Groove Metal macht mich ja immer so ein bisschen neugierig. Chaosaddiction sind eine relative junge Band, die sich 2024 in Porto gründete und ihre Liebe Metal aus den 1990er Jahren auslebt (Machine Head, Pantera, Fear Factory, Sepultura usw.). So sind sie auch transparent, wer sie bei den einzelnen Songs inspirierte. Als Kopisten bezeichne ich am Ende der zahlreichen Durchläufe nicht.
Ein nur oberflächlicher Blick auf das Cover hinterlässt den Eindruck, Panteras Coverartwork zu The Great Southern Trendkill vor den Augen gehabt zu haben. Schriftfarbe, -typ - sehr ähnlich. Das eine Cover trägt eine photographierte Schlange, das andere ein gezeichnetes stilisiertes Organ namens Herz, würde meine laienhafte Anatomiekenntnis sagen. Es handelt sich um ein gemaltes Bild der Künstlerin Maria “nosfewatuwu” Madalena. Passt ja wunderbar zu Karfreitag und Ostern. Außerdem ein schöner Anachronismus, einen analog arbeitenden Künstler zu beauftragen, anstatt einen Prompt in einer KI zu hinterlassen. Kintsugi ist eine japanische Kunstform, neudeutsch kann man es als Upcycling bezeichnen. Defekte/Kaputte Keramik mit hochwertigem Reparaturmaterial wieder instandzusetzen und vorallen Dingen seinen monetären Wert zu steigern. Ich gehe hier aber so weit mit meiner Hypothese, dass die Band Kintsugi nicht auf ihre Musik beziehen, nämlich, dass kaputter Metal an sie herangetragen wird, damit sie ihn liebevoll und mit hochwertigen Ersatzteilen wieder zum Leben erwecken.
Das Grundmotiv des Albums - wie schön, wenn man das Herz auf dem Cover hat - ist, ein gebrochenes Herz (aus welchen Gründen auch immer es entzwei brach) wieder zu heilen.
Was mir sehr positiv auffällt, ist der sehr rohe, beinahe Livesound der Band. In der Besetzung sind sie so wie die jungen Sepultara: Sänger mit Gitarre, Gitarre, Bass, Schlagzeug. Zwar - wie einleitend skizziert - haben sie fast jedem Lied ein oder zwei musikalische Vorbilder parat. Manchmal für mich nachvollziehbar, manchmal hat sich etwas anderes in mein Oberstübchen affirmiert. Beim Intro Into Chaos kann ich unstrittig Slayer bestätigen, dass Gitarrenriff lässt keinen anderen Gedanken zu. Drama King und Sinto Muito ballern schön alles - schwer groovend platt. Lovesick beginnt schön groovend, fast wie ein Rapmetalsong, hat einen Pre-Chorus, die sehr an Meshuggah/Car Bomb erinnert. Und das Onomatopoetische "Au!" oder "Argh!" als Abschluss zur rhetorischen Frage What the Fuck do you want? im Intro dieses Songs wirkt - wie an anderen Stellen auf dem Album - wie KI generierte Gesangsstücke mit Stimme und Duktus Arnold Schwarzeneggers. Bei Goodbye (See You In Hell) bestätige ich die Aussage der Band zu einem an Slipknot-erinnernden Drumming und Riff zu Beginn des Songs. Das Lied wandelt sich zum Ende in ein schönes Thrashinferno. Yet I Live startet halbswegs sachte, schraubt sich dann zügig zu einer wuchtigen Mid-Temponummer hoch. Bei ca. Minute 1:36 wird auch deutlich, dass Rui “ruidamosher” Alexandre nicht nur bei Arnie in die Logopädie ging, sondern auch einem gewissen James H. aus der kalifornischen Bay Area als Gesangserzieher hatte, vor allen Dingen die Worte see if I die (oder so ähnlich) habe ich aus James' Mund auch schon so gehört. Wie beim vorangegangenen Track freut sich der Thrasher zu Ende des Songs über legeres Gebolze, bis die Fußmaschinen der Bassdrums glühen, die Handgelenke der Saitenfraktion Sehnenscheidenentzündung stöhnen. She's A Drug hat viel Hardcoregeist im Metalkostüm, wieder mit einigen Reminiszenzen an Arnie. Die Bezüge zu Fear Factory vernehme ich beim vorletzten Song Fuck You, Next nicht, für mich standen da eher Machine Head Pate. Aber wer bin ich? Der Schlusstrack Someone ist das ruhigste Exemplar des Albums. Gesang und Gitarre, mehr nicht. Die ersten paar Töne der Gitarre und ich denke: Planet Caravan in der Interpretation Panteras auf Far Beyond Driven. Die Band selbst benennt Nirvanas Something In The Way und Silverchairs Cemetery als Beeinflussung. Kann sein. Und die Art des Gesangsvortrags wiederholt einmal mehr die Schülerschaft bei James H. - Yea-hah!
Fazit: Losgelöst, wer - außer der Steinscheißer Karl - bei den einzelnen Songs wirklich wie die Kompositionen beseelte, liefern Chaosaddiction ein kurzweiliges Groovemetalalbum ab, was auf Schnickschnack und Effekte verzichtet, jedoch roh und ungestüm tönt. Als Liveband sicherlich auch ein Feuerwerk.