
Deep Purple - Splat
Es gibt Dinge, die wir nicht wegwerfen können. Alte Konzertkarten zum Beispiel. Oder T-Shirts. Neulich fiel mir eines in die Hände. Schwarz, ein wenig ausgeblichen, der Aufdruck rissig. Die Europa-Tour 1993 von Deep Purple. „The Battle Rages On...“. Heute ist so ein Original unter Sammlern einiges wert. Dreistellige Beträge sind keine Seltenheit. Für mich ist es unbezahlbar.
Denn jedes Mal, wenn ich dieses Shirt sehe, bin ich wieder in der Berliner Deutschlandhalle. 7. Oktober 1993. Die Halle gibt es längst nicht mehr. Abgerissen. Verschwunden wie so vieles aus jener Zeit. Aber an diesen Abend erinnere ich mich noch genau. Vor allem an dieses merkwürdige Gefühl, das schon vor dem ersten Ton in der Luft lag.
Ian Gillan und Ritchie Blackmore kamen getrennt auf die Bühne, würdigten sich keines Blickes. Vielleicht verklärt die Erinnerung manches nach mehr als drei Jahrzehnten. Aber die Spannung war spürbar. Man konnte sie beinahe anfassen. Zwischen den beiden lagen nicht nur ein paar Meter Bühnenbreite. Es wirkte, als stünde dort ein Riss, der sich nicht mehr schließen ließ.
Komisch, dachte ich damals. Heute wissen wir: Wenige Wochen später war Schluss. Blackmore verließ die Band im Streit. Die berühmteste Hassliebe des Hard Rock war Geschichte. Damals ahnte ich nicht, dass ich gerade Zeuge eines Endes geworden war. Jetzt, mehr als dreißig Jahre später, liegt ein neues Album von Deep Purple auf dem Plattenteller. SPLAT!
Manchmal ist Rockmusik ein merkwürdiges Geschäft. Die Band ist älter geworden, das Publikum auch. Manche Fans haben inzwischen Enkel, andere eine Lesebrille und eine Sammlung von Konzertshirts, die mehr Geschichten erzählen als manches Fotoalbum. Dann setzt die Musik ein. Und plötzlich fühlt sich alles wieder vertraut an.
Vor allem die neuen Singles „Arrogant Boy“ und „Diablo“.
Sie klingen nicht nach einer Band, die ihr Denkmal poliert. Sie klingen nach einer Band, die noch einmal Lust bekommen hat. „Arrogant Boy“ ist dabei der eigentliche Paukenschlag. Kurz, direkt, riffbetont. Keine Umwege, keine epischen Schlenker. Stattdessen dreieinhalb Minuten Rockmusik, die sofort zur Sache kommt. Fast schon unverschämt kompakt für Deep Purple.
Der Geist der 70er, er ist wieder da. Die Hammond-Orgel von Don Airey und die Gitarre von Simon McBride liefern sich kleine Scharmützel, die unweigerlich Erinnerungen an die großen Duelle zwischen Blackmore und Jon Lord wecken. Nicht als Kopie. Eher wie ein vertrauter Geruch, der einen plötzlich Jahrzehnte zurückversetzt.
McBride ist überhaupt ein Glücksfall. Er bringt eine Frische und einen Biss in die Band, die man nach über fünfzig Jahren nicht mehr erwarten würde. Die Songs sind härter, geradliniger und rifforientierter als vieles aus der langen Ära von Steve Morse. Weniger Verzierungen, mehr Druck.
Und dann ist da noch Gillan. Natürlich singt er nicht mehr wie 1970. Niemand erwartet noch die Schreie von „Child In Time“. Aber Gillan hat etwas gewonnen, das jungen Sängern oft fehlt: Präsenz. Er erzählt die Songs inzwischen mehr, als dass er sie hinausschleudert. Er klingt wie jemand, der alles erlebt, alles gesehen und trotzdem noch Freude daran hat, auf die Bühne zu gehen.
Das Erstaunliche an diesen neuen Songs ist etwas anderes: Sie versuchen nicht, jung zu klingen. Deshalb wirken sie so lebendig. Deep Purple hören sich wieder wie früher an. Nicht, weil sie die Vergangenheit kopieren. Sondern weil sie sich wieder trauen, nach ihr zu greifen.
Ich falte das alte Tour-Shirt zusammen und lege es zurück in den Schrank. Ein Stück Stoff. Ein Stück Geschichte. Eine Erinnerung an einen Abend, an dem zwei Männer auf derselben Bühne standen und doch Welten voneinander entfernt schienen.
Während die neue Platte noch läuft, schleicht sich ein Gedanke ein, den ich eigentlich längst abgelegt hatte. Ian Gillan hat in den vergangenen Jahren mehrfach durchblicken lassen, dass die alten, giftigen Spannungen längst verflogen sind. Wenn das stimmt, wenn die Musik wieder so klingt, als hätte sie einen Kreis geschlossen, dann ist vielleicht auch etwas möglich, das damals in der Deutschlandhalle völlig undenkbar schien. Eine letzte Versöhnung. Ein letztes gemeinsames Kapitel.
Man wird ja wohl noch träumen dürfen.
