
Game Over – When Darkness Falls
Prüfungsaufgabe im Leistungskurs Musik: Knut hat heute mal wieder Bock auf ANTHRAX’s „Only“. Ingo legt nebenan METALLICA auf, während der englische Austauschstudent lieber XENTRIX hört. Dennis hingegen steht der Sinn nach TESTAMENT und EXODUS. Das ist Skinny alles zu Mainstream und er schiebt „Agitation“ der Finnen AM I BLOOD in den Player. Auf welche Band einigt sich die Metal-WG in der Gemeinschaftsküche?
Na, habt ihr die Aufgabe gelöst? Genau: In der Küche läuft das neueste Album von GAME OVER. Die agilen Italiener werden dieses Jahr nicht nur volljährig, sondern veröffentlichen dieser Tage mit „When Darkness Falls“ auch ihr bereits siebtes Album. Dabei war „Face The End“ erst im April 2025 erschienen. Läuft also bei GAME OVER. Vor allem angesichts der Tatsache, dass der Vierer auf „When Darkness Falls“ in Sachen Produktion und Songwriting gegenüber dem Vorgänger nochmal eine Schüppe drauflegen konnte. Stilistisch ist man sich treu geblieben und mischt weiter gekonnt melodiösen Thrash Metal mit Gangshouts und eingängigen Vocals. Alles Dinge, die man in grandiosen Songs wie „Lost In Disgrace“ auch auf „Face The End“ gehört hat. Ohnehin wirkt „When Darkness Falls“ wie die genuine Fortsetzung von „Face The End“. Doch auf „When Darkness Falls“ klingen die Riffs noch eine Ecke schärfer, die Vocals sind noch ein wenig besser ausgearbeitet und die Rhythmus-Sektion donnert noch ein paar Grad fetter. Hier hat Produzent Simone Mularoni wirklich ganze Arbeit abgeliefert. Denn nach dem gefälligen Instrumental hauen die Italiener mit „Two Souls One Flesh“ gleich einen echten Smasher raus, der einmal mehr unterstreicht, was XENTRIX in den 90ern zum großen Durchbruch fehlte. Ein Song, der all diejenigen abholt, die – so wie ich – mit dem neuen TESTAMENT-Album nichts anfangen konnten und lieber „Practice What You Preach“ hören. Der Refrain ist eine Mischung aus fetten Gangshouts und Danny Schiavinas melodiösem Gesang.
Die erste Single „Break Away“ erinnert in der Strophe in Sachen Phrasierung sogar an MEGALOMANIAX´ erste EP „Information Overload“, insgesamt ist dies aber nicht der stärkste Song des Albums. Da drängen sich Riffmonster wie „Fight For Your Mind“, welches sogar an die thrashige Seite von RAGE erinnert, oder der Groover „Curse Of Strahd“, der den Hörer mit seinem gemäßigten Tempo, den gelungenen Lead-Gitarren und Schiavinas tollen Gesang schnell in den Bann zieht. Aber mit „Self Denied“ und „Beneath The Ground“ hat man noch weitere Nackenbrecher im Petto und es gelingt GAME OVER gekonnt, zwischen ANTHRAX zur „Bush-Phase“ und „EXODUS“ zu „Tempo of the Damned“-Zeiten zu balancieren. Das macht Freude, zumal die Italiener trotz aller Melodie niemals weichgespült klingen. Es lohnt sich, bis zum Ende am Ball zu bleiben, denn das große Finale kommt mit „Command To Die“ tatsächlich am Schluss. Der mit gut 5 Minuten längste Song des Albums beginnt mit einem etwa einminütigen Akustik-Intro, welches dann in einen grandiosen Groover übergeht. Der Akustik-Teil ruft Erinnerungen an großartige TESTAMENT-Songs oder auch 80er-Jahre-METALLICA hervor. Schön, dass diese Kunst im Thrash Metal noch nicht ganz untergegangen ist.
Mir flattern täglich zahlreiche neue Alben auf den Tisch. Vieles ist gut, manches auch nicht so gelungen, doch ich habe in diesem Jahr noch kein Album so häufig gehört wie „When Darkness Falls“, da die Songs einfach nicht langweilig werden, sondern eher immer noch besser.
Wie bei einem guten Computerspiel erreichen GAME OVER mit „When Darkness Falls“ ein neues Level, in dem es noch anspruchsvoller, eingängiger und unterhaltsamer zugeht. Dazu passen die absolut gelungene Produktion sowie das starke Artwork von Mario López. GAME OVER interpretieren Thrash Metal auf ihre eigene Weise und sichern Italien so auf jeden Fall eine Seite im aktuellen Thrash-Metal-Atlas.
