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Interviews

Happy Rebirth - FRONTLINE im Interview

(c) Vasil Stefanov

Happy Rebirth - FRONTLINE im Interview

Was für gewöhnlich „nur“ neun Monate in Anspruch nimmt, dauerte im Falle von FRONTLINE ganze 16 Jahre. Doch 2026 wurde die Niederkunft eines neuen Albums mit dem Titel „Rebirth“ bekanntgegeben. Entstanden ist ein Album mit Höhen und Tiefen, mit einer melancholischen Schlagseite, aber auch vielen Melodien und Ambitionen für die Zukunft. Gleichzeitig sahen sich die Herren um Frontmann Stephan Kämmerer einiger Kritik bezüglich der als Geburtshelfer eingesetzten Werkzeuge ausgesetzt. Und doch passt der Titel „Rebirth“ in mehrfacher Hinsicht perfekt, beschreibt er doch nicht einfach nur die Rückkehr in den Ring der aktiven Bands, sondern zugleich auch das erste Album nach dem Tod von Gitarrist Robby Böbel im Jahr 2022. Es gab also Grund genug, um der Band mit einigen Fragen auf die Pelle zu rücken.
 
  • Lineup
    Stephan Kämmerer
    Christian Mühlroth
    Diego de Sousa Pires
    Eric Juris
    Andreas Latzko
Social Media / Website

"Gerade weil vieles automatisierter und digitaler wird, gewinnt das Menschliche wieder an Bedeutung: echte Musiker, echte Stimmen, echte Entscheidungen, echte Bühnenmomente, echte Community. Das ist etwas, das keine Technologie ersetzen kann.“
Frontline zum Thema KI und analoge Technik

Was hat gerade jetzt den Ausschlag gegeben, um die Wiedergeburt von Frontline einzuleiten? Auf diese Frage antwortet die Band zunächst mit einem Dank für das Interview und erklärt, dass es nicht den einen entscheidenden Moment gegeben habe, sondern mehrere Faktoren zusammengekommen seien. „Ein wichtiger Auslöser war sicher das Jubiläum von Frontline: Die Band wurde 1989 in Nürnberg gegründet, und irgendwann steht man dann da, blickt auf diese lange Geschichte und merkt, dass diese Musik immer noch etwas bedeutet.“

Besonders berührt habe die Band, dass die Community nie wirklich verschwunden sei. „Über all die Jahre gab es Menschen, die Frontline weiter gehört, geteilt, gesammelt und am Leben gehalten haben. Das ist nicht selbstverständlich. ‚Rebirth‘ ist deshalb auch ein Dankeschön an genau diese Leute. Wir wollten nicht nur nostalgisch zurückschauen, sondern etwas zurückgeben – mit neuer Energie, neuen Songs und trotzdem mit dem Kern, der Frontline immer ausgemacht hat: Melodie, Emotion, starke Hooks und diese besondere AOR- und Melodic-Rock-DNA.“

Im Hinblick auf die stilistische Einordnung von „Rebirth“ im Vergleich zu „The State of Rock“ und „Against The World“ betont die Band die Bedeutung ihrer früheren Werke. „‚The State of Rock‘ ist natürlich ein sehr wichtiges Album für Frontline, vielleicht sogar der klassische Referenzpunkt für viele Fans. Es steht für diese 90er-AOR-Energie, für große Melodien, klare Refrains und eine bestimmte Leichtigkeit. ‚Against The World‘ war dagegen schon etwas kantiger, moderner und in Teilen auch härter und ernster.“

Gleichzeitig verstehen Frontline das neue Album nicht als Rückgriff auf die Vergangenheit. „‚Rebirth‘ steht für uns nicht dafür, eines dieser Alben zu kopieren. Es nimmt die DNA von Frontline, Stephans Stimme, die melodische Ausrichtung, die Hooklines, die Emotion, und übersetzt sie in die Gegenwart. Der Sound ist moderner, direkter, und die Grundidee bleibt AOR und Melodic Rock: Songs, die über Stimmung, Refrains und Gefühl funktionieren. Vielleicht ist ‚Rebirth‘ die Brücke zwischen dem klassischen Frontline-Gefühl und dem, was diese Band heute sein kann.“

Auf die Aussage im Bandinfo angesprochen, wonach Christians „frische Energie und musikalische Vision eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung dieser neuen Ära von Frontline spielen“, erläutert die Band dessen Einfluss näher. „Jeder Musiker bringt natürlich seinen eigenen Stil, seine eigene Geschichte und seine eigene musikalische Sprache mit. Christian ist sehr melodisch, sehr harmonisch denkend, außerdem Multi-Instrumentalist und Produzent. Dadurch konnte er nicht nur Gitarrenparts oder Sounds beisteuern, sondern den Songs auch strukturell und klanglich eine neue Perspektive geben.“

Dabei sei es jedoch nie darum gegangen, Vergangenes zu ersetzen. „Wichtig ist aber: Es ging nie darum, irgendetwas zu ersetzen oder die Vergangenheit zu imitieren. Frontline hat eine Geschichte, und gleichzeitig muss eine neue Ära auch atmen dürfen. Stephan ist als Gründer, Stimme und zentrale kreative Konstante von Frontline weiterhin im Zentrum. Viele Songs entstehen nach wie vor um seine Hooklines, Melodien und Gesangsideen herum. Das ist letztlich der Kern von Frontline. Christian hat diesen Kern aufgenommen und mit seinem eigenen melodischen, modernen und sehr detailverliebten Ansatz weitergeführt.“

Mit Blick auf die Zukunft soll Frontline wieder eine aktive Band werden. „Unser wichtigstes Ziel ist, dass Frontline wieder aktiv ist. Nicht als reines Nostalgieprojekt, sondern als lebendige Band mit einer Geschichte, aber auch mit Gegenwart und Zukunft. Wir möchten die Community wieder stärker zusammenbringen – genau die Leute, die seit den frühen Tagen dabei sind, aber auch neue Hörer, die Frontline vielleicht jetzt erst entdecken.“

Auch weitere Veröffentlichungen und Konzerte schließt die Band nicht aus. „Weitere Alben? Wer weiß? Die Energie ist auf jeden Fall da. Im Moment liegt der Fokus natürlich auf ‚Rebirth‘, aber es fühlt sich nicht wie ein einmaliger Ausflug an. Und live wollen wir selbstverständlich auch wieder auf die Bühne. Diese Musik lebt von Melodie, Emotion und gemeinsamer Energie, und genau das passiert am stärksten live vor Menschen.“

Beim Songwriting stand die Frage im Raum, worauf besonderes Augenmerk gelegt wurde – insbesondere, da viele Rezensionen die großen Refrains des Albums loben, während manche Hörer die Platte eher als düster empfinden. Frontline begegnen dieser Einschätzung offen: „Das ist absolut Geschmackssache, und das ist auch gut so. Musik muss nicht bei jedem Menschen gleich ankommen. Wenn du die Refrains anders empfindest als manche Rezensionen, dann ist das völlig okay.“
Der Anspruch sei nicht gewesen, ein weiteres klassisches Frontline-Album zu schreiben. „Für uns war wichtig, keine Kopie eines alten Frontline-Albums zu schreiben. Wir wollten Songs, die melodisch sind, aber auch eine gewisse Tiefe und Spannung haben. ‚Rebirth‘ ist ja nicht nur ein fröhliches Comeback-Wort. Eine Wiedergeburt hat auch etwas mit Veränderung zu tun, mit Verlust, mit Loslassen und mit dem Mut, neu anzufangen.“

Und weiter: „Große Refrains bedeuten für uns nicht immer nur ‚heller Mitsingmoment‘. Manchmal ist ein Refrain groß, weil er emotional öffnet, weil er eine Spannung auflöst oder weil er im Kontrast zu einem dunkleren Vers steht. Dieses Spiel aus Licht und Schatten war uns wichtig. Am Ende muss ein Song für uns ehrlich sein, nicht nur nach einer Formel funktionieren.“

Ein besonders kontrovers diskutiertes Thema im Vorfeld der Veröffentlichung war der Einsatz von KI. Auf die Frage nach deren Rolle bei der Arbeit am Album erklärt die Band: „Wir verstehen, dass dieses Thema polarisiert. Dazu haben wir uns bereits mehrfach geäußert, und unser Grundgedanke ist eigentlich sehr einfach: KI ist für uns ein Werkzeug, aber kein Ersatz für musikalische Kreativität.“
Dabei betonen Frontline ausdrücklich den kreativen Eigenanteil am Album. „‚Rebirth‘ ist unsere eigene kreative Arbeit. Wir haben Monate an diesem Album gearbeitet, und einige der ersten Melodien und Demos reichen bis 2024 und noch weitaus länger zurück. Stephan, der schon immer für alle Melodien und Texte von Frontline alleine verantwortlich war, hatte ja seit 2006 auch gut 20 Jahre Zeit zum Sammeln von Songmaterial und hat das auch ordentlich getan. Das Bild, dass hier einfach jemand auf einen Knopf gedrückt hat und danach ein Frontline-Album fertig war, hat mit der Realität rein gar nichts zu tun. Äußerungen von Personen, die uns weder persönlich noch privat kennen und auch nicht in unserer Produktion involviert waren, sind rein spekulativ und sollten auch als solche wahrgenommen werden.“

Verändert hätten sich vor allem die Werkzeuge. „Technologie hat Musik schon immer geprägt: Mehrspuraufnahmen, digitales Editing, moderne DAWs, Pitch Correction, Amp Modeling, Sampling, Programming, Keyboards oder auch CGI in der visuellen Produktion – all das waren irgendwann neue Werkzeuge, über die mal leidenschaftlich diskutiert wurde. Heute gehören KI-basierte Tools ebenfalls zu diesem größeren Werkzeugkasten moderner Produktion.“

Dabei komme es letztlich darauf an, wer die kreative Richtung vorgibt. „Für uns ist entscheidend, wer die kreative Richtung vorgibt. KI kann Prozesse unterstützen, aber sie ersetzt nicht Geschmack, Haltung, Erfahrung, Emotion, Entscheidungen und Leidenschaft. Genau daraus besteht Musik.“
Frontline zeigen Verständnis dafür, dass dieser Ansatz nicht von allen geteilt wird. „Es ist völlig in Ordnung, wenn dieser neue Weg oder auch bestimmte Videos und Sounds nicht für jeden funktionieren. Einige mögen es, andere bevorzugen einen klassischeren Sound oder einen traditionelleren Prozess. Das respektieren wir. Was wir aber zurückweisen, ist der Schluss, die Musik sei deshalb ‚fake‘ oder Frontline sei plötzlich kein echtes kreatives Projekt mehr. Das stimmt einfach nicht.“

Auf die Kritik am KI-Einsatz selbst angesprochen, zeigen sich Frontline wenig überrascht. „Nicht wirklich überrascht, nein. Das Thema KI ist emotional, und viele Menschen in der Musikszene fragen sich gerade, was das genau bedeutet. Diese Fragen sind berechtigt. Entscheidend ist für uns aber, wie man darüber spricht. Eine sachliche Diskussion ist wichtig. Persönliche Angriffe oder falsche Unterstellungen helfen niemandem.“

Auch die Frage, ob man den Einsatz der Technologie offensiver hätte kommunizieren können, beantworten sie differenziert. „Zur Kommunikation: Natürlich kann man im Nachhinein immer sagen, dass man etwas früher, ausführlicher oder anders erklären hätte können. Gleichzeitig ist genau das unser Punkt: KI ist längst in der Mitte von Produktionen angekommen. In der Musik kommuniziert normalerweise auch niemand im Detail, welche Plugins verwendet wurden, welche DAW, welche Amp-Modeler, welche Sample-Libraries, welche Mikrofone, welche Kabel, welche Vocal-Chain oder welche Editing-Schritte. Das sind Werkzeuge. Sie sind Teil des Prozesses, aber sie sind nicht automatisch die Geschichte hinter einem Song. Unsere Musik ist rein organischen Ursprungs und hat nichts mit künstlicher Intelligenz zu tun.“

Gleichzeitig verstehe die Band, dass KI für viele Menschen anders besetzt sei als ein Kompressor oder ein Amp-Plugin. „Wir verstehen aber, dass KI für viele Menschen noch einmal anders aufgeladen ist als ein Kompressor oder ein Amp-Plugin. Deshalb haben wir dazu Stellung bezogen. Wir wollen offen damit umgehen, aber wir möchten auch nicht, dass das Album auf eine technische Debatte reduziert wird. Am Ende zählt für uns: Berührt die Musik jemanden? Kommen die Songs an? Entsteht Verbindung? Dafür machen wir das.“

Abschließend richtet sich der Blick auf die Entwicklung der Musikindustrie insgesamt, auf die Zukunft von Rock und Metal sowie auf die Rolle analoger Technologien. Frontline sehen die Branche in einem tiefgreifenden Wandel. „Die Musikindustrie hat sich massiv verändert. Streaming hat vieles leichter zugänglich gemacht, aber für viele Künstler sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schwieriger geworden. Gleichzeitig entstehen jeden Tag mehr Inhalte als je zuvor. In dieser Welt müssen Bands Wege finden, effizient und nachhaltig zu arbeiten, ohne ihre Identität zu verlieren.“
Für die Band steht fest, dass KI bleiben wird. „KI wird nicht mehr verschwinden. Die Frage ist nicht, ob diese Technologie existiert, sondern wie verantwortungsvoll man damit umgeht. Für Rock und Metal kann das in verschiedene Richtungen führen: Manche Bands werden sehr modern, hybrid und technologisch arbeiten. Andere werden bewusst roher, analoger und traditioneller klingen. Beides kann spannend sein, solange es ehrlich ist.“

Auch analoge Technik werde weiterhin ihren Platz haben. „Analoge Technologie wird auf jeden Fall weiter eine Rolle spielen, und vielleicht sogar eine stärkere. Gerade weil vieles automatisierter und digitaler wird, gewinnt das Menschliche wieder an Bedeutung: echte Musiker, echte Stimmen, echte Entscheidungen, echte Bühnenmomente, echte Community. Das ist etwas, das keine Technologie ersetzen kann.“

Daher sehen Frontline in der technologischen Entwicklung keinen Widerspruch zur Menschlichkeit in der Musik. „Wir glauben deshalb nicht, dass KI automatisch zu weniger Menschlichkeit in der Musik führt. Im Gegenteil: Sie kann dazu führen, dass die menschlichen Aspekte noch wichtiger werden. Das Zusammensein, das Live-Erlebnis, die Verbindung zwischen Band und Fans – all das rückt stärker in den Mittelpunkt. Gerade in Musik und Kunst sollte der Mensch im Zentrum stehen. Daran glauben wir.“
Frontline - "Burning The Distance" - Official Visualizer Video
Frontline - "After You're Gone" - Official Music Video