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Interviews

Von neuen Göttern, Schafen und dem Jüngsten Gericht - Moshquito im Interview

(c) Moshquito Promo

Von neuen Göttern, Schafen und dem Jüngsten Gericht - Moshquito im Interview

Die Wurzeln der Band MOSHQUITO reichen bis in die frühen 80er Jahre, als man in der damaligen DDR unter dem Namen ARGUS die Welt der harten Rock Musik betrat. Doch die Kontrollen der DDR-Behörden machten es der Band unmöglich aufzutreten, so dass man sich 1987 in MOSHQUITO umbenannte, um sich dem Zugriff der Behörden zu entziehen. Doch kurz vor dem ersten Album löste sich die Band Anfang der 90er auf und die Fans mussten bis kurz vor der Jahrtausendwende warten, um neue Musik der Sachsen zu bekommen. Nachdem man zwischen 2011 und 2017 unter dem Banner XIOM sein Glück versuchte, feierte man 2019 mit „Far Beneath The Tombs“ die Rückkehr zum alten Bandnamen MOSHQUITO, damals noch mit Jeff Sumrell am Mikro. „Dies Irae“ ist nun nicht nur ein verdammt starkes Album geworden, sondern auch der Studioeinstand von Sänger Thomas Berthel, der uns nun Rede und Antwort stand.
 
  • Lineup

    Thomas Berthel (v)

    Ingo Lohf (g)

    Maik Richter (g)

    Andre Nebel (b)

    John Uhle (d)

Social Media / Website

Manipulation funktioniert nur, wenn genügend Menschen bereit sind, sich treiben zu lassen. Am Ende steht deshalb die Frage: Erkennt die Herde irgendwann ihre Lage und erhebt sich gegen ihre Unterdrücker – oder ergibt sie sich ihrem Schicksal, weil es bequemer ist?
Thomas Berthel über die Probleme unserer Zeit.

Zunächst die naheliegendste Frage: Was hat sich bei euch seit 2019 und „Far Beneath The Tombs“ getan und weshalb musste man sieben Jahre auf ein neues Album warten?

Hi, Thomas hier, Sänger von MOSHQUITO. Ich bin offiziell seit 2019 dabei, war aber schon vorher immer wieder als Live-Sänger für MOSHQUITO und auch für XIOM eingesprungen. Ende 2019 entstand dann die Idee, ein neues Album mit mir als Sänger anzugehen.
Dann kam Anfang 2020 bekanntermaßen diese „kleine Pandemie“ dazwischen, die den Songwriting- und Produktionsprozess natürlich erheblich ausgebremst hat. Hinzu kam, dass wir das Material nicht einfach irgendwie fertigstellen wollten, sondern so lange daran gearbeitet haben, bis wir alle wirklich zufrieden waren. Gut Ding will eben manchmal Weile haben.
Ein weiterer Punkt ist, dass ich seit vielen Jahren im südlichen Baden-Württemberg lebe, während der Rest der Band in Sachsen sitzt. Das macht spontane Proben, gemeinsame Sessions und schnelle Absprachen natürlich nicht gerade einfacher. Aber am Ende zählt das Ergebnis, und mit „Dies Irae“ haben wir jetzt ein Album, hinter dem wir voll und ganz stehen.

Der Albumtitel „Dies Irae“ verweist auf das bevorstehende „Jüngste Gericht“. Was hat euch dazu bewogen, diesen Titel für das Album zu wählen?

Der Titel passt für mich sehr gut zur Grundstimmung des Albums. „Dies Irae“, also der „Tag des Zorns“, hat zwar einen religiösen Ursprung, wir verstehen das aber nicht als rein kirchliches oder dogmatisches Thema. Für uns funktioniert es vielmehr als starkes Bild: als Abrechnung, als Endpunkt, als Moment, in dem all das, was schiefläuft, nicht länger ignoriert werden kann.
Gerade in den vergangenen Jahren hatte man oft das Gefühl, dass die Welt kälter, aggressiver und egoistischer geworden ist. Die Corona-Zeit hat viele gesellschaftliche Risse noch deutlicher sichtbar gemacht. Rücksichtslosigkeit, Spaltung, Gier und moralische Verwahrlosung sind Themen, die sich durch viele Texte des Albums ziehen.
Der Gedanke eines symbolischen „Jüngsten Gerichts“ passte deshalb sehr gut – nicht im Sinne einer religiösen Predigt, sondern als düsteres Bild für Konsequenz. Außerdem hatte ich Latein in der Schule und fand die Idee eines lateinischen Album- und Songtitels einfach reizvoll. Er klingt zeitlos, ernst und bedrohlich – also genau richtig für dieses Album.

Wer sind „The New Gods“, die ihr im gleichnamigen Song besingt? Und welche Kritik übt ihr an ihnen?

Die „neuen Götter“ sind keine konkreten Personen. Sie stehen vielmehr für die Dinge, denen Menschen heute bewusst oder unbewusst dienen: Neid, Hass, Gier, Machtstreben, Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Also all das, was im Grunde menschengemacht ist, inzwischen aber fast wie eine höhere Macht über uns steht.
Der Erzähler im Song klagt diejenigen an, die diese „neuen Götter“ überhaupt erst erschaffen oder groß gemacht haben – und sich dann wundern, dass sie die Kontrolle verlieren. Letztlich ist es eine Anklage gegen uns Menschen selbst. Wir behandeln diesen Planeten, als wäre er unser persönliches Eigentum, und wundern uns gleichzeitig über die Folgen unseres Handelns.
In der letzten Strophe geht es darum, dass sich viele, die nach Macht streben, im übertragenen Sinne mit dunklen Kräften einlassen. Das ist nicht zwingend satanisch oder religiös gemeint, sondern ein Bild für moralische Korruption. Es gibt diesen schönen Satz: „Wenn man sich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel – der Teufel verändert einen selbst.“ Genau darum geht es.

Mit Songs wie „Product of Society“, „Hang ’Em High“ oder „Bread And Games“ scheint ihr euch kritisch mit der heutigen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Um welche Aspekte geht es euch dabei?

Diese Songs behandeln unterschiedliche Themen, haben aber einen gemeinsamen Kern: Eine große Masse von Menschen ist oft dem rücksichtslosen Handeln einiger weniger ausgeliefert. Gleichzeitig liegt es aber auch an dieser Masse, irgendwann nicht mehr alles hinzunehmen.
„Hang ’Em High“ ist dabei ein sehr wütender, symbolischer Schrei nach Gerechtigkeit. Es geht nicht um einen realen Aufruf zur Gewalt, sondern um das Bild einer unterdrückten Masse, die sich gegen ihre Unterdrücker erhebt. Metal darf und muss solche Bilder auch überspitzt darstellen.
„Bread And Games“ greift die Idee von „Brot und Spielen“ auf. Es geht um Ablenkung, Manipulation und Traditionen, die weitergeführt werden, obwohl sie Leid verursachen. Die Metapher vom Kampf zwischen Mensch und Bestie lässt sich dabei sehr weit fassen. Es geht nicht nur um eine konkrete historische oder kulturelle Praxis, sondern um Mechanismen, mit denen Menschen ruhiggestellt, beschäftigt oder emotional gelenkt werden.
„Product of Society“ ist wiederum genau das, wonach der Titel klingt. Die zentrale Frage lautet: Werden Monster geboren oder gemacht? Ich habe mich viel mit Geschichten über Serienmörder beschäftigt – nicht aus Sensationslust, sondern weil mich interessiert, wie Menschen zu solchen Taten fähig werden. Dabei landet man schnell bei der alten Debatte „Nature versus Nurture“, also Anlage gegen Prägung. Wahrscheinlich spielen beide Faktoren eine Rolle. Ich glaube jedoch, dass Umfeld, Erziehung, Gewalt, Ausgrenzung und gesellschaftliche Umstände oft einen enormen Einfluss darauf haben, was aus einem Menschen wird.

„The Flock“ thematisiert das Herdenverhalten der Menschen, wenn ich es richtig interpretiere. An welcher Stelle seht ihr dieses Verhalten besonders und worin besteht eure Kritik? Wer sind die im Song erwähnten Schäfer?

Das hast du richtig erkannt. „The Flock“ handelt vom Herdenverhalten der Menschen. Gemeint ist die Bereitschaft, anderen blind zu folgen, ohne zu hinterfragen, wohin man geführt wird.
Die „Schäfer“ im Song stehen für diejenigen, die Macht ausüben, Meinungen lenken oder Menschen für ihre Zwecke instrumentalisieren. Das können politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche oder ideologische Akteure sein. Der Begriff ist bewusst offengehalten. Man könnte sie auch als Rattenfänger bezeichnen.
Unsere Kritik richtet sich allerdings nicht nur gegen diese „Schäfer“, sondern auch gegen die Herde selbst. Denn Manipulation funktioniert nur, wenn genügend Menschen bereit sind, sich treiben zu lassen. Am Ende steht deshalb die Frage: Erkennt die Herde irgendwann ihre Lage und erhebt sich gegen ihre Unterdrücker – oder ergibt sie sich ihrem Schicksal, weil es bequemer ist?

Ihr setzt in Songs wie „The End Is Nigh“ sehr gelungen auf das Nebeneinander von cleanen Vocals und Growls. In meiner Rezension schreibe ich, dass mich das an den Kontrast auf dem DEPRESSIVE-AGE-Klassiker „Eternal Twins“ erinnert. Wie entscheidet ihr, welche Passagen clean sein sollen und welche Growls benötigen?

Erst einmal vielen Dank für den Vergleich – das ist natürlich eine schöne Referenz.
Die Clean-Vocals auf „Dies Irae“ sind tatsächlich etwas Besonderes, weil es so etwas in dieser Form bei MOSHQUITO lange nicht mehr gab. Ich hatte das Bedürfnis, dem Album gesanglich mehr Vielschichtigkeit zu verleihen. Die früheren Sänger haben konsequent hart und direkt gearbeitet, was zur damaligen Musik auch sehr gut gepasst hat. Das neue Material ist aus meiner Sicht jedoch abwechslungsreicher, dynamischer und stellenweise auch atmosphärischer geworden. Das sollte sich im Gesang widerspiegeln.
Die Entscheidung treffe ich meistens aus dem Bauch heraus. Wenn ein Riff brutal, schnell oder aggressiv ist, braucht es meist auch eine entsprechend harsche Stimme. Wirkt eine Passage dagegen hymnischer, getragener oder düster-melodischer, kann cleaner Gesang deutlich stärker sein, weil er einen anderen emotionalen Kontrast setzt.
Mir ging es nie darum, Clean-Vocals einzubauen, nur damit sie vorhanden sind. Sie müssen dem jeweiligen Song dienen. Bei „The End Is Nigh“ hat sich dieser Wechsel ganz natürlich ergeben.

Was kannst du uns zur Entstehung des Albums sagen? Wo wurde es aufgenommen? Wer hat es produziert und wer zeichnet für das apokalyptische Artwork verantwortlich?

Das Album entstand über einen ziemlich langen Zeitraum – grob von 2021 bis zur Veröffentlichung im Mai 2026. Das Grundgerüst der Songs stammt hauptsächlich von unserem Gitarristen Igor. Er hat viele zentrale Ideen, Riffs und Strukturen geliefert, die wir anschließend gemeinsam weiterentwickelt und zu den fertigen Songs ausgearbeitet haben.
Aufgenommen wurde das Album in Igors Heimstudio. Den Mix übernahmen Igor und sein Bruder Lutz, der seit vielen Jahren als Soundengineer eng mit MOSHQUITO verbunden ist. Das war uns wichtig, weil er die Band, ihren Sound und unsere Arbeitsweise sehr gut kennt.
Beim Artwork hatten wir als Band relativ früh ein konkretes Bild im Kopf: apokalyptisch, düster und bedrohlich, aber nicht kitschig. Da wir selbst keine klassischen Grafiker sind und zeitlich nicht noch weiter in Verzug geraten wollten, haben wir das Ganze mithilfe moderner digitaler Werkzeuge und sehr viel eigener Detailarbeit umgesetzt. Man kann sagen: Die Vision kam von uns, die Umsetzung entstand in einem kreativen Zusammenspiel aus Idee, digitalem Werkzeugkasten, zahlreichen Korrekturrunden und einer Menge Geduld.
Am Ende passt das Cover sehr gut zur Stimmung des Albums. Es ist genau die Mischung aus Untergang, Gericht und kalter Bedrohung, die wir uns vorgestellt hatten.

Mit GERMAN DEMOCRATIC RECORDS (G.D.R.) habt ihr ein Label gefunden, das natürlich gut zu eurer Herkunft und Sozialisation in der ehemaligen DDR passt. Was kann G.D.R. für euch tun, was andere Labels nicht konnten oder können? Und welche Ziele verfolgt ihr mit „Dies Irae“?

Die Jungs waren bereits bei G.D.R., als ich zur Band gestoßen bin. Deshalb kann ich zu den ursprünglichen Beweggründen gar nicht allzu viel sagen. Grundsätzlich passt das Label aber natürlich gut zu MOSHQUITO – auch wegen der ostdeutschen Metal-Historie und der Verwurzelung der Band.
Unsere Ziele mit „Dies Irae“ sind eigentlich ganz bodenständig: Wir wollen das Album unter die Leute bringen, möglichst viele Exemplare der CD verkaufen – natürlich im schicken Digipak für faire 15 Euronen – und vor allem wieder live spielen. Diese Songs wurden nicht dafür geschrieben, in irgendeinem Ordner auf einer Festplatte zu verstauben. Sie gehören auf die Bühne und unters Metalvolk.
Wenn das Album dazu beiträgt, dass wieder mehr Leute auf MOSHQUITO aufmerksam werden, neue Shows entstehen und die Band langfristig aktiv bleibt, dann hat es seinen Zweck erfüllt.

Ist „Ostmetal“ für euch eine passende Kategorie oder würdet ihr euch lieber anders einordnen?

Der Begriff „Ostmetal“ ist für mich grundsätzlich in Ordnung, auch wenn er musikalisch nicht besonders viel aussagt. Er beschreibt eher Herkunft, Geschichte und Szenezugehörigkeit als einen konkreten Sound. Ostmetal kann im Prinzip alles sein: Heavy Metal, Thrash, Death, Black, Doom oder was auch immer – Hauptsache, die Band kommt aus dem Osten der Republik oder ist dort verwurzelt.
Wenn es um die musikalische Einordnung geht, würde ich MOSHQUITO klar als Death/Thrash Metal bezeichnen. Das trifft unseren Stil deutlich besser. Wenn uns jemand im Kontext von Ostmetal nennt, ist das für mich aber völlig in Ordnung. Die Band hat diese Geschichte, und die muss man auch nicht künstlich wegdiskutieren.

Zum Schluss noch eine Frage zur aktuellen Lebenssituation. Wie würdest du das Leben in Zwickau und Sachsen derzeit beschreiben, und was hat sich deiner Meinung nach in den vergangenen Jahren verändert?

Da ich seit fast 15 Jahren in Baden-Württemberg lebe und nur noch etwa drei- bis viermal im Jahr in meiner alten Heimat bin, kann ich das natürlich nur eingeschränkt beurteilen. Bei meinen Besuchen sehe ich allerdings schon, dass sich einiges verändert hat – leider nicht nur zum Positiven. Wobei ich fairerweise sagen muss: Das ist kein reines Zwickau- oder Sachsen-Thema. Viele Entwicklungen lassen sich inzwischen in ganz Deutschland beobachten.
Was die Metalszene in Zwickau betrifft, nehme ich sie heute deutlich kleiner wahr als früher. Meines Wissens gibt es mit der Seilfabrik in der Werdauer Straße und dem On the Rocks noch Orte, an denen gelegentlich Metal- oder Rockkonzerte stattfinden. Insgesamt wirkt die Szene jedoch deutlich überschaubarer als früher. Das finde ich sehr schade.
Zur aktuellen Bandszene in Zwickau kann ich ehrlich gesagt kaum noch etwas sagen. Dafür bin ich inzwischen zu weit weg und zu wenig eingebunden. Ich möchte nichts behaupten, was ich nicht wirklich beurteilen kann.

Und was würdest du sagen, wenn ich dir dieselbe Frage in einem Jahr noch einmal stellen würde?

Wenn sich nichts grundlegend ändert, würden meine Antworten vermutlich ziemlich ähnlich ausfallen. Ich hoffe natürlich, dass sich gerade im Bereich der Szene, der Livekultur und des gesellschaftlichen Miteinanders wieder mehr zum Positiven entwickelt. Stand jetzt bin ich allerdings eher realistisch als euphorisch.
Was MOSHQUITO betrifft, hoffe ich, dass wir in einem Jahr sagen können: „Dies Irae“ ist gut angekommen, wir haben einige starke Shows gespielt und vielleicht schon neue Ideen in der Hinterhand. Stillstand ist jedenfalls nicht unser Ziel.
Danke dir für das Interview und das Interesse an MOSHQUITO.
Moshquito - Dies Irae (2026)