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Abrogation - Widerschein

VÖ: 10. April 2026  •   Label  Massacre Records

Zehn Jahre Stille haben sich gelohnt!

Es gibt Bands, die man irgendwann still und leise in der Schublade „hat sich wohl erledigt” ablegt. ABROGATION aus Magdeburg gehörten in den letzten Jahren durchaus zu jenen Kandidaten. Doch der Schein trügt. Zehn Jahre nach dem letzten Studioalbum „Urstant“ (2016) melden sich die Sachsen-Anhaltiner nun mit „Widerschein“ zurück – und zwar mit einer Energie, die deutlich macht: Hier hat niemand aufgehört, Musik zu machen, geschweige denn daran zu denken.

Dabei ist die Bandgeschichte durchaus eine, die Respekt verdient. 1995 in Magdeburg gegründet, zählen ABROGATION zu den frühen Protagonisten eines eigenständigen deutschen Melodic Death Metals. Während die Szene Ende der 1990er weitgehend im „Angelsächsischen“ verankert war, entschieden sich die Magdeburger bewusst für deutschsprachige Texte – ein Statement, das damals mehr Mut erforderte als heute. Erste Akzente setzte die Band mit dem Demo „Screams of Soul“ (1998) und der EP „Creation of Madness“ (1999), noch im selben Jahr erschien das Debütalbum Handwerk des Todes. Mit „Das Blut der Toten“ (2002) über Syndicate Media / Nuclear Blast folgte der erste größere Vertriebsschritt. Alben wie „1487“ (2005), „Sarggeburt“ (2009), „Tief schwarz, blutig rot“ (2011) und schließlich Urstant (2016) verfestigten über die Jahre ein unverwechselbares Klangbild

Der Name der Band ist übrigens kein Zufall: „Abrogation” entstammt dem Kirchenrecht und bezeichnet die vollständige Aufhebung eines Gesetzes – ein treffender Begriff für eine Band, die stets ihre eigenen Regeln schrieb.

Nun sind ABROGATION stärker denn je zurück, zurück auf einer Spielwiese, die mittlerweile hart umkämpft ist. Die Entstehungsgeschichte von „Widerschein" zeigt einen interessanten Wandel innerhalb der Band. Während Gitarrist Poldi weiterhin als hauptsächliche kompositorische Kraft fungiert, übernahm sein Kollege Kutte diesmal eine deutlich erweiterte Rolle im Songwriting-Prozess. Diese Erweiterung des kreativen Kerns verleiht dem Album eine zusätzliche Dimension, ohne die etablierte Handschrift zu verwässern. Besonders hervorzuheben ist dabei die nun vollständige künstlerische Autonomie von Sänger Benny über die lyrischen Inhalte. Dadurch wirkt das Album thematischen tiefgründiger, als noch die Vorgänger und verleiht somit dem Werk eine persönliche, authentischere Note.

Die meisten Tracks entstanden während der Pandemie – eine Zeit der Isolation, die somit als kreative Brutstätte diente. Auch die umfangreiche Vorproduktionsphase zahlte sich aus: Die Songs wirken durchdacht, straff komponiert und mutig in ihrer Bereitschaft zu experimentieren. Oft geht es hymnisch und virtuos zu Werke, mit gewaltiger Bildsprache in den Texten - und der personifizierte Tod, als ständiger Begleiter.

Für den Sound zeichnen sich Ricardo Borges und Jens Bogren (Mix) sowie Tony Lindgren (Mastering) verantwortlich, allesamt tätig in den renommierten Fascination Street Studios in Örebro, Schweden - einer Klangschmiede, die für ihre präzisen, druckvollen Metal-Produktionen bekannt ist.

Mit dem atmosphärischen Intro „Anbeginn“ wird die Bühne mit beunruhigenden Klangelementen vorbereitet – eine wirkungsvolle Eröffnung eines Albums, das keinen Hehl aus seinen düsteren Ambitionen macht. Der erste gezielte Schlag ins Gesicht erfolgt sodann mit dem „Puppenspieler“. Hier zeigt sich sofort ABROGATIONs charakteristische Mischung aus Druckwelle und melodischer Raffinesse. Nach dem Kracher und Singleauskopplung „Morgenrot“ gibt es ein weiteres Highlight in Form von „Der Nimmersatt“ aufs Ohr. Ein vorzügliches Beispiel dafür, wie ABROGATION Brachialität und Groove vereinen. Der Bass legt ein mächtiges Fundament, über dem sich eine bewusst bedrohliche Grundstimmung entfaltet. Textlich bewegt man sich in düsteren Gefilden, was durch die Musik konsequent umgesetzt wird. Mit „Spieglein, Spieglein“ bekommt der Hörer zudem eins der stärksten Momente des Albums serviert. Eine Gastsängerin, die Vokalistin Jyl, die gleich in drei Songs auf „Widerschein“ zu hören ist, fügt dem Stück eine bemerkenswerte emotionale Tiefe hinzu. Laut Bandaussagen entfaltet sich der Song als „innerer Konflikt zwischen Verletzlichkeit und zur Schau getragener Härte“; der perfekte Kontrast zwischen dem weiblichen Klargesang und Bennys Growls.

In Summe ist für mich das Album „Widerschein“ das Werk einer Band, die ihre Identität und auch irgendwie ihre eigene Nische gefunden hat. Man spürt förmlich ihre Überzeugung und Leidenschaft, gepaart mit ihrem handwerklichen Können. Genau diese Kompromisslosigkeit und melodische Intelligenz, getragen von einer glasklaren druckvollen Produktion, macht das Album zu einem überzeugenden authentischen Comeback.

Die zehn Jahre Pause haben sich definitiv bezahlt!

Abrogation - Morgenrot (Official Video)