In der Taktik wie im wahren Leben gibt es eine Regel: Nichts ist so beständig wie die Lageänderung. Oder der Operationsplan ist mit Angriffsbeginn Makulatur. Und so ist dennn auch, wenn der Tod aus dem Nichts ins Leben tritt und jemand entreißt (auch wenn es im Falle von Krankheiten und Verläufen antizipierbar ist). Wollte Anneke van Giersbergen bis 2026 ihre EP Trilogie La Vie, La Mort und L'Amour veröffentlicht haben, und 2026 alles zusammen als Album unter das Volk bringen, sind wir nun Anfang 2026 bei EP Nr. 2.
Der Grund für die Verschiebung des Zeitplans ist zumindest nicht tragisch gewesen, sondern ein schöner Anlass. Denn das 30-jährige Jubiläum des Werkes Mandylion war verbunden mit einer Reunion der Band The Gathering für fünf Konzerte. Das übertraf dann letzten Endes alle Erwartungen, so dass weitere Konzerte und Präsenz auf internationalen Festivals anschlossen. Mal gucken, wann es die Reunionkonzerte als Retorte gibt. Während sie nun mit The Gathering aktiv war, komponierte sie weiter an der Trilogie. Bei der nun vorliegenden EP ist der Tod das zentrale Element, aber per se nicht in der wörtlichen Übersetzung. Und so ist denn auch die Musik weder depressiv in Moll, noch überhaupt bestehend aus Trauerliedern oder Totengesang. Es sind recht kräftige, lebendige Stücke. Sail Towards The Sun ist ein musikalisches Auf Wiedersehen! an ihren Anfang 2024 verstorbenen Vater, der ihre Mutter nur zwei Monate überlebte. Er baute einst ein seegängiges Segelboot, auf dem die Familie viele Urlaube auf dem Wasser verbrachte. Insofern überwiegt nicht Trauer, sondern eine glückliche Erinnerung. Als Lied ist es auf der EP das, was am Nachdenklichsten daherkommt. Der Opener Fade In Fade Out überzeugt durch einen klasse Refrain, das ist schon ein sehr schöner Einstieg in die EP, das Saxophon gegen Ende versprüht ein wenig den Charme des Miami Vice OST mit seiner Melodieführung. Handle Me With Care hat eine schöne Samba-Rhythmik dazu noch der Einsatz von Rohrblattinstrumenten (eher wahrscheinlich Klarinette, weniger wahrscheinlich Saxophon). Red Sky baut sich zu einer getragenen Bridge mit Streichern im Bandgefüge auf, mit debilklingendem Solo eines was auch immer gearteten Instruments (ich würde am ehesten auf eine E-Gitarre tippen).
Fazit: Auch die EP La Mort ist sehr gut geworden. Anneke van Giersbergen ist - egal in welchem Stil - eine absolut ausgezeichnete Sängerin, die zudem auch noch stilvoll komponiert. Man könnte nun Wetten abschließen, ob die EP L'Amour eher veröffentlicht wird und damit die Trilogie ihren Abschluss findet oder die Jubiläumskonzerte The Gatherings für die Nachwelt gepresst werden. So oder so liefern beide bislang vorliegenden EP mindestens einfach 36 min, die man bis dahin als Überbrückung genießen kann.