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Kanonenfieber - Soldatenschicksale

VÖ: 06. Februar 2026   •   Label  Century Media Records/Sony Music
Vor fast einem Jahr war Kanonenfieber - Live in Oberhausen auf dem OP-Tisch im Reviewlazarett und bekam ein paar deutliche Schnitte ab. In Marschvorbereitung auf das Album Soldatenschicksale wurde nochmals auf die alte Karte geguckt. Ohne Hintersinn erfolgte die Notengebung. Und heute fällt der 1. Weltkriegsbezug mit 0815 auf. Warum gab ich eine durchschnittliche Note? Weil Kanonenfieber in Manschaftsform unstrittig meisterlich zu performen weiß, sich mir aber der Magen umdreht, wenn das Publikum die Schrecken des Krieges mitgröhlt und die Band dies auch noch provoziert. Demagogische Kriegsbegeisterung. Beim Studioalbum ohne diese Reziepienten-/Konsumentenreaktion tritt dieses Gefühl nicht ein.

Das vorliegende Studioalbum Soldatenschicksale ist eine Neuzusammenstellung mit sieben überarbeiteten Liedern und zwei neuen. Was überarbeitet wurde, ergibt sich weder aus den Info der Promoagentur, noch durch die wirklich hervorragend annimierte und gestaltete Homepage. Es bleibt dabei, dem Einzelschicksal im 1. Weltkrieg eine Stimme, ein Gesicht zu geben, dass also Menschen die Gewalt kriegerischer Handlungen aufgrund von Sprachlosigkeit auf politischer Ebene an eigenem Leib und eigener Seele erleben. Der Kampf als inneres Erlebnis, wie Ernst Jünger seine Erlebnisse als junger Offizier im 1. Weltkrieg reflektierte oder auch Hans Magnus Enzensberger in seinem Buch über den General (und Hitler-Gegner) General Kurt von Hammerstein als Begriff nutzt, wenn er die Kriegsrückkehrer in der Weimarer Republik kurz charakterisiert. Jünger wurde wie Erwin Rommel auch mit dem Pour le Mérite ausgezeichnet, was der höchste preußische Tapferkeitsorden für Offiziere im Deutschen Kaiserreich war, trotzdem wirken ihre Erzählungen unterschiedlich. Wenn man In Stahlgewittern neben Infanterie greift an legt, fällt einem auf, dass das eine von einem Schriftsteller verfasst wurde, das andere jemand, der - spitz - nur Befehlssprache kann. Das eine geprägt vom Schrecken, das andere zeigt die Heroik und Tapferkeit im Krieg.
Das Album Soldatenschicksale will den Bogen spannen von "der Landung der Amerikaner an der Westfront über den erbarmungslosen Winterkrieg im Osten bis hin zu den Kämpfen auf und unter der Wasseroberfläche der Nordsee – es geht um Menschen. Um Stimmen. Um Geschichten, die in Vergessenheit geraten." Eröffnet wird das Album durch zwei neue Lieder, die als Skagerrak zusammengefasst werden, nämlich Z-Vor! und Heizer Tenner. Beide Lieder drehen sich um den Kleinen Kreuzer SMS WIESBADEN, der in der Seeschlacht im Skagerrak am 1. Juni 1916 versenkt wurde. Bis auf den Oberheizer Hugo Zenne kammen alle auf dem Kreuzer befindlichen Personen um, 589 an der Zahl, darunter der Dichter Johann Kinau, Pseudonym Gorch Fock. Die Namensgebung des gleichnamigen Segelschulschiffs der Bundesmarine geht auf ihn zurück. Taucher der Bundesmarine - aufgrund der Tiefe würde ich von Minentauchern ausgehen - fanden das Wrack 1983. Ein von ihnen geborgenes Teil befindet sich seitdem im Wrackmuseur in Cuxhaven. Aus der Perspektive eines Marinemelders und eines Heizers wird in Z-Vor! und Heizer Tenner berichtet . Was im Promotext steht, nämlich es ginge um "zwei Männer, die Teil einer Geschichte werden, die keiner überlebt.“, ist historisch falsch. Wie heißt es jedoch auf der Homepage? "Alle Texte des Projektes sind historisch korrekt und belegbar." Der einzige Überlebende des Untergangs der WIESBADEN, Oberheizer Tenne, wurde von einer norwegischen Dampferbesatzung geborgen, durch norwegische Marineoffiziere vornommen und Mitte Juni 1916 konnte er aus Norwegen ausreisen und traf am 17. Juni 1916 in Warnemünde ein und war zurück im Deutschen Kaiserreich. Unstrittig bleibt der massenhafte Tod während der größten Seeschlacht in diesem Krieg. 
Die Folgetitel Kampf und Sturm sowie Die Havarie stammen von der 2023 veröffentlichten Single Der Ubootmann und werden eingeleitet durch Ubootsperre. Bekanntermaßen geht es um den ersten Angriff des deutschen Ubootes UB2 sowie die hochstrapaziöse Rückkehr in den Heimathafen nach Beschädigung. Dann wechselt man thematisch auf das Land und zur Infanterie mit der Füsselier I und Füsselier II. Dies waren separate Singles zum Album Urkatastrophe und wurden 2022 erstveröffentlicht. Auch The Yankee Division March und Die Fastnacht der Hölle sind separate Singleauskopplungen mit dem Titel Yankee Division. The Yankee Division March dreht sich um die Schlacht bei Saint Mihiel im September 1918. Erstmalig war das US-amerikanische Expeditionskorps (American Expeditionary Forces - A. E. F.) - verstärkt durch französische Einheiten - selbstständig in den Kampf getreten. General Pershing führte diese Streitmacht. Die Lyrics von Die Fastnacht der Hölle suggerieren, dass der Rahmen die Schlacht von Belleau im Sommer 1918 bildet, auch hier ist das A. E. F. beteiligt gewesen.  Als Outcome dieser Schlacht erhielt das United States Marine Corps seinen Nimbus als kampfstärkster Großverband innerhalb der US Streitkräfte. Im Text wird das Tragen von Gasmasken, das Schießen von Gasgranaten erwähnt. Ja, nachgewiesen ist die "Gaswaffe" im 1. Weltkrieg. Ihre Wirkung war jedoch sehr marginal, denn sie führte allenfalls zu 1 % der tötlichen Verluste. Der Einsatz des Maschinengewehrs hingegen war entscheidend. Dennoch sind die Lyrics intensiv und lassen das Grauen erahnen.
Was nun überarbeitet wurde an dem Großteil der Lieder, ist - wie einleitend erwähnt - offen, Kampf und Sturm, DIe Havarie sowie Füsselier waren in Liveversion auch auf dem Album Live in Oberhausen Bestandteil der Setlist, das erlaubt aber keine Referenz. Die vormaligen Singles mit der Klammer Skagerrak auf einem Album zu veröffentlichen, bewerte ich als gute Entscheidung und sehe dabei nicht mal kommerzielle Motive. Musikalisch und mixtechnisch gibt es zwei Daumen hoch. Der Gesangsstil unterstreicht die textlich inhaltliche Wirkung. Das liegt in meinem Fall auch am beruflichen Umfeld, dem familiären Hintergrund, dem Umstand, dass drei aus meinem Kameradenkreis nicht lebend aus Afghanistan heimkehrten, einer nicht vom Balkan, PTBS in unterschiedlichen Ausprägungen in meinem Kameradenkreis verbreitet ist, ich mich während der Studienzeit für das Militärgeschichtliche Forschungsamt über sechs Wochen mit den Verlusten einer Division im 1. Weltkrieg befassen durfte und und und.  
Persönlich würde ich mir wünschen, mit Noise und seiner Band ins Gespräch kommen zu dürfen, um seine und ihr Rational zu hören, ob derartiger Stoff bei Auftritten zum Mitsingen und auch Applausklatschen führen darf. Durch meinen Beruf bin ich durchaus mit Einstufung "Geheim" sowie Verbot von Kamera oder anderen aufzeichnenden Geräten vertraut und stehe bereit für ein Gespräch, bei dem Beschreibungen von Stimme und Aussehen unter Verschwiegenheit stehen. 

Fazit: Soldatenschicksale von Kanonenfieber entfaltet als Studioalbum seine Wirkung, dass Krieg (und Gewalt) einfach nichts anderes ist, als erschreckend und ablehnenswert. Live verkommen die Songs zu bloßer Unterhaltung der Massen ohne Reflektionswirkung, vor allen Dingen bei denen, die wenig Berührung mit "scharfen Enden von Gegenständen" haben. Studio: Ja! Bühne: Nein!


 
 
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