2023 entschied sich der Sänger der norwegischen Band Leprous, Einar Solberg, ein Soloalbum zu veröffentlichen. Drei Jahre später bringt er sein zweites Album heraus. Es heißt Vox Occulta. Er verbindet hierbei seine Stimme mit Orchester und harten Riffs. Er verfolgt mehrere Absichten: Förderung seiner Solopfade, dann sowohl als epischster Charakter der experimentellen Musik als auch die cineastische Person im Progressive Genre wahrgenommen und anerkannt zu sein.
Ich bin sehr froh, dass experimentelle Musik nicht wörtlich zu nehmen ist und die Rezipienten mit so etwas wie der kanadischen Formation Angine De Poitrine mit ihrer mikrotonalen Musik überrascht werden. Solbergs Solobeitrag will ich auch nicht in Clausewitz'scher Lesart einfach als Fortsetzung Leprous' mit anderen Mitteln bezeichnen - obwohl die Kompositionen und die Stimme Solbergs bruchfrei an die Diskographie anschließbar sind. Sein Solodebüt verarbeitete den Verlust seines Vaters sowie persönliche Angstzustände in der Vergangenheit. Vox Occulta soll ihn im Ideal ungeschminkt portraitieren sowie seine aktuelle Sicht auf die Welt (im Jahr 2026) wiedergeben. Das Artwork und die Pressebilder, die ihn im Anzug nebst Lackschuhen in einem gediegenen Gebäude zeigen mit Säulen in griechischer Tradition, mit den Kanneluren und dem reichverzierten Kapitell sehr korinthisch anmutend, hat klischeehaft etwas Theater-/Opernhaus-haftes. Seine Tenorlage mit regelmäßigem Wechsel ins Falsett stellen ihn im Kontext der bekannten Interpreten der (gitarrenlastigen) Populärmusik heraus, wenige männliche Sänger setzen ihre Stimme derart ein. Und Growls und Shouts haut er trotzdem raus (Vox Occulata; Vita Fragilis; Schlussteil von Grex). Um danach in dahinschmelzende Zartheit aufzulösen (vgl. Vox Occulta). Dass er für sein Album ein richtiges Orchester ins Studio holte, zeugt von einem hohen Budget - pro bono wird es nicht geschehen sein. Der Stimmung der Platte tut es sehr gut. Es ist auch nichts, was ich als Symphonic-Metal oder dergleichen bezeichnen könnte oder auch wollte. Es ist nicht einmal Musik, die so mir nichts, dir nichts ihren Weg durch die Gehörgänge bahnt. Sie ist sehr wahrscheinlich nicht in Jamsessions zusammengezockt worden, sondern auf Blatt komponiert, gesetzt und arrangiert worden. Es klingt auch nicht nach Hollywood-Soundtrack. Grex hat ein paar Abschnitte, in denen Sehnsucht, Herzschmerz assoziiert werden könnten, gerade wenn Einar Solberg unisono zu den Instrumenten subtil mitsummt. Die Streicher, allen voran die Celli, sind mit ihrem wörtlichen Klangkörper sehr gut eingefangen. Man kann bei diesem Lied wirklich wahrnehmen, dass ein richtiges Orchester spielt, auch wenn das Finale mit der Dominanz moderner Instrumente dem Orchester fast den Platz streitig macht. Die Leadgitarrenparts in Songs Serenitas und Grex wirkten vertraut durch Gitarrenton und Spielstil. Ganz nach der Handschrift Pierre Danels, einer der beiden Gitarristen der französischen Progmetalband Novelists FR. Ein genauer Blick aufs Cover und ins Line-up bestätigten die Hypothese.Ob er tatsächlich die Parts spielte, steht auf einem anderen Blatt, er ist schließlich nicht der einzige Gitarrist im Line-up für diese Produktion. Ein Lied, welches heraussticht aufgrund seiner Instrumentierung, ist Anima Lucis. Das ist am nächsten dran an einem reinen Klassikstück mit Orchester und Gesang. Selbst im Schlussabschnitt bleibt es für meine Begriffe bei der Orchesterinstrumentierung.
Fazit: Definitiv nichts, was sofort beim ersten An- und Durchhören die Bewertung großartig erhalten würde. Je öfter es lief, umso deutlicher schälte sich die besondere Qualität von Einar Solbergs Werk Vox Occulta heraus. Ganz grandios!