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Lineup
Ste - drums
Apo - vocals
Alex - guitar
Joy - guitar
Dan – bass
Interviews
Das Ende ist nah - Joy von NECROCENE im Interview
(c) Personal Records Promo
Man schaut die Nachrichten und sieht diese verdammten Staats- und Regierungschefs der Welt, die sich wie komplette, ignorante Clowns benehmen, während hirntote Massen ihrer Rechte beraubt werden – vollkommen zufrieden, solange sie das neueste Smartphone kaufen und Airbnb-Urlaub machen können.
Das Ende ist nah - Joy von NECROCENE im Interview
Die Szene ist vital wie eh und je, vergisst dabei jedoch nicht seine Wurzeln. Dies zeigt sich nicht zuletzt im Erfolg von Bands wie LEFT TO DIE. In Italien formierte sich vor vier Jahren eine Band, die ebenfalls den ursprünglichen, rohen Death Metal, wie man ihn in den 90er Jahren von Bands wie DEATH, CANCER oder OBITUARY serviert bekam, kultiviert. Nach einer EP im Jahr 2024 legen NECROCENE nun mit „Scumocracy“ ihr überaus hörenswertes Debütalbum vor. Gitarrist Joy nahm sich Zeit, um meine Fragen zu beantworten. Heraus kam ein interessantes Interview über Musik, Kapitalismus und den bedauernswerten Zustand unserer Welt. Doch lest selbst.
Herzlichen Glückwunsch zu eurem Debütalbum. Lass mich ein wenig provokant sein: Wer braucht noch eine Band, die wie OBITUARY und DEATH in den 1990ern klingt?
Hey, hier ist Joy an der Rhythmusgitarre! Danke, dass ihr uns den Raum für dieses Gespräch gebt. Was für ein Einstieg – direkt mit einem Knall, wie ich sehe! :D Um ehrlich zu sein, bringt die Art und Weise, wie du die Frage gestellt hast, die moderne Besessenheit, kapitalistische Rhetorik – Angebot und Nachfrage – auf alles anzuwenden, Kunst eingeschlossen, perfekt auf den Punkt. Hier geht es nicht darum, eine Marktlücke zu füllen. Es gibt ohnehin überall ein Überangebot an Musik, ganz zu schweigen von der ganzen KI-generierten Musik, die zusätzlich alles verstopft. Für uns ging es einfach darum, unser eigenes Bedürfnis nach Ausdruck zu befriedigen. Es trifft sich nur so, dass wir das durch Death Metal in seiner ursprünglichsten Form tun. Das ist der Sound, der uns am nächsten liegt – obwohl wir während seiner goldenen Ära noch Kinder waren – und einen rohen, aggressiven Klang nachzuahmen, fühlt sich für uns viel natürlicher an, als einer akustischen Perfektion hinterherzujagen.
Im Ernst, ich liebe den Sound der Band. Im Info heißt es, dass ihr versucht habt, „moderne Trends zu umgehen“. Ich habe mich gefragt, ob das auch für den Aufnahmeprozess gilt. Wie habt ihr das Album aufgenommen? Und welche Art von Equipment habt ihr benutzt? Welche digitalen Werkzeuge kamen zum Einsatz?
Freut mich, dass dir unser Lärm gefällt! Wenn wir davon sprechen, moderne Trends zu umgehen, meinen wir vor allem den ständigen Druck, in den sozialen Medien allgegenwärtig sein zu müssen – ständig zu zeigen, dass man etwas tut, jemand ist und online existiert. Persönlich kann ich es nicht ausstehen und es kostet viel zu viel Energie, da mitzuhalten. Es ist schon beschissen, dass eine Band, die sich eigentlich darauf konzentrieren sollte, Musik zu machen, sich visuell prostituieren muss, nur um im Algorithmus potenzieller Hörer zu landen. Wir sind wieder beim Gesetz von Angebot und Nachfrage: „Mach dich auffällig, dann landest du im Doom-Scroll von irgendjemandem“, oder du gibst Geld für gesponserte Beiträge aus … Sorry für den Rant!
Was den Aufnahmeprozess des Albums betrifft: Leider gab es keine Aufnahmesessions, die wir auf Band aufgenommen haben (hahaha). Wir haben Mehrspuraufnahmen mit einer üblichen Mikrofonierung für die Drums gemacht. Die Gitarren wurden direkt aufgenommen – also kein direktes Line-Signal, das später re-amped wurde –, eine Spur pro Gitarristen, wobei die Soli separat aufgenommen wurden. Wir haben die Rhythmusgitarren nicht gedoppelt, weil wir wollten, dass die Platte exakt so klingt wie wir live. Der Bass ging direkt über D.I., und die einzigen nachträglichen Verzierungen waren ein paar Synthesizer-Layer auf einigen Tracks, ähnlich wie bei „Detrimental Paratomy“ [die 2024er EP der Band – TZ].
Angefangen beim Namen eurer Band NECROCENE (dtsch. Nekrozän = Zeitalter, in dem das globale System auf massenhaftem Tod, Aussterben und Zerstörung beruht und diese beschleunigt, angetrieben vor allem durch das kapitalistische Wirtschaftssystem) wirkt das gesamte Album ziemlich negativ, während diese apokalyptische Negativität gleichzeitig eine Energiequelle für euch zu sein scheint. Ist der Zustand der Welt ein Grund dafür, dass ihr die Band gegründet habt?
Absolut. Der Name der Band entstand aus der Erkenntnis, dass der menschliche Einfluss auf den Planeten so gewaltig ist, dass er eigentlich den Namenszusatz einer geologischen Epoche verdient – ich bin Geologe, also geht die Schuld dafür auf meine Kappe! Es geht allerdings nicht nur um die menschliche Präsenz an sich, sondern um jenen Aspekt der menschlichen Natur, der sich asymptotisch zu einer immer größer werdenden Gier nach Macht und Kontrolle bewegt – auf Kosten aller anderen und von allem anderen.
In natürlichen Kreisläufen erzeugt der Tod neues Leben; er ist ein wesentlicher Bestandteil davon. Aber das Aussterben und die Zerstörung durch die Menschheit führen zu einem Punkt ohne Wiederkehr: Die Ressourcen der Erde gehen jedes Jahr früher zur Neige, hemmungslose Überfischung lässt Ökosysteme kollabieren, Menschen werden rücksichtslos ausgebeutet und Kriege bringen eine schiere Verwüstung mit sich. Ehrlich gesagt müsste man sich das Gehirn lobotomieren (operativer Eingriff am Gehirn, bei dem Nervenbahnen im Frontallappen durchtrennt werden – TZ) lassen, um nicht jeden Tag beim Lesen der Nachrichten tief frustriert zu sein. Diese Wut in unsere Musik zu kanalisieren, ist das Mindeste, was wir tun können – selbst wenn wir wissen, dass es nichts retten oder reparieren wird.
Kannst du uns ein wenig über den Albumtitel bzw. den Song „Scumocracy“ erzählen? Was steckt hinter diesem Song/Titel?
Erinnerst du dich an den Film Idiocracy? Damals war er lustig, oder? Nun, heute ist er deutlich weniger lustig, weil es sich so anfühlt, als würden wir jeden einzelnen Tag darin leben. Man schaut die Nachrichten und sieht diese verdammten Staats- und Regierungschefs der Welt, die sich wie komplette, ignorante Clowns benehmen, während hirntote Massen ihrer Rechte beraubt werden – vollkommen zufrieden, solange sie das neueste Smartphone kaufen und Airbnb-Urlaub machen können.
Seien wir ehrlich: Es klingt wie die Handlung eines dystopischen Science-Fiction-Films, aber es ist einfach unsere alltägliche Realität. Die Kombination mit dem Wort „Scum“ ist einerseits eine Anspielung auf das Debütalbum von NAPALM DEATH – die im Grunde schon 1987 alles durchschaut hatten – und andererseits eine direkte Anspielung auf das, was ich gerade erwähnt habe: von Arschlöchern regiert zu werden, die alle unter sich zerquetschen, nur um ihren eigenen Interessen zu dienen.
Im Info-Schreiben heißt es außerdem, dass ihr gewissermaßen aus der Punkszene kommt. Ist das der Grund, warum ihr euch mit dem Thema Kapitalismus beschäftigt? In welchen Songs behandelt ihr das Thema, und warum ist Kapitalismus eurer Meinung nach ein Problem?
Aus der Punkszene zu kommen, macht es für uns definitiv selbstverständlich, solche Themen aufzugreifen. Es ist außerdem eine Möglichkeit, das übliche Klischee von reinem Horror-basiertem Songwriting abzulehnen. Als wir diese Band gegründet haben, war die Grundidee, den Soundtrack zum Ende der Welt zu erschaffen – zu dieser unerbittlichen, trostlosen Gegenwart, in der wir jeden Tag leben.
So redundant es auch klingen mag: Kapitalismus zieht sich praktisch durch all unsere Songs, aber besonders im Vordergrund steht er in „Ordinary Enemy“, „Scumocracy“, „Scale of Grey“, „The Lust of Us“ und „Weapons of the Damned“.
Was die Frage betrifft, warum Kapitalismus ein Problem ist: Der gute alte Karl Marx hat das bereits vor über einem Jahrhundert auseinandergenommen. Was ihn heute antreibt und aufrechterhält, ist diese permanente Illusion des Wohlstands. Doch bei fast allem, was wir kaufen, und in jeder Geschichte, die uns von den Medien aufgetischt wird, gibt es immer „More than meets the eye!“ (um noch einmal NAPALM DEATH zu zitieren, hahaha).
Neben OBITUARY und DEATH scheinen auch CANCER in Ihrer Frühphase ein starker Einfluss für euch zu sein. „Human Lithification“ erinnert mich sehr an das, was sie in den 1990ern gemacht haben. Was fasziniert dich am frühen Death Metal?
Für mich persönlich ist es die pure Spontaneität dieser Musik. Das Genre entstand daraus, dass Musiker auf der ganzen Welt einfach etwas spielen wollten, das extremer war als alles, was es damals gab. Damals hatte man nicht unendlich viele Referenzen wie heute, und Musiker waren auf Tape-Trading angewiesen. Wenn du das Tape einer neuen Band gehört hast, warst du verdammt begeistert und es hat dich dazu angespornt, noch weiter zu gehen.
Außerdem wurde der Sound nicht überdacht oder überproduziert. Der Schmelztiegel des Death Metal bei Morrisound ermöglichte es dem Genre, eine einheitliche, ikonische Klangidentität zu entwickeln – sogar bei Bands außerhalb der USA, wie etwa CANCER mit „Death Shall Rise“.
Was sind die „Weapons of the Damned“ aus dem gleichnamigen Song?
Die Verdammten – das sind wir alle, die Rädchen in der Maschine. Unsere Waffen gegen eine Gesellschaft, die uns dumm, gehorsam und vor allem isoliert haben will, sind simpel: miteinander reden, persönliche Verbindungen aufbauen, zusammenkommen, statt einander als Feinde zu behandeln, und die Wut, die uns eingetrichtert wird, gegen die tatsächlichen Faschisten zu richten, die sie erzeugen.
Ich mag auch euer Artwork ziemlich gerne. Kannst du uns etwas mehr über die Idee dahinter erzählen?
Das Artwork wurde von Samuele Scalise gestaltet, einem befreundeten Musiker von uns (BURIAL, ASKESIS). Es ist gewissermaßen eine Hommage an klassische Death-Metal-Plattencover. Visuell ist es eine Projektion dessen, wie der Planet aussehen wird, wenn wir diesen Weg weitergehen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, ist es im Grunde Mordor – nur ohne Orks.
Wir kommen langsam zum Ende. Für welche der beiden Optionen entscheidest du dich?
- Bolt Thrower oder Cancer?
Eine schwierige Entscheidung. Ich würde sagen BOLT THROWER, vielleicht einfach, weil ich nie die Gelegenheit hatte, sie live zu sehen.
- „To The Gory End“ oder „Death Shall Rise“?
„To The Gory End“
- Obituary oder Death?
Obituary
- Obituary oder Massacre?
Obituary
- „Slowly We Rot“ oder „The End Complete“?
Wieder eine schwierige Wahl, aber ich nehme „The End Complete“.
- Left to Die oder Gruesome?
Definitiv Gruesome.
Und zum Schluss: Gibt es noch Hoffnung für die Welt?
Wenn wir die Hoffnung verlieren, sind wir erledigt, und wir lassen die Mächtigen ihr Spiel gewinnen. Wir müssen uns bemühen, uns gegen die Narrative zu wehren, die uns aufgetischt werden, informiert zu bleiben und nicht in Verschwörungsfallen zu geraten – die letztlich nur ein weiteres Werkzeug sind, um uns zu spalten.
Eine vernünftige Bildung für die jüngeren Generationen ist meiner Meinung nach absolut entscheidend. Wenn das nicht funktioniert, bleibt unser anderer Hoffnungsschimmer ein riesiger Meteorit, der uns in Sekundenbruchteilen auslöscht. Der Planet erholt sich von Massenaussterben schließlich sowieso immer wieder.
Danke für die Beantwortung der Fragen. Das weiß ich sehr zu schätzen.
Danke dir, Thorsten!



