KARNIVOOL sind zurück - Reifeprüfung nach 13 Jahren Stille
Nach über einem Jahrzehnt Funkstille melden sich KARNIVOOL mit ihrem vierten Studioalbum In Verses zurück. Die Progressive-Rocker aus Perth waren seit Asymmetry (2013) kaum greifbar, ließen Fans jedoch immer wieder mit einzelnen Singles und Live-Auftritten hoffen. Nun liegt das neue Album vor – und steht vor der nicht ganz einfachen Aufgabe, die enorme Erwartungshaltung zu bedienen, die sich über Jahre hinweg aufgebaut hat.
Progressiv verlangt den Hörern bekanntlich einiges ab. So auch mir, weshalb ich mich gleich zweimal durch das Album und auch durch dessen Vorgänger gehört habe. Vom Nu-Metal-lastigen Beginn über das wegweisende Sound Awake bis zum experimentellen Asymmetry war jede Veröffentlichung der Band scheinbar ein bewusster Schritt nach vorne – nicht immer bequem, aber stets konsequent. In Verses entstand erneut mit Produzent Forrester Savell und wirkt wie ein Resümee dieser Entwicklung: weniger radikal als das vorherige Album, dafür fokussierter und emotional zugänglicher.
Der Opener „Ghost“ ist eine programmatische Vorschau: zurückhaltender Beginn, schwelende Spannung, dann ein Ausbruch verschachtelter Riffs und polyrhythmischen Schlagzeugspiels. KARNIVOOL nehmen sich Zeit, lassen Motive langsam entstehen und entwickeln ihre Songs nach und nach. Diese Geduld zieht sich durch das gesamte Album und prägt dessen düstere, und stellenweise fast beklemmende Atmosphäre.
Mit „Drone“ folgt der wohl zugänglichsten Song der Platte, getragen von einem wiedererkennbaren Rhythmus. Dennoch bleibt auch hier nichts vorhersehbar: kleine rhythmische Verschiebungen und harmonische Brüche sorgen für Hörspaß. „Aozora“ entfaltet eine beeindruckend emotionale Tiefe und zählt zu den melodisch stärksten Momenten des Albums.
Technisch bewegt sich In Verses auf gewohnt hohem Niveau. Die Gitarrenarbeit von Drew Goddard und Mark Hosking ist beeindruckend, verliert sich aber nicht in unnötiger Virtuosität. Jon Stockmans Bass übernimmt immer wieder Führungsrollen, während Steve Judd kontrolliert und präzise am Schlagzeug arbeitet. Ian Kennys Gesang bildet wie gewohnt das emotionale Zentrum – verletzlich, eindringlich und präsent.
Zu den klaren Highlights zählt „All It Takes“, das mit roher Härte und direkter Struktur überrascht. „Conversations“ und „Opal“ zeigen die ruhige, nachdenkliche Seite der Band und funktionieren vor allem dann gut, wenn man sich voll auf das Album einlässt. Gleichzeitig offenbaren sich aber auch Schwächen: Nicht jeder Song hinterlässt einen bleibenden Eindruck, manche Passagen wirken sehr zurückhaltend – für meinen Geschmack zu vorsichtig. Im Vergleich zu Sound Awake fehlt stellenweise die Eskalation, das Drama der Songs. Fans von Asymmetry könnten sich an dieser insgesamt zugänglicheren Ausrichtung stoßen.
In Verses ist kein Album für den schnellen Konsum und ganz sicher kein Versuch, alte Erfolge zu reproduzieren. KARNIVOOL liefern ein reifes, durchdachtes Werk ab, das ihre musikalische Identität schärft, ohne sie neu zu erfinden. Wer komplexes Songwriting, emotionale Tiefe und progressive Strukturen schätzt, wird hier viel entdecken. Fans, die aber auf kompromisslose Härte hoffen, könnten hingegen etwas Geduld mitbringen müssen. Unterm Strich bleibt In Verses ein starkes, wenn auch bewusst zurückhaltendes Comeback – eines, das weniger mit Wucht als mit nachhaltiger Wirkung überzeugt.