Bush im Huxleys: Ein Abend zwischen Neunziger-Nostalgie und Vollgas-Rock - 09.06.2026
Bevor wir über Bush reden, müssen wir über das Huxleys reden. Ich gehe seit Jahrzehnten in diese Halle. Habe dort große Bands gesehen, kleine Bands, Legenden, Eintagsfliegen und alles dazwischen. Gute Abende. Schlechte Abende. Konzerte, die man nie vergisst, und solche, die schon auf dem Heimweg wieder verschwunden waren. Aber einen derart perfekten Sound habe ich dort selten erlebt.
Druckvoll. Klar. Transparent. Jedes Instrument hatte seinen Platz. Schlagzeug, Bass und Gitarren griffen ineinander wie die Zahnräder eines Schweizer Uhrwerks. Niemand hinkte hinterher. Niemand eilte voraus. Der Rhythmus stand wie ein Fundament aus Beton. Kein Klangbrei. Kein Matsch. Stattdessen diese seltene Mischung aus Wucht und Präzision, die man nicht nur hört, sondern körperlich spürt.
Das ist in Berlin alles andere als selbstverständlich. Wer regelmäßig zwischen Arena, Freiluftbühnen und diversen Mehrzweckhallen unterwegs ist, weiß: Oft kämpft die Musik gegen die Akustik. Diesmal gewann die Musik haushoch.
Und dann wären da noch Bush. Um ehrlich zu sein: Was wollte ich früher mit diesem neumodischen Zeug? Ich bin musikalisch in den späten Siebzigern und vor allem den Achtzigern sozialisiert worden. Glam. Punkrock. Hardrock. Hair Metal. Gitarrensoli länger als manche Beziehungen. Sänger mit mehr Haarspray als meine Mutter im Badezimmerschrank. Als Anfang der Neunziger plötzlich Männer in karierten Hemden auftauchten und erklärten, dass nun Melancholie das neue Cool sei, hielt sich meine Begeisterung zunächst in Grenzen. Doch zwischen all dem Flanell und Weltschmerz lagen einige echte Perlen. Bush gehörten dazu. Und sie gehören offenbar immer noch dazu.
Frontmann Gavin Rossdale wirkte an diesem Abend wie jemand, der vergessen hatte, dass er mittlerweile längst Rock-Veteran sein müsste. Er suchte singend den direkten Weg ins Publikum, sprintete durch die Menge und schien sich dort fast wohler zu fühlen als auf der Bühne. Es fehlte eigentlich nur noch, dass er kurz zu einem Döner am nahegelegenen Hermannplatz abgebogen wäre, um unterwegs ein paar Selfies zu machen.
Vor allem die neueren Songs wie "Heavy Is the Ocean" machten mächtig Power und bewiesen, dass Bush nicht von ihrer Vergangenheit leben müssen. Gleichzeitig warteten natürlich alle auf die Lieder, die längst den Status alter Freunde besitzen. "Everything Zen". "Glycerine". Und am Ende "Comedown". Spätestens da verwandelte sich das ausverkaufte Huxleys in einen einzigen Chor.
Natürlich war nicht alles roh und ungeschönt. Gesangshilfen, Effekte und moderne Produktionselemente waren hörbar vorhanden. Wer das Gefühl eines verschwitzten Garagenrock-Konzerts von 1994 erwartet hatte, dürfte an manchen Stellen die Stirn gerunzelt haben. Puristen tun Puristen-Dinge. Der Rest hatte schlicht einen verdammt guten Abend.
Denn die Mischung funktionierte erstaunlich perfekt. Die neuen, hämmernden Songs ergänzten die zeitlosen Neunziger-Klassiker, ohne dass das eine gegen das andere ausgespielt wurde. Nostalgie allein trägt selten einen Konzertabend. Bush lieferten mehr als das. Genau dort wurde der Abend interessant.
Links graue Haare. Rechts Baseballkappen. Vorne Menschen, die „Sixteen Stone“ noch als CD gekauft haben. Dahinter junge Fans, die Bush vermutlich zwischen Algorithmus, Playlist und Streaming-Empfehlung entdeckt haben. Gen Z trifft Boomer. Im echten Leben endet das oft in Diskussionen über Work-Life-Balance, Rentensysteme oder die Frage, warum niemand mehr telefoniert.
Im Huxleys sangen sie dieselben Refrains.
Für zwei Stunden war der Generationenkonflikt auf Betriebsurlaub.
Als die letzte Zugabe verklungen war, blieb vor allem ein Gedanke hängen: Manche Bands altern. Andere werden zu ihrer eigenen Coverband.
Bush gehören derzeit zu keiner dieser Kategorien.
Sie sind einfach immer noch da. Laut. Wild. Ungezähmt. Voll auf die Zwölf. Der Support NIKRA machte ebenfalls Spaß.
Fazit: Die erfrischend energetische Kombo aus London entfachte ein Bushfeuer. Nicht löschen. Bitte!
09.06.2026
Bush + NIKRA – Huxleys Neue Welt, Berlin
- Scars
- Testosterone
- The Land of Milk and Honey
- All Things Must Change
- Machinehead
- Greedy Fly
- Everything Zen
- Human Sand
- May Your Love Be Pure
- Flowers on a Grave
- 60 Ways to Forget People
- Identity
- The Chemicals Between Us
- Little Things
- More Than Machines
- Glycerine
- Swallowed
- Comedown
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