einen musikalischen Ausdruck schaffen.
Dänemark steht musikalisch ein wenig zwischen Schweden, Großbritannien und den Niederlanden – besonders im Death Metal. Deshalb wird Dänemark oft nicht genannt, wenn es um die einflussreichsten Death-Metal-Bands und -Stile geht. Wie würdest du Menschen die musikalische DNA von THORIUM und auch des dänischen Death Metal erklären?
Ich weiß nicht, wie oft ich schon in einem Proberaum war und jemand ein Riff gespielt hat, woraufhin ein anderer meinte: „Wow Mann, das ist ein richtig schwedisches Riff!“ Aber sobald der Song fertig war, hat nie jemand gesagt, es sei ein typisch schwedischer Song gewesen – am Ende klingt es immer auf unerklärliche Weise unglaublich dänisch. Zum Beispiel hatte der Song „The Collector“ auf „Suburban Rot“ eine Zeit lang den Arbeitstitel „Wolverine Jazz“, aber auch dieser Song klingt im fertigen Ergebnis unglaublich dänisch. Also ja – dieses Dänische kann man wohl nicht vermeiden. Aber glücklicherweise wird das im Ausland manchmal auch erkannt und ist nichts, wofür man sich schämen müsste. Es ist eine lustige, undefinierbare Sache.
Ihr habt auf dem 2002er Album „Unleashing The Demons“ eine Coverversion von CANCERs „Cancer Fuckin‘ Cancer“ aufgenommen. Was sind denn deine Top-5-Death-Metal-Songs?
Uh, das ist eine wirklich schwierige Frage, die man nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln kann. Ich glaube, ich muss eher albumbezogen antworten – also mit Alben und Songs, die mich am meisten inspiriert haben und dafür sorgten, dass Death Metal als Gitarrist mein Genre wurde. Wir können anfangen mit einem Song vom PARADISE LOST Album „Gothic“: „Dead Emotion“. Dann würde ich etwas vom GOREFEST Album „False“ wählen: „Reality When You Die“. Danach BOLTTHROWER – „World Eater“, ENTOMBED – „Eyemaster“ und DEATH – „Pull the Plug“.
Eine gute Wahl. Doch zum Abschluss gibt es noch eine Frage, die nichts mit Death Metal zu tun hat, denn in Belgien existiert ebenfalls eine Band namens THORIUM, die allerdings Power Metal spielt. Habt ihr jemals die Bühne mit der Truppe geteilt? Oder wurdet ihr schon einmal mit ihnen verwechselt?
Nein, das ist bisher leider noch nicht passiert – auch wenn es lustig wäre, mit ihnen verwechselt zu werden! Ich werde sie mir trotzdem einmal anhören, obwohl ich normalerweise keinen Power Metal höre – besonders keinen Folk-Power-Metal. Das erinnert mich immer an die Titelmusik von Bob der Baumeister.


