Wenn es eine Band gibt, die nie zu vollen Ehren gekommen ist, dann die Londoner von THUNDER. 1998 haben Herren die schlicht „Live“ betitelte Werkschau erstmals vorgelegt. Nun erscheint die Scheibe in verschiedenen Versionen und ggf. mit neun Bonustracks versehen wieder.
Nach vier Studioalben, die unterschiedliche Facetten von THUNDER zeigten, veröffentlichten Bowes & Co. ein Doppelalbum, welches klassische Hardrock-Evergreens, absolute Superhits und THUNDER-Signature-Songs nebeneinanderstellte und bewies, dass auch Hardrock nicht immer nach derselben Formel komponiert werden muss.
Der Opener hätte mit „Welcome To The Party” nicht passender gewählt werden können, denn genau dies war und ist „Live“: eine große THUNDER-Party. Mit Songs wie „Higher Ground“, dem genialen „Low Life in High Places” oder dem SPENCER DAVIS GROUP-Cover „Gimme Some Lovin’”, welches seinerzeit auf MTV hoch und runter lief, ziehen THUNDER die Hörer unweigerlich in ihren Bann. Und das funkige „Don’t Wait“ erweist sich nicht als Querschläger, sondern fügt sich perfekt in die Hits der ersten Alben ein. Dass Daniel Bowes zu den charismatischsten Sängern der Szene gehört, wird spätestens in „Empty City“ deutlich. Und dass das Gitarren-Duo Morley-Matthews eine Klasse für sich darstellen, ist ohnehin in jedem Song zu hören. Wer THUNDER einmal live gesehen hat, der wird bestätigen, dass Harry James mit seinem kräftigen Punch („She’s So Fine“ oder „Backstreet Symphony“ seien als Beweise angeführt) eine unersetzbare Antriebsfeder für die Band ist. Neuzugang Chris Childs besteht die Feuerprobe am Bass mit Bravour und gehört nicht ohne Grund seitdem zum Line Up der Band.
Wo ihre musikalischen Wurzeln liegen, verhehlten THUNDER nie und in der Auswahl der Coversongs war es für jeden Fan nachhörbar: „Dance To The Music“ der amerikanischen Funk- and Soul-Band Sly & the Family Stone hob THUNDER schon damals von ihren amerikanischen Stadion Rock-Kollegen POISON, FIREHOUSE, SLAUGHTER & Co. ab.
Wie oft ist seinerzeit „Living For Today“ vom damals aktuellen Album „The Thrill Of It All“ gelaufen! Und auch fast 30 Jahre später möchte man es den Briten fast glauben: „The future doesn't matter when you're living for today.“
Wer nach einer dermaßen starken Setlist wie auf „Live“ am Ende noch ein Triple wie „Love walked in“, „River of Pain“ und „Dirty Love“ raushauen kann, der darf getrost sicher sein, dass an diesem Abend kein Fan enttäuscht nach Hause gegangen ist.
Erstmals erscheint das Live-Album nun auch auf Vinyl. Wer zu der 4LP- bzw. der 3CD-Version greift, der bekommt ganze neun Bonustracks zur ursprünglich 22 Songs umfassenden Setlist. Darunter Liveversionen von „Pilot of my Dreams“ oder „Everybody Wants Her”, Studioversionen von „The Only One” und „Too Bad”. Lediglich „New York, New York” wäre verzichtbar gewesen. Dennoch bieten die Bonus-Tracks hier einen echten Mehrwert, handelt es sich doch nicht um kaum hörbare Demoversionen oder sonstigen Schrott, der mit Recht bislang in der Mottenkiste gelegen hatte. Zudem wurde das ganze Album remastered, um den Sound an heutige Hörgewohnheiten anzupassen.
„Live“ hat den Test der Zeit zweifellos bestanden und das Album unterstreicht eindrucksvoll, dass THUNDER „one of a kind“ sind. Daniel Bowes‘ einmalige Stimme, Morleys grandioses Songwriting und die kraftvolle Performance einer Band, die nie die gebührende Anerkennung (zumindest in kommerzieller Hinsicht) in der Musikwelt bekommen hat, machen „Live“ auch nach fast 30 Jahren noch bzw. wieder zu einem absoluten Pflichtkauf. Wer sich den einzigartigen Songs von THUNDER verschließt, ist selber schuld.
Im NO COMPROMISE 14 habe ich 1998 Folgendes zu der Scheibe geschrieben:
„22 Songs und über 2 Stunden THUNDER. Klar, dass es da kräftig kracht und kaum ein Highlight der Bandgeschichte fehlt („Castles in the sand“ mal ausgenommen). Guter Sound, ein dickes Booklet mit vielen Live-Shots und, wie gesagt, eine gute Songauswahl lassen in mir nur noch den Wunsch offen, dass die Jungs nochmal mit ihrem Barbier über die aktuellen Frisuren debattieren.“