
Finsterforst - Still
Es ist still geworden um FINSTERFORST. Und doch sind sie zurück – souveräner, tiefgründiger, fokussierter und selbstsicherer als je zuvor.
Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Sieben Jahre, in denen sich die Metalwelt dreht, Trends kommen und gehen und neue Bands gleichen Genres das Zepter übernehmen wollen. Entweder man gerät in Vergessenheit oder kommt mit einem Manifest, was keine Fragen mehr offenlässt, um die Ecke. Im Falle der Freiburger Formation FINSTERFORST haben sich die Musiker Gottseidank fürs letzteres entscheiden. Trotz langer Ruhezeit. Mit dem langen vorbereiteten sechsten Werk „Still“ melden sich die Post-Black Metaller nun eindrucksvoll zurück.
Gegründet 2004 im schönen Schwarzwald, haben FINSTERFORST über eine lange Zeit eine Karriere aufgebaut, die stets von konsequenter Weiterentwicklung geprägt war. Vom akkordeongetriebenen Folk-Metal-Debüt „Weltenkraft“ (2007) über das von allen Kritikern gefeierten „…zum Tode hin“ (2009) und das vielschichtige „Rastlos“ (2012) bis hin zur bis dato abwechslungsreichsten Scheibe „Mach Dich Frei“ (2015) und dem anschließenden atmosphärisch-wuchtigen Werk namens „Zerfall“ (2019). Die Band hat nie stillgestanden – ein Umstand, der dem neuen Albumtitel eine gewisse Ironie verleiht. Zwischenzeitlich bereicherten sie ihre Diskographie noch mit dem Experiment „#YØLØ“ (2016) – bei dem ich bis heute nicht recht weiß, was ich von dem parasitären Jugendwort-tragenden prollig partytauglichen Album halten soll - und dem monolithischen Mini-Album „Jenseits“ (2023), bei dem ein einziger, knapp 40-minütiger Song in vier Suiten aufgeteilt wurde und den Klangkosmos der Truppe an die Grenzen des Möglichen führte.
Das neue Album „Still“ ist also das aktuelle Ergebnis dieser langen Reise der Selbstfindung und -verwirklichung jenseits des Machbaren. Mit neun Tracks in rund 78 Minuten erschufen FINSTERFORST aus all ihren Erfahrungen ein Werk, was den Namen zurecht trägt: „Still“. Es ist still geworden um FINSTERFORST. Und doch sind sie zurück – souveräner, tiefgründiger, fokussierter und selbstsicherer als je zuvor.
Vor allen Sänger Olli Berlin, der den Job erst 2010 von Vorgänger Marco Schomas übernommen hat, beweist nicht nur Abwechslungsreichtum, sondern auch gesteigerte emotionale Tiefe, was sich oft im Klargesang offenbart. Hinzu kommt ein besonderer Gast, der das Album in unerwartete Dimensionen hebt: Shanty Peter und die Badweihermatrosengewerkschaftskapelle liefern einen epischen Schwarzwald-Chor, der dem Ganzen eine weitere geheimnisvolle Aura verleiht.
Das Album beginnt mit dem markanten Titel: „Obduktion“ und legt alleine dadurch schon mal eine beklemmende Grundstimmung fest, die sich durch das gesamte Werk zieht. Wahrer Black Forest Metal. Es geht um Themen wie Innenschau, um Bloßlegung, Herbstwanderung und Naturromantik, die von Anfang an zum FINSTERFORST-Kosmos gehörte. Als besonderes Highlight ist sicher der Track „Leere“ zu nennen, ein ca.25-minütiges Mammutwerk, das in der Tradition von „Ecce Homo“ (ca. 36 Minuten auf „Zerfall“) steht und all jenen, die sich ins Jenseits verloren haben, ein neues Labyrinth eröffnet. Hier entfalten FINSTERFORST auch ihre gesamte Bandbreite: raue Black-Metal-Ausbrüche, elegische Post-Metal-Passagen, akustische Zwischenspiele und orchestrale Dramatik. Interessant und als besonderen Zug gestalten sich die beiden Cover am Albumende. „Beyond the North Waves“ von IMMORTAL ehrt ihre norwegischen Black-Metal-Wurzeln, während die Interpretation von Pink Floyds “Another Brick in the Wall Pt. II“ zunächst wie ein Fremdkörper wirkt, sich dann aber plötzlich im schier unendlich erscheinenden Klangkosmos von FINSTERFORST perfekt eingliedert.
Bemerkenswert auch: „Fels“, als einziges Stück auf dem Album, was nicht vom Frontmann Olli Berlin getextet wurde, sondern von einer gewissen Vera Käflein. Und dennoch fügt sich diese kleine Abweichung ideal ins Gesamtbild ein.
Wunderbar anzusehen ist auch das Artwork von Yaroslav Gerzhedovich (Layout: Oliver König), was einmal mehr das Gesamtpaket visuell abrundet und somit zusätzlich die atmosphärische Dichte des Albums unterstreicht.
Fazit
Das Album „Still“ ist nicht nur ein Album geworden, sondern das anfänglich erhoffte Manifest. Ein Werk, was durch die lange mediale Abwesenheit von FINSTERFORST sichtlich und hörbar gereift ist. Mal ist es düster dann wieder träumerisch, mal brutal episch und doch zärtlich intim. Gereift sind auch die Mitglieder, die sich kompositorisch nicht nur auf das Wesentliche beschränkt haben, sondern noch einmal emotional tiefer in die Seelenzustände des Seins gewandert sind. Somit ist „Still“ das Ergebnis ihrer gesamten künstlerischen Entwicklung. Wer die Qualitäten von „Still“ nicht begreift, hat das Genre nicht verstanden.
