Zwischen Jahre ohne Sänger feiern Long Distance Calling heuer. 20 Jahre Bandbestehen. Trips war ihr letztes Werk mit Lyrics, danach gab es allenfalls rezitative Samples. Zwischen Trips und The Phantom Void veröffentlichten sie Boundless, How Do We Want To Live?, Eraser, zwei überragende Livealben [Stummfilm – Live from Hamburg (A Seats & Sounds Show) sowie Live At Lichtburg], dazu noch die EP Ghost. Die Band sagte, sie habe ein bisschen Pause zwischen den Alben Eraser und The Phantom Void nötig gehabt. Naja, es hört sich eher wie Aktiverholung an, vor allen Dingen wurde ja schön aufgetreten (herausgehobener Konzerttrip: die VR China) und auch Janosch Rathmer war mit seinen beiden Black Metal Aktivitäten Perish und The Great Sea alles andere als lässig unterwegs. Die geisterhafte Leere läutet für 2026 nun musikalisch das Jubiläumsjahr Long Distance Callings ein. Begeben wir uns auf eine Klangreise.
Die Kompositionen/Arrangements der vier Münsteraner Long Distance Callings sind immer geprägt durch große Dynamik und durch Gleichwertigkeit aller Mitglieder, will heißen und im Gegensatz zu anderen - auch sehr namhaften - Instrumentalmusikvertretern, dass hier nicht Bass, Schlagzeug und eine weitere Gitarre oder Keyboards/Synthesizer lediglich das Fundament bilden, damit sich ein anderer Gitarrist im Solospot genüsslich und ausgiebig sonnen kann. Janosch Rathmer teilt mit, dass The Phantom Void, anders als How Do We Want To Live? (Schwerpunkt: Ausbreitung künstlicher Intelligenz) und Eraser (Schwerpunkt: Aussterben bedrohter Tierarten), diesmal kein Konzeptalbum geworden ist. Allerdings gibt es eine Motivklammer, und das ist das Träumen. Thematisch könnte man es als Anschluss an die EP Ghost sehen. Höre ich beide Veröffentlichungen in einer Playlist, sind mir die Bruchkanten zu deutlich, die Titel Ghosts harmonieren nicht so recht mit denen The Phantom Voids. Negative Is The New Positive, Fever (mit einem Bottleneck; s. u.), Black Shuck, Old Love und Seance haben nichts Träumerisches oder Schlafendes.
Wenn man den Schlaf in tiefe, leichte, REM- (Rapid Eye Movement) und wache Phasen aufteilt, erkennt man dort umgehend eine Kongruenz zu der Art und Weise, wie Long Distance Calling ihre Klangbilder auf The Phantom Void malen. Vom Feuchten Traum bis zum Fiebertraum ist da dann alles möglich (musikalisch bildet sich bei mir zumindest nichts Albtraumhaftes). Eine eher düstere Assoziation wird meiner Meinung nach auf The Phantom Void besonders bei den Stücken Mare, A Secret Place und Sinister Companion durch das rezitative Sprachsample aufgebaut. Mare hat eh in seiner Gesamtheit eine eher bedrohliche Stimmung. Wenn man so will: Kein sanfter Einstieg in die Traumwelt und -phase. Das Intro The Spirals hingegen wabert. Es hat den Vibe vom Intro Dancing In The Streets von Van Halen. Aber nicht ganz so leichtfüßig kalifornisch. Sondern es hat eher eine urbane Coolness. Subtiles Synthesizerspiel, dazu eine leicht dissonant zur Begleitung stehende Gitarrenfigur. Und das Wechselspiel zwischen Zerre und Clean, zwischen Hektik und Gelassenheit. Akzentuiert durch Bass- und Schlagzeugspiel. A Secret Place beginnt ruhig, bis das Schlagzeug aufdreht, Zerre, Energetik. Im letzten Viertel geht es ins Getragene, ganze Noten, bevor den Ausklang ein sehr räumlich eingefangenes Klavier übernimmt, als stünde das Klavier am Ende eines Raumes, der Hörer gegenüber. Nocturnal ist fiebrig-hektisch, Wah-Wah auf den Gitarren gleich zu Beginn, dann das fuzzy Singlenote-Riffing, Bass und Schlagzeug als antreibende Elemente. Das wilde Treiben fließt hinein in einen entspannenden Abschnitt, Keyboard, cleane Gitarre, die Drums zwar noch deutlich, aber nicht schiebend. Jedoch darf man nicht erwarten, dass es so zart endet. Nein, das fiebrig-hektische Intro wird quasi am Schluss nochmal aufgegriffen. Bei Phantom Void führte mich der hallige Drumsound zu Beginn in die Zeit von Miami Vice oder Genesis/Phil Collins. Das Singlenote-Riffing ist typisches Trademark Long Distance Callings. Das letzte Drittel des Titeltracks ist sehr laid back, groovig besonders durch das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug. Das Lied klingt jedoch nicht einfach aus, sondern findet seinen Schluss in einer Klimax. Shattered startet sachte, schöne echoschwangere Swelleffekte mit dem Lautstärkeregler der Gitarre, ein schöner warmer crunchiger Gitarrenton. Das alles garniert an Mid-Tempo-Beat, Schlagzeug und Bass peitschen also nicht. Zum Ende hin wird Fahrt aufgenommen, bevor mit Sinister Companion das Album den Schlusstrack hat. Und dieser unheimliche Geselle erfährt bsonders durch das rezitative Stimmsample seine Stimmung. Die Taktung ist eher zurückgenommen, die erste Hälfte ist noch gitarrenlastig, die zweite beginnt Synthesizier-dominiert, bevor Schlagzeug, Bass und echoschwangere Gitarren wieder einsetzen. Sehr cool finde ich den Rhythmus bestehend aus Schlagzeug und einem Conga-ähnlichen Nachbeat. Die Sologitarre spielt eine der sehnsuchtsvoll klingende Melodie. In der Gesamtwirkung entwickelt sich mit dem Begriff Traum als gemeinsames Element aller Songs nichts albtraumhaftes, wohl aber eine gewisse Bedrohlichkeit, die den Puls schneller schlagen lässt und den Blutdruck in Wallung bringt. Meditativ beruhigende Abschnitte sind zahlreich vorhanden, weshalb die vier Schlaf-, und wenn man so will, Traumphasen sehr gut assoziiert werden. Schreckenstraumbilder würden durch extrem kreischende, plötzlich einsetzende Soundeffekte erzeugt werden, das findet sich hier nicht. Ein Gegenbeispiel wäre Things Beyond Things (Devin Townsends Ocean Machine Biomech), auf dem der gute Devin seine Rezipienten schön einlullt, um sie am Ende markerschütternd anzukreischen. Long Distance Callings Gitarrenstufe ist darüber hinaus auch bei weitem nicht ausgereizt, um albtraumhafte Gefühle zu stimulieren. Und selbst die Bottleneckgitarre (vgl. Phantom Void) reicht da für mein Gefühl noch nicht aus. Einen subjektive Detaileindruck will ich noch zum Bottleneck gerne teilen: Nämlich dass es auf den letzten Produktionen der Band einigen Zuspruch gegeben zu haben scheint, es sich auf einen Griffel zu schieben. Und obwohl es auf The Phantom Void fürwahr nur beim Titeltrack über die Saiten gleitet, so kam mir ins Oberstübchen: Nicht schon wieder! Der Mix und Bandsound ist sehr gleichmäßig und hervorragend unkompromimiert, gleichsam klar.
Fazit: Long Distance Calling haben ihre eigene, unverwechselbare klangliche Handschrift. The Phantom Void erlaubt kreatives Assoziieren, aufregend, abkühlend, hitzig, meditativ. Ihren cineastischen Klang erweitern sie mit diesem Album zudem noch visuell mit einem Kurzfilm Felix Julian Kochs. Der Kurzfilm entstand im Zusammenhang mit der Finalisierung der Lieder, was eine perfekte Symbiose zur Folge hat. Vielleicht ist dann ein Satz die treffenste Bewertung: Ganz großen Kino!
Fazit: Long Distance Calling haben ihre eigene, unverwechselbare klangliche Handschrift. The Phantom Void erlaubt kreatives Assoziieren, aufregend, abkühlend, hitzig, meditativ. Ihren cineastischen Klang erweitern sie mit diesem Album zudem noch visuell mit einem Kurzfilm Felix Julian Kochs. Der Kurzfilm entstand im Zusammenhang mit der Finalisierung der Lieder, was eine perfekte Symbiose zur Folge hat. Vielleicht ist dann ein Satz die treffenste Bewertung: Ganz großen Kino!