MY DARKEST HATE - Jörg über Durchhaltevermögen, Dave Ingram und pure Leidenschaft
Nach neun Jahren Pause meldet sich MY DARKEST HATE mit „Rust And Bones” eindrucksvoll zurück. Kein Interesse an modernen Elementen, keine grundlegenden Veränderungen, dafür umso mehr Old-School-Death-Metal-Energie, wie Gründer und Gitarrist Jörg M Knittel sie seit 1995 zelebriert. Doch hinter der langen Entstehungszeit stecken Line-Up-Wechsel, private Tragödien und Corona. Mit Dave Ingram als Gastsänger, dem ersten deutschsprachigen Song „Flammenland” und der Ansage, dass 2027 bereits das nächste Album folgen soll, zeigt sich: MY DARKEST HATE sind zurück, motivierter denn je – und haben noch lange nicht vor aufzuhören. Wir haben mit Jörg über Durchhaltevermögen, puristischen Death Metal und die Frage gesprochen, warum Bands sich eigentlich nicht weiterentwickeln müssen.
-
Line Up
Gesang
Claudio Enzler BassRoberto Palacios SchlagzeugMario Henning GitarreJonas Khalil GitarreJörg M. Knittel
"Diese ganze Abschiedstourneen von Gruppen, die dann wieder kommen find ich albern. Lass dir doch einfach die Möglichkeit mal ne längere Pause zu machen und dann zu schauen was passiert."
Twilight: Hallo Jörg! Erstmal Gratulation zum neuen Album! Echt klasse geworden, macht wirklich Spaß beim Hören!
Jörg: Vielen Dank!!!
Twilight: Euer Song „Rust“ eröffnet das Album. War das euer Gedanke bei der Entscheidung, gerade mit diesem Song einzusteigen? Und soll er eine bestimmte Stimmung oder Botschaft vorgeben?
Jörg: Ich wollte einen Opener der so richtig knallt und nach vorne geht, und da war Rust gleich mein Favorit. Dann hatte ich die Idee den Song nur mit den Vocals zu beginnen und fand das so überzeugend, dass schnell klar war, dass wir damit auch das Album starten werden. Ansonsten steckt da keine bestimmte Botschaft dahinter, wobei der Song tatsächlich eine positive Message hat. „Hör auf immer träger zu werden und nur noch rumzujammern, sondern steh auf, nimm dein Leben in die Hand und mach was draus.“ Fast ein bisschen untypisch für Death Metal, haha.
Twilight: Ihr habt erneut mit Andy Classen zusammengearbeitet, der Mix und Mastering übernahm. Wie bewusst war euch, diesen „Old-School-Death-Metal“-Sound beizubehalten, und inwieweit habt ihr mit modernen Elementen experimentiert?
Jörg: Wir wollten genau diesen Sound und hatten und haben kein Interesse mit modernen Elementen zu experimentieren. Wir bleiben da unserer Linie treu. Ich mag selber nicht zu viel Veränderung. BAEST haben mich zum Beispiel mit ihrem „Necro Sapiens“ Album echt umgehauen und war für mich ne Band, die auch richtig groß werden kann. Leider tue ich mir mit dem neuen Album ziemlich schwer. Ich weiß, das nennt man Weiterentwicklung. Wenn ich mir jedoch zum Beispiel MAIDEN anhöre, dann will ich so Songs wie „Flight of Icarus“ hören und nicht 12-minütigen Progrock mit Riffs in Dauerschleife. Wer will schon, dass sich seine Lieblingsbands weiterentwickeln. Ich zumindest nicht und wenn dann nur in verträglichen Dosen.
Twilight: Mit „Flammenland“ habt ihr euren ersten Song auf Deutsch gemacht. Was hat euch dazu motiviert? War das ein bewusster Schritt, oder eher ein kreativer Impuls?
Jörg: Das war schon ein bewusster Schritt und auch eine Sache, die ich schon seit vielen Jahren mal umsetzen wollte. Ich mag die deutsche Sprache, natürlich bei TOTENMOND, aber auch bei Bands wie ABROGATION. Irgendwie habe ich das viele Jahre vor mir hergeschoben, aber jetzt war der richtige Zeitpunkt. Und auf Deutsch zu texten hat mir auch viel Spaß gemacht, man hat da doch nochmal andere Möglichkeiten. Daher will ich nicht ausschließen, dass nochmal was in Deutsch kommt, aber ich bin mir noch nicht so sicher.
Twilight: Auf „He Who Never Sleeps“ hört man Gastvocals von Dave Ingram und auf „Flammenland“ von TZ. Wie seid ihr bei der Auswahl vorgegangen und was sollte jeder dieser Gäste dem Song bzw. dem Album geben?
Jörg: Dave Ingram und ich sind sicher schon seit 20 Jahren in Kontakt und er liebt unseren Sound, daher hatte ich das schon seit langem im Kopf ihn mal als Gastsänger zu integrieren. Das war auch eine tolle Zusammenarbeit und er hat das super gesungen. Ist schon ne Ehre, wenn jemand wie Dave Ingram meine Texte und Gesangslinien singt. Ich finde so Gastsänger lockern das Ganze etwas auf und wenn sie so gut dazu passen wie Dave und TZ ist es natürlich perfekt. Ich wollte übrigens ursprünglich, dass der Pazzer von TOTENMOND die Vocals übernimmt. Wir kennen uns auch schon ewig, und der wohnt nur 10 Minuten von mir entfernt. Leider hat er gar keinen Bock mehr aufs Singen und will auch mit dem Business nichts mehr zu tun haben. Daher sind auch TOTENMOND leider Geschichte und werden nichts mehr machen. Ich habe dann lang überlegt, wer denn sonst in Frage kommen könnte und mein alter Kumpel Harald Deschler vom SkullCrusher Fest hat mir dann den TZ vorgeschlagen. Ich habe mich dann etwas intensiver mit Pessimist, aber auch seiner neuen Band MUGGESEGGEL beschäftigt und war dann recht schnell überzeugt, dass das gut passen könnte. Er war auch gleich Feuer und Flamme und hat nen super Job abgeliefert. Er hat diesen gewissen Wahnsinn in der Stimme, was ich sehr mag.
Twilight: Der Albumtitel „Rust And Bones“ und das Artwork von Remy Cooper reflektieren laut Label eine rohe Energie. Welche thematischen oder emotionalen Motive verbinden sich für euch mit „Rost“ und „Knochen“ und wie sollen sie das Album prägen?
Jörg: Rost steht für den Zerfall und das schwächer werden, um das es ja auch in dem Song „Rust“ geht. Und Knochen steht für Death Metal. Da gibt es tatsächlich ansonsten keine tiefere Bedeutung. Hört sich halt auch einfach gut an, finde ich.
Twilight: Zwischen dem letzten Album Anger „Temple“ (2016) und „Rust And Bones“ liegen ja bekanntlich fast zehn Jahre. Wie habt ihr diese Zeit erlebt? War sie Rückzug, Entwicklung, Zweifel oder schlicht Alltag und wie hat sie eure Herangehensweise verändert?
Jörg: Das es jetzt tatsächlich wieder 9 Jahre gedauert hat, ist bedauerlich, aber wir hatten Line-Up Wechsel, private Tragödien, der Corona Dreck und das Leben an sich. Und ratzfatz sind die Jahre vergangen. Ich habe aber über all die Jahre immer an neuen Songs gearbeitet, von daher hat sich auch die Herangehensweise nicht verändert.
Twilight: Jörg, du bist als Gründer und Gitarrist das einzig verbliebene Gründungs-Mitglied der Band. Wie beeinflusst das deine Sicht auf MY DARKEST HATE? Empfindest du eine Verantwortung gegenüber der ursprünglichen Vision oder siehst du vor allem Entwicklungspotenzial?
Jörg: Ich habe die Band 1995 gegründet und mir dann die passenden Musiker ausgesucht. Ich leg da größten Wert drauf, dass die Chemie passt. Aus welchem Metal-Lager die dann kommen ist mir völlig egal. Hauptsache sie haben Bock auf MY DARKEST HATE und wir haben ne geile Zeit zusammen. Dass die Besetzung natürlich in 30 Jahren ab und zu wechselt ist normal. Ich sehe tatsächlich eher eine gewisse Verantwortung der ursprünglichen Version gegenüber und möchte mich mit MY DARKEST HATE auch musikalisch nicht verändern. Das ist immer noch genau der Sound, den ich bevorzuge.
Twilight: Inwiefern fühlst du, dass „Rust And Bones“ an frühere Klassiker wie „Massive Brutality“ oder „Combat Area“ (2006) anknüpft und was unterscheidet die neue Platte von diesen frühen Werken?
Jörg: Es gibt tatsächlich keine fundamentalen Unterschiede, mal abgesehen davon, dass auf dem ersten Album Rene Pfeiffer, auf der „Combat Area“ Chris Simper und nun Claudio Enzler singt. Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied.
Twilight: Wie bewahrt ihr euch nach über 20 Jahren Bandbestehen die Leidenschaft und Frische? Was motiviert dich, weiterzumachen, wenn Line-up-Wechsel, lange Pausen und Wandel anstehen?
Jörg: Ich habe einfach immer noch tierisch Bock auf MY DARKEST HATE. Klar gab es immer mal Phasen, wo man ein bisschen durchhängt, aber nach paar Monaten juckt es dann doch wieder in den Finger neue Songs zu schreiben. Aktuell macht es wieder richtig viel Spaß und wir werden sicher noch viele Jahre am Start sein.
Twilight: Wenn du an die Anfangsjahre von MY DARKEST HATE zurückdenkst: Welche Momente oder Erfahrungen haben eure musikalische Identität am stärksten geprägt und welche davon spürst du heute noch?
Jörg: Ich habe damals nicht nur Death Metal gehört, sondern alle Arten von Metal und auch viel Industrial. Bands wie MINISTRY, GODFLESH oder auch LAIBACH haben mich sicherlich auch geprägt, auch wenn man das bei MY DARKEST HATE nicht wirklich raushört. Dann natürlich SLAYER, BOLT THROWER und CELTIC FROST. Aus all diesen Zutaten entstand dann MY DARKEST HATE. Inzwischen haben wir unseren eigenen Sound etabliert, und es gibt tatsächlich nichts Neues von außen was mich musikalisch inspiriert.
Twilight: Gab es Phasen, in denen du dachtet: „Das war’s, die Band ist Geschichte“ und was hat letztlich dafür gesorgt, dass MY DARKEST HATE weiterging?
Jörg: Nein, so definitive Gedanken hatte ich nie. Wie gesagt, manchmal gibt es Phasen, wo es weniger Bock macht, und ich spiele ja auch noch in anderen Bands, die meine Zeit in Anspruch nehmen. Dieses Endgültige find ich aber eh schwierig. Wer weiß was in 5 Jahren ist. Diese ganze Abschiedstourneen von Gruppen, die dann wieder kommen find ich albern. Lass dir doch einfach die Möglichkeit mal ne längere Pause zu machen und dann zu schauen was passiert.
Twilight: Siehst du die Zukunft der Band eher im puristischen Old-School-Death-Metal, oder hast du nicht doch mal Lust, die Grenzen etwas stärker aufzubrechen?
Jörg: Wir werden unseren Stil nicht mehr ändern. Eventuell wird es bisschen blastiger, also mehr schnelle Songs, aber trotz allem ne gute und abwechslungsreiche Mischung. Es wird kein MDH Fan enttäuscht sein!
Twilight: Gibt es denn dennoch Risiken, die du auf einem zukünftigen Album mal 0gerne eingehen würdest, was du auf den bisherigen Platten noch nicht gewagt hast?
Da gibt es aktuell nichts, was ich gerne wagen würde. Wir haben mit „Flammenland“ ja den ersten deutschsprachigen Song überhaupt gemacht, das war schon ein kleines Wagnis, aber sonst fällt mir da gerade nichts ein. Ich bin zufrieden, wie es ist!
Twilight: Welche Shows oder Tourkonstellationen würdet ihr euch für die Zukunft wünschen. Gibt es Bands, mit denen ihr unbedingt mal eine Bühne teilen möchtet?
Jörg: Wir haben schon mit vielen meiner Faves, wie BOLT THROWER oder VADER, die Bühne geteilt. SLAYER wäre natürlich der absolute Traum, oder zumindest Kerry King, haha. Aber ansonsten nehmen wir was kommt – Hauptsache coole Bands und geiles Publikum!
Twilight: Abschließende Frage: liegen denn bereits Riffs oder Songfragmente in der Schublade, die ein mögliches nächstes Album andeuten?
Jörg: Ja – tatsächlich! Ich bin mitten im Songwriting für das nächste Album und gerade sehr kreativ. Daher verspreche ich jetzt einfach mal, dass das nächste Album 2027 erscheinen wird. Mark my words!
Ok, das nehmen wir dann mal wörtlich und freuen uns auf eine weitere Reise durch rostiges altes Metall und staubige Knochen!