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Interviews

Sentenced Interview mit Sami Lopakka (2002)

Century Media Records

Sentenced Interview mit Sami Lopakka (2002)

 
  • Line Up
    Ville Laihiala (vocals), Miika Tenkula (lead guitar), Sami Lopakka (rhythm guitar), Sami Kukkohovi (bass), and Vesa Ranta (drums).
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Sieben Jahre im Zeichen von Liebe und Tod

Im Review habe ich es bereits anklingen lassen: "The Cold White Light" steht meines Erachtens unverkennbar in der Tradition der drei Vorläufer und bietet kaum nennenswerte Überraschungen
. Da mir aus diesem Grund auch nicht genug sinnige Fragen zum aktuellen Album allein eingefallen sind, werde ich im Folgenden die vergangenen sieben (musikalisch recht konstanten) Jahre der Bandhistory mit ihren wichtigsten Veränderungen und einschneidenden Ereignissen Revue passieren lassen. Gitarrist und Gründungsmitglied Sami Lopakka hat mir hierzu via E-Mail einige Kommentare zukommen lassen.

Fenix... is rising high!

Bevor SENTENCED im Spätherbst 1995 mit der "Love & Death"-EP ihren späteren Stil zu festigen begannen, befreiten sie sich mit ihrem dritten, im Frühjahr desselben Jahres erschienenen Album "Amok" eindrucksvoll und selbstbewusst von ihrer Death-Metal-Vergangenheit. SENTENCED wussten genau, dass viele Puristen einen Schritt von solcher Tragweite nicht nachvollziehen konnten, aber auch, dass es genau der richtige und letztendlich auch einzige Weg für sie war. Ihr Statement im Booklet 'Love it or HATE it' sagt diesbezüglich eigentlich alles. Zwar lag auch der 1993er Vorgänger "North From Here" qualitativ meilenweit über dem 08/15-Debüt "Shadows From The Past", aber erst "Amok" machte unmissverständlich klar, dass die Band ihre musikalische Vergangenheit niedergebrannt hatte und wie der sprichwörtliche Phoenix rundum erneuert aus der Asche aufstieg. Mit diesem Album kreierten die Finnen ein bis heute einzigartiges Feuerwerk aus Aggression, Melodie und einem undefinierbaren Glanz, von etwas Besonderem und Erhabenen. Auch Sami spricht "Amok" eine Schlüsselfunktion in der Geschichte SENTENCEDs zu:

"Amok" war das Album, mit dem wir unseren Stil gefunden haben. Auch war es das erste Album, das mehr internationale Aufmerksamkeit hervorrief und uns das Touren außerhalb von Finnland ermöglichte.

Rückblickend sieht man aber auch, dass SENTENCED zur dieser Zeit eine von vielen jungen Death-Metal-Bands waren, die aus dem einengenden Käfig dieses Musikstils mit Erfolg ausgebrochen sind (um den Rahmen nicht zu sprengen, seien noch Tiamat, Amorphis und Edge Of Sanity genannt).

This is the way I wanna go / Down my kingdom come

"Down" war das erste Album mit Ville. Das gesamte Material war bereits geschrieben bevor wir einen Ersatz für Taneli hatten. Die Songs sind alles in allem ziemlich aggressiv, und außerdem ist dies unser erstes Album, auf dem die Texte nicht todes-bezogen waren.

Und darüber hinaus hatten SENTENCED mit diesem Album im November 1996 genau das richtige Album zur richtigen Zeit. Dass "Down" sowohl im Rock Hard als auch Metal Hammer (jaja, so hieß er damals noch...) zum Album des Monats gekürt wurde, spricht diesbezüglich wohl Bände. Der sogenannte Gothic Metal war der Trend der Stunde, die Nachfrage nach melancholisch-atmosphärischer Metal-Musik mit romantischem Touch war enorm. Moonspell's "Irreligious", Therion's "Theli" und Theatre Of Tragedy's "Velvet Darkness..." verkauften sich blendend, und die aktuellen Releases von My Dying Bride, Anathema und (schlagt mich tot...) Cradle Of Filth warben mit SENTENCED um die Gunst der Hörer.


This is the way I wanna go / Down my kingdom come

Wie bereits erwähnt, kristallisierte sich auf "Love & Death" langsam der Stil heraus, den SENTENCED auch beibehalten würden. Auch wenn Sami diesen Punkt schon bei "Amok" erreicht sieht, möchte ich ihm hier widersprechen, da besagtem Album meines Erachtens noch ganz klar die Melancholie und Eingängigkeit fehlt, die auf "Love & Death" schon wesentlich geworden ist. "Amok" war in seiner Gesamtheit noch viel wütender und aufbrausender, während sich diese Wogen auf "Love & Death" zu glätten und auf einem für die Zukunft der Band normalen Level einzupendeln begannen. Interessanterweise ist der Text des namengebenden Songs der einzige der vier enthaltenen Eigenkompositionen, welcher von Sami verfasst wurde. Alle übrigen wurden vom Noch-Sänger und Bassisten Taneli Jarva geschrieben, der die Band wenige Monate vor den Aufnahmen zum folgenden Album ("Down") verlassen sollte. Hierdurch wird auch sonnenklar, weshalb die textliche Ausrichtung ab "Down" hauptsächlich in diese eine Richtung geht. Nach dem Ausscheiden des Haupttexters konnte sich nun Sami – der offenbar ein Faible für Liebe und Tod hat – beim Schreiben der weiteren Lyrics nach Herzenslust austoben. Doch was fasziniert ihn genau an diesen beiden Begriffen?

"Die Liebe ist bestenfalls eine vorwärtstreibende und lebensrettende Kraft, schlechtestenfalls ein niederschmetternder und lebenszerstörender Fluch", beginnt Sami seine Ausführungen. "Der Tod ist die endgültige Befreiung und das einzige, dem wirklich JEDER entgegensieht. Ich kann nicht verstehen, weshalb viele Menschen den Tod zu leugnen scheinen und vorgeben, dass er nicht existiere. Der Tod ist mindestens genau so natürlich wie das Leben. Ich denke, diese beiden Kräfte sind die wichtigsten Teile des menschlichen Lebens – natürlich neben dem Leben selbst. Die Kombination von ihnen mit unserer Musik funktioniert einfach großartig, und das Baden in Melancholie und dramatischen Ereignissen durch Musik ist eine seelisch sehr befreiende ErfahrungDeshalb kehren wir wahrscheinlich auch immer wieder zu diesen Themen zurück."

Was für die persönliche Geschichte der Gruppe aber viel wichtiger gewesen sein dürfte, war – Sami hat es schon angesprochen – dass sie mit Ville Laihiala als Sänger nun einen Bandkern hatten, der bis heute unverändert bleiben sollte.

"Ville gab uns viel mehr Möglichkeiten uns selbst durch Musik auszudrücken. Mit seinem Talent sind wir heutzutage in der Lage, beinahe alles auszuprobieren. Auch können wir seit "Down" Abwechslung, Melodie und Harmonie in den Gesang bringen und nicht nur in die Gitarren, wie es mehr oder weniger noch mit Taneli war".

Und wenn Taneli nicht von sich aus das Handtuch geworfen hätte?

"Ich habe keine Ahnung wie wir heute mit Taneli klingen würden, wahrscheinlich aber weniger melodisch. Du kannst dir ja selbst ein Bild von dem machen, welche Musik er heutzutage gerne spielt, indem du dir seine CDs mit The Black League anhörst. Wäre er noch bei uns, hätte er sicherlich einige dieser Ideen in unseren Sound einbringen wollen, und wir würden uns ziemlich von unserem momentanen Stil unterscheiden."

...I am the light that shall lead you to darkness...

"Frozen" war viel atmosphärischer als "Down" und letztendlich ein sehr melodisches Album. Außerdem war Ville mittlerweile 100%ig in die Band integriert und brachte auch eigene Ideen ins Songwriting mit ein. Zum Sound lässt sich noch sagen, dass "Frozen" dem Charakter des Materials entsprechend leichter produziert wurde, während "Down" noch einen recht traditionellen Heavy-Sound hatte."

Mehr fällt Sami zu diesem Album leider nicht ein, jedoch komme auch ich hier nicht weit über ein Schulterzucken hinaus, obwohl "Frozen" zu meinen liebsten Veröffentlichungen der mittlerweile fünf Finnen zählt. Fünf Finnen? Genau, denn hier hatten SENTENCED erstmals seit Taneli's Weggang mit Sami Kukkohovi einen festen Bassisten an Bord, der übrigens auch heute noch die tiefen Töne aus seinem Viersaiter herauskitzelt. Auf "Frozen" steuerte auch Ville erstmals eigene Texte bei (bei "Down" reichte es aufgrund des fortgeschrittenen Songwritings nur noch zur Mitarbeit an zwei Lyrics), die auch gänzlich in der Tradition derer meines Interviewpartners standen. Da dieser Stil im Großen und Ganzen bis heute beibehalten wurde, stellt sich mir die Frage, inwiefern diese Art des Schreibens mittlerweile zu einer unausgesprochenen Pflicht für SENTENCED geworden sein könnte...

"Wir sehen uns nicht dazu gezwungen, sondern schreiben einfach das, was sich für uns richtig anfühlt. Das gilt für Texte gleichermaßen wie für Musik, und so war es auch schon immer. Wenn wir also in Zukunft über rosa Elefanten mit kleinen Hoden schreiben wollen, werden wir das auch tun, heh heh... Über das Verhältnis von unseren Texten zu unserem Image kann ich nicht viel sagen. Hierüber machen wir uns auch keinerlei Gedanken, aber es scheint, als sähen uns einige Leute wahrscheinlich aufgrund der Texte als sehr negative und todes-bezogene Band. Ich denke aber, dass wir letztendlich sogar mehr über das Leben als über den Tod schreiben."

Das mit den Elefanten sollte man auf alle Fälle im Hinterkopf behalten... Die erneut sehr ausgefeilten Texte dieses Albums deuten auch darauf hin, dass diese ein wichtiger Aspekt des Schaffens von SENTENCED sind.

"Die Lyrics sind sehr wichtig, und wir legen stets großen Wert auf einen starken Bezug zwischen Musik und Text", bestätigt mir Sami. "Wir widmen ihnen viel Zeit und Mühe, da wir keineswegs über irgendwelchen bedeutungslosen Kram singen wollen. Mit starken Texten sind wir in der Lage, die Atmosphäre der einzelnen Songs zu verstärken, was die ganze Musik auf ein höheres Level hebt."

I feel home in despair

Nachdem "Down" und "Frozen" in den Hagener Woodhouse Studios eingespielt wurden, entschied man sich, das nunmehr sechste Album in den bereits von "Amok" und "Love & Death" bekannten Tico-Tico Studios aufzunehmen. Gemixt wurde schließlich in den renommierten Finnvox Studios.

"Wir wollten einfach mal etwas neues ausprobieren und darüber hinaus wieder in unserer Heimat Finnland aufnehmen, da hier mittlerweile die Studios die internationalen Standards erreicht hatten. Mit dem Sound von "Down" und "Frozen" sind wir auch heute noch rundum zufrieden – das war also keineswegs der Grund."

Zum Album an sich merkt Sami an:

"Crimson" ist das vielleicht ernsteste und depressivste Album, das wir gemacht haben. Außerdem hat hier erstmals Hiili Hiilesmaa produziert, weswegen der Sound viel heavier als noch auf "Down" und "Frozen" ist.

Dieses depressive Element ist wohl in erster Linie in den Texten zu suchen und zu finden, die auf "Crimson" um eine Facette erweitert wurden. Im Vergleich zu früheren Alben wurde hier viel direkter über Selbsthass, Versagen und eigene Geringschätzung gesungen, was auf "The Cold White Light" mit "The Luxury Of A Grave" bis ins Absurde gesteigert wird. Doch wieviel Distanz hat der Texter zu diesen Ergüssen?

"Einige Lieder sind schon sehr persönlich und im Grunde direkt aus unseren Leben entnommen, wie z. B. "Fragile", "One More Day", "Aika Multaa Muistot" oder "You Are the One". Hier ist die Distanz absolut Null. "The Luxury..." gehört jedoch nicht in diese Kategorie, sondern basiert in erster Linie auf schwarzem Humor."

Zumindest auf mich bezogen lässt sich aber sagen, dass das Vertonen von schwarzen Gedanken – und das beziehe ich auf fast alle SENTENCED-Songs – in Verbindung mit melancholischen aber doch kantigen Metal-Songs ein meistens sehr angenehmes Hörerlebnis ist. Die Umschreibung 'Metal zum Wohlfühlen', die 1998 im Nuclear Blast-Katalog zur Umschreibung von "Frozen" verwendet wurde, ist in diesem Zusammenhang beinahe absurd, dennoch finde ich sie nur allzu zutreffend.

"Das ist in gewisser Weise schon sehr wahr. Das Eintauchen in Selbstmitleid, Depression und Melancholie hat therapeutische Wirkung und ist bestenfalls ein erhebendes Gefühl. So ist es für uns in der Band, und so scheint es auch vielen unserer Hörer zu ergehen. Wenn du am Boden liegst – wenn auch nur durch Musik – lernst du das, was du tatsächlich hast, erst richtig zu schätzen."

Cross the dark into the light

Und nun zwei Jahre nach "Crimson" steht "The Cold White Light" in den Regalen der Plattenläden. Wo denn nun die Einzigartigkeit dieses Albums liegen soll, wollte ich aus erster Hand erfahren.

"The Cold..." ist ein Schritt in viele Richtungen auf einmal, da es zum einen schnelle, rockende und energische, auf der anderen Seite aber unsere wahrscheinlich atmosphärischsten Stücke überhaupt enthält. Der Hauptunterschied zu den Vorgängern ist also, dass es viel abwechslungsreicher ist. Du kannst zwar noch deutlich den SENTENCED-Sound heraushören, die einzelnen Stücke unterscheiden sich aber in Hinblick auf Musik, Texte und Arrangements sehr voneinander. Ich denke auch, dass man deutlich heraushören kann, dass wir das, was wir machen, auch genießenWir haben nach der "Crimson"-Tour ein halbes Jahr Pause gemacht, und nun ist die Band relaxed, energiegeladen und klingt einfach frisch."

Was mich wahrscheinlich am meisten gewundert hat, war, dass es mit "Brief Is The Light" und "Neverlasting" erstmalig Texte mit einem positiven und optimistischen Unterton gibt.

"Vielleicht sind wir nun endgültig wahnsinnig geworden, heh heh... Du hast schon Recht, da ist so ein seltsamer Anflug von Positivität in einigen Stücken des neuen Albums. Pseudo-künstlerisch würde ich jetzt sagen, dass dies das kalte, weiße Licht ist, das auch schon im Titel der Platte vorkommt. Diese Texte entstanden wie alle anderen auch ganz natürlich, und wir sahen keinen Grund, sie zwanghaft negativ zu gestalten, nur weil es so besser zu unserer Vergangenheit gepasst hätte. Trotzdem möchte ich noch kurz anführen, dass es verschiedene Ebenen gibt, von denen aus man diese beiden Songs betrachten kannDer konstruktive Ansatz ist nur eine davon."


Geheimnisvoll....
Zusammenfassend kann man, so denke ich, schon sagen, dass sich SENTENCED vor allem im Vergleich zu vielen anderen Gruppen doch ziemlich gradlinig entwickelt haben. Meine Frage, ob man den eingeschlagenen Weg weiterhin beschreiten werde, wird den Erwartungen entsprechend beantwortet.

"Mehr oder weniger schon, jedoch würde ich nicht sagen, dass wir bis in alle Ewigkeit genau gleich klingen werden. Wir haben einfach einen Basissound gefunden, sind aber dennoch stets offen für neue Einflüsse. Auch wenn wir uns in den vergangenen Jahren nicht in dem Maße weiterentwickelt haben, wie es bei den ersten Alben der Fall war, haben wir immer wieder neue Elemente in unseren Sound integriert. Wir machen immer nur genau das, was wir auch wirklich wollen, und es scheint, als ob sich das immer etwas vom vorigen Material unterscheiden würde."

Auch auf persönlich-künstlerischer Basis reicht SENTENCED die Entfaltung Samis 100%ig aus.

"Ich habe zwar einiges an Material, das zu SENTENCED nicht passen würde, jedoch habe ich nicht vor, es jemals aufzunehmen. Ich werde den Kram einfach für mich behalten, denn es gibt schon so viel, was ich mit der Band machen kann. Ich habe wirklich nicht das Bedürfnis, alles was ich schreibe unbedingt veröffentlichen zu müssen."

Damit stellt sich Sami ganz klar über die Unmenge von nutzlosen Seitenprojekten, die ihre Daseinsberechtigung einzig aufgrund der Namen der involvierten Personen besitzen. Aber andererseits... wenn's wirklich toll wäre...?...ach, sei's drum!