Kai Wilhelm vom Rockharz Team im großen Rockharz Interview
Wir wollen nicht das größte Festival werden – wir wollen das BESTE werden
Kai Wilhelm vom Rockharz Team im großen Rockharz Interview
Marcel:
Erst einmal Glückwunsch zum erfolgreichen Festival! Wir sind da ja auch schon seit 2009 mit dabei und ich muss sagen, wir finden es immer wieder geil. Abgesehen vom super Wetter fühlt man sich hier einfach geborgen, zu Hause und gemütlich. Es gibt keinen Stress.
Marcel:
Was ist für dich das Besondere am ROCKHARZ? Was macht das Festival einzigartig – aus deiner ganz persönlichen Sicht?
Kai:
Ich kenne das ROCKHARZ ja schon sehr, sehr lange. Für mich ist es daher sehr vertraut und in dieser Intensität fehlen mir ehrlicherweise auch Vergleiche zu anderen Festivals, die ja nur als Musiker oder Besucher kenne. Unabhängig davon, dass ich jetzt seit vier Jahren hier fest arbeite, war ich ja auch vorher schon sehr lange als Gast und auch als externer Dienstleister auf dem ROCKHARZ. Und ich sehe zum Beispiel immer noch Leute z.B. im Graben oder in anderen Bereichen, die ich vor 20 Jahren dort schon gesehen habe. Das macht es für mich sehr greifbar, weil man sofort wieder Anschluss findet. Man fremdelt nicht. Man weiß genau: „Ach guck mal, da ist Kalle, der war vor 20 Jahren auch schon dabei.“
Genau das macht für mich einen Teil des ROCKHARZ aus. Es sind immer noch dieselben Leute, die das Festival betreiben und das zieht sich durch sehr viele Bereiche. Es ist einfach unglaublich schön, wenn man hierherkommt und diese Vertrautheit erlebt.
Ich glaube, aus Sicht unserer Gäste ist es relativ ähnlich. Wir haben z.B. eine sehr hohe Quote an wiederkehrenden Mitarbeitern über die Festivalwoche. Viele haben mal als Studenten in den Semesterferien hier angefangen und nehmen sich mittlerweile für das Festival Urlaub um hier zu arbeiten. Bei einer Quote von 70 Prozent Mitarbeitern die jedes Jahr wiederkommen, kommst du halt als Gast zu deinem Bierstand und siehst dieselben Gesichter, die du letztes und vorletztes Jahr schon gesehen hast. Das ist ein wiederkehrendes und auch identitätsstiftendes Element, was sicher auch zu dem familiären Gefühl beiträgt mit dem man das ROCKHARZ oft umschreibt.
Marcel:
Wir haben uns immer an den älteren Herren mit dem Zylinder erinnert. Ich glaube, der war dieses Jahr allerdings später nicht mehr an seiner gewohnten Position.
Kai:
Genau, du meinst den freundlichen Secu am VIP Eingang. Der war, glaube ich, dieses Jahr familiär anderweitig eingebunden. Am Mittwoch habe ich ihn aber zumindest in Zivil gesehen, den Kurzbesuch wollte er sich wohl nicht nehmen lassen. Aber genau solche Sachen machen auch unsere Wiedererkennbarkeit aus – sowohl bei den Gästen, als auch beim Team und beim Personal. Diese Vertrautheit macht es am Ende ja auch innerhalb der Crew einfacher. Gerade wenn sehr viele Leute um einen herumwuseln weiß man: „Okay, den kenne ich. Alles klar, das passt.“
Marcel:
Anstatt dass du vielleicht irgendwelche Leute hast, bei denen du erst wieder nachgucken musst, wer das überhaupt ist oder vielleicht auf das Bändchen schauen musst.
Wie viele Leute seid ihr insgesamt im Team?
Kai:
Wir haben 14 festangestellte Mitarbeiter, die das ganze Jahr für das ROCKHARZ arbeiten. Davon sind zehn Leute im Büro und vier Handwerker, die das ganze Jahr auf dem Platz sind und sich außerhalb der Festivalsaison um Instandhaltung, Pflege und Reparaturarbeiten kümmern. Das ist im Prinzip die Kern-Crew.
Während des Festivals kommt natürlich noch einiges dazu. Wir betreiben ja z.B. auch unsere Gastronomie komplett selbst und stellen für die Zeit die Leute auch selbst ein. Insgesamt werkeln hinter den Kulissen während des Festivals ungefähr 600 Leute.
Marcel:
Ihr seid ja wieder ausverkauft – und auch relativ schnell. Ich glaube, wenn ich mich richtig erinnere, war das jetzt das dritte Mal?
Kai:
Ja, zumindest das dritte Mal innerhalb einer extrem kurzen Zeit von wenigen Tagen.
Marcel:
Das schafft momentan, glaube ich, kein anderes Festival.
Kai:
Im letzten Jahr waren wie sehr lange das einzige, zumindest mir bekannte, Festival was für das Folgejahr bereits ausverkauft war. Wir denke auch, dass das ein guter Indikator, für die Zukunft und für unsere Arbeit ist.
Marcel:
Wie hat sich das ROCKHARZ in den letzten zehn Jahren verändert? Du bist ja schon sehr lange dabei. Was ist für dich die prägendste Veränderung?
Kai:
Für einen Außenstehenden ist die prägnanteste Veränderung wahrscheinlich die Zuschauerzahl. Man kann sich da ganz gut anhand der Jahreszahlen orientieren: 2012 waren wir bei ungefähr 12.000 Besuchern, 2014 bei 14.000 usw. Heute sind wir bei über 25.000. Das ist erstmal der größte Unterschied.
Aber auch was Orga und Abläufe angeht hat sich hinter den Kulissen in 10 Jahren einiges verändert und professionalisiert. Früher war die Verantwortung für nahezu alle Bereiche auf wenige Personen verteilt. Das macht manche Situationen deutlich angespannter, vor allem bei den Dingen, die man vorher nicht planen kann, die aber in kürzester Zeit auf dem Platz gelöst und umgesetzt werden müssen. Ich glaube da lief schon einiges ziemlich „auf Kante“ der Belastungsgrenze. Zudem haben Dani und Buddy vieles alleine entscheiden und lösen müssen.
Dadurch, dass wir heute ein gut strukturiertes , festangestelltes Orga-Team haben, hat sich da einiges verändert. Die Verantwortung ist auf mehrere Schultern verteilt und jeder weiß, was er zu tun hat. Wir arbeiten im Kern-Team zudem mit relativ flachen Hierarchien und jeder ist im Grunde auch darüber informiert was in den anderen Bereichen passiert.
Wenn dann irgendwo mal ein Problem auftaucht oder jemand fehlt, kann zur Not auch mal ein anderer, zumindest kurzfristig, einspringen und untertützen, da er zumindest grob weiß, worum es geht und was gebraucht wird.
Marcel:
Das heißt, du hast beispielsweise mit Siffi einen regelmäßigen Austausch, sodass ihr beide wisst, was im jeweils anderen Bereich passiert?
Kai:
Das ist in dem Fall kein ganz so treffendes Beispiel. Siffi unterstützt mich in einem meiner Bereiche z.B. beim Akkreditierungsprozess. Hier hat er einen Blick drauf wer sich anmeldet, wer gute Berichte, Bilder und Storys liefert und kennt auch interessante Leute außerhalb der „üblichen“ Presse-Bubble, so dass wir entscheiden können wer z.B. einen Grabenpass bekommt.
Das ist aber etwas was akut nur vor allem rund um die Festivalwoche stattfindet und kein Bereich der ganzjährigen Festival-Orga. Diese gliedert sich im Grunde in sieben große Schwerpunkte: Buchhaltung, Personal, Booking, Marketing, Gastronomie, Merchandise und Infrastruktur. Jeder Bereich hat eine konkrete, alleinige Verantwortung, aber im Alltag greifen die Bereiche bisweilen eng ineinander. Nehmen wir als Beispiel den Bereich Partnerschaften und Marketing, in dem ich unterwegs bin: Da gibt es Absprachen und Verträge. Manche Partner präsentieren sich bei uns, andere sind anderweitig aktiv. Welche Konditionen sind vereinbart, was genau findet bei uns statt, wieviel Mitarbeiter oder Gäste sind für den Partner bei uns vor Ort, gibt es besondere Anforderungen, welche Leistungen müssen erbracht werden usw. Um aber im Vorfeld verbindliche Entscheidungen treffen zu können muss ich zwingend wissen was in der Infrastruktur passiert und die Infrastruktur wiederum muss wissen was ich mit welchen Partnern vereinbare: Braucht es Container, braucht es Pagoden, gibt es Sonderaufbauten, wo sollen die stehen, wieviel Fläche wird belegt, braucht es Strom, Wasser und so weiter.
In anderen Fällen muss die Gastronomie zwingend mit am Tisch sitzen, wenn ein potentieller Marketingpartner z.b. ein Getränkeanbieter ist. Haben wir da Bedarf, gibt es schon Exklusiv Vereinbarungen mit anderen Partnern, die dem entgegen stehen, wie und wo können wir eine Präsentation auf dem Festivalgelände umsetzen? Kommt ein eigener Präsentations-Stand dazu müssen wir uns wiederum wie beschrieben mit der Infrastruktur absprechen.
Das ist was ich meine, dass jeder Bereich darüber informiert ist, was in anderen passiert, weil am Ende alles in einander greifen muss. Flache Hirachien bedeutet kurze Entscheidungswege und schnelle Lösungen.
Marcel:
Die Mitarbeiter sind wahrscheinlich alle bei der Veruga angestellt?
Kai:
Genau.
Marcel:
Und ihr betreut wahrscheinlich nicht nur das ROCKHARZ, sondern auch kleinere Veranstaltungen?
Kai:
Nein. Die Veruga wurde tatsächlich nur für das ROCKHARZ gegründet. Bis 2006 wurde das Festival ja vom Verein „Rock und Kultur im Harz e. V.“ veranstaltet. So ab 3000 Besuchern wurde das dem Verein, so als rein ehrenamtliche Veranstaltung und auch wegen der Haftung, einfach zu groß. Buddy war damals ebenso im Verein und dort seit 1998 in die Festival Organisation eingebunden und hat außerdem die Gastronomie gemacht. Als die Frage im Raum stand wie es mit dem Festival dann weitergeht, ob man kleiner wird oder es gar einstampft, hat Buddy dem Verein angeboten das Festival mit einer GmbH weiter zu betreiben. Das war die Geburtsstunde der Veruga.
Marcel:
Ihr seid jetzt bei über 25.000 Besuchern. Wenn noch Tageskarten dazukommen, wird es natürlich noch etwas mehr. Summer Breeze knackt, glaube ich, mittlerweile auch die 40.000. Ist es für euch überhaupt eine Option, noch größer zu werden? Oder bleibt es bei dieser Größe?
Kai:
Wenn es nur nach uns gehen würde, haben wir die für uns optimale Größe eigentlich schon erreicht. Wir sind bis hierhin über viele Jahre organisch gewachsen, und haben uns um maximal zehn Prozent pro Jahr vergrößert - und schon das war jedes Mal eine Herausforderung.
Selbst wenn „nur“ 1.000 oder 1.500 Leute mehr kommen, steigt der damit verbundene Aufwand fast exponentiell. Für 1.500 zusätzliche Besucher brauchst du mehr Dixies, mehr Strom, mehr Wasser, mehr Bauzäune, mehr Security und so weiter. Von daher waren wir auch mit 23.000 Besuchern schon sehr zufrieden.
Dass das Festival trotzdem weiter gewachsen ist und wahrscheinlich auch wachsen muss, liegt aber nicht daran, dass wir unbedingt ein noch größeres Festival werden wollen, sondern das wir auch schauen müssen, wie wir die Unkosten, die in den letzten fünf Jahren exorbitant gestiegen sind, irgendwie auffangen. Du kannst einen Teil davon auf den Ticketpreis umlegen. Du kannst die Kosten auch auf die Getränkepreise umlegen, was wahrscheinlich am wenigsten gut bei den Gästen ankommt. Oder du kannst versuchen, 1.500 oder 2.000 Tickets mehr zu verkaufen. Das ist aktuell eigentlich der einzige Grund, wenn wir darüber nachdenken, vielleicht noch ein paar Besucher draufzupacken. Es geht nicht darum, unbedingt mal ein 30.000er-Festival sein zu wollen. Ich glaube, im Jahr nach unserem Jubiläumsfestival 2023 war die Nachfrage so groß, dass wir wahrscheinlich damals schon 30.000 Tickets hätten verkaufen können. Aber das wollten wir gar nicht. Wir wollen und müssen nicht das größte Festival werden. Wir wollen das BESTE Festival werden – und solange es noch irgendwo Verbesserungspotenzial gibt, müssen wir nicht auf Teufel komm raus wachsen. Wenn du mit 25.000 Leuten dein Festival nicht im Griff hast und dir Dinge entgleiten, ist es total irrsinnig, auf 30.000 zu gehen.
Wenn wir irgendwann feststellen, dass bei uns alles optimal läuft und wir das vielleicht ein zweites Jahr genauso wiederholen können, sodass klar ist, dass es kein Ausreißer war, sondern dass wir die Sachen wirklich im Griff haben, können wir angesichts wirtschaftlicher Notwendigkeit überlegen, ob und wieviel wir nochmal drauf legen.
Marcel:
Aber natürlich gibt es spezielle Situationen, wenn ein großer Konzern kommt und ein Festival kaufen möchte. Dann geht es eben darum, dass der Rubel rollt.Aber ich habe den Eindruck, dass ihr mit dem, was ihr geschaffen habt, sehr glücklich seid.
Kai:
Ja, natürlich sind wir damit glücklich. Das ROCKHARZ ist ein erfolgreiches Festival, sowohl Besuchertechnisch als auch wirtschaftlich und es wäre hirnrissig an einem erfolgreichen Festival was zu ändern. Dennoch kann es für einen Verkauf grundverschiedene Gründe geben – und alle können legitime Überlebensstrategien sein.
Der eine brauch Kapital um einen wirtschaftlichen Engpass zu meistern, der andere will einfach nur für seinen Ruhestand vorsorgen, weil er über 40 Jahre lang alles gegeben hat. Und manch einer will einfach nur die Zukunft zu sichern.
Als im letzten Jahr die Nachricht herum ging, dass die DEAG beim ROCKHARZ eingestiegen ist und Anteile erworben hat, ging ja ein leichtes Raunen durch die Community und das böse „Investor“ Wort machte schnell die Runde. Da muss man natürlich ein bisschen gucken, was es damit auf sich hat.
Bild: Stefan Zwing
Investoren haben ja den, zum Teil begründeten, Ruf, dass sie ihr Investment lediglich auf Gewinnmaximierung optimieren wollen. Gerade große Gesellschaften leben von Modellen Unternehmen zu kaufen, aufzupumpen und dann möglichst gewinnbringend abzustoßen.
Die DEAG ist aber kein Investor, sondern eher ein „Dach“, unter welchem erfolgreiche Unternehmen weitestgehend autark weiter existieren und man mit einer Beteiligung davon profitiert - weil eben diese Unternehmen bereits erfolgreich sind.
Wir haben uns seinerzeit, ganz ohne Not und Zwang, damit beschäftigt einen Partner mit ins Boot zu holen. Auch deshalb, weil die gesamte Verantwortung der Veruga bei den beiden Gesellschaftern Dani und Buddy lag. Es ist aber etwas völlig anderes, ob du für 5.000 Leute und deine eigene Selbstständigkeit verantwortlich bist, oder ob man durch das Wachstum der letzten Jahre die Verantwortung für 25.000 Besucher und 14 festangestellte Mitarbeiter trägt, an denen ja auch Familien und Existenzen hängen.
Das ist ein riesiger Druck. Und wir werden alle auch nicht jünger. Da muss ja nicht mal was wirklich dramatisches passieren. Du holst dir bei der Gartenarbeit einen Bandscheibenvorfall und fällst für mehrere Monate aus. Glaub mir, du möchtest nicht dafür verantwortlich sein, wenn dein Ausfall möglicherweise negative Auswirkungen auf 14 Angestellte und 25.000 Menschen hat. Unter diesem Gesichtspunkt haben wir uns einen Partner gesucht um natürlich auch die Zukunft des Festivals abzusichern, ohne das alles an einer,- oder in dem Fall zwei Personen hängt.
Marcel:
Mich würde noch interessieren: Die beiden Bühnen – sind das die gleichen Bühnen, die auch beim Wacken stehen? Nicht die großen Bühnen, sondern die beiden Side Stages W.E.T. Stage und Headbangers Stage?
Kai:
Die Bühne der letzten Jahre ist auf jeden Fall dieselbe Bühne, die beim Vainstream steht und von dort nach dem Abbau direkt zu uns kommt. Ob es auch die Bühne in Wacken ist, kann ich dir nicht sagen.
Marcel:
Ich bin ja auch Mediengestalter und Grafiker und finde sehr geil, was Wacken macht, aber auch, was das ROCKHARZ grafisch macht.
Wer ist bei euch für die Gestaltung verantwortlich? Wer führt das alles?
Kai:
Das jeweilige Jahresmotiv – also die eigentliche Illustration - kommt von extern. In den letzten Jahren sehr oft von Thomas Ewerhard, der ja auch zusammen mit Björn Gooßes das Artist-Zelt bei uns hat. Bisweilen kommt es aber auch von anderen Künstlern.
Für das eigentliche Corporate Design, also die grafische Umsetzung der Jahresmotive auf Tickets, Plakaten, Flyern und anderen Grafiken ist dann Knitzel, also Christian Bröhenhorst verantwortlich.
Marcel:
Achja Knitzel, man kennt sich ja 😊 Du bist technisch auch ein bisschen mit drin, oder?
Kai:
Ja, ein bisschen. Wir werfen uns bisweilen das ein oder andere zu - und verschiedene gestalterische Aufgaben landen auch komplett auf meinem Tisch.
Marcel:
Und wer ist bei den Videos involviert? Das Endvideo machst du, glaube ich?
Kai:
Den Festivalfilm mach ich, ja. Also seit 2023. Ich habe ja eine Video-Vorgeschichte beim ROCKHARZ, denn darüber bin ich vor vielen vielen Jahren überhaupt erst bei diesem Festival gelandet. Zum Beispiel habe ich bereits von 2005 bis 2010 die Festival-DVDs gemacht, die den damaligen Frühbucher Tickets beilagen und seitdem ist der Kontakt nie so richtig abgebrochen. Um Corona herum haben sich dann ja auch die YouTuber Flo, Johnny, Lukas und Siffi zusammen gefunden um das ROCKHARZ bei der Erstellung und Präsentation von multimedialen Inhalten zu unterstützen. Als es dann darum ging den Medien-Bereich intern weiter auszubauen und z.B. auch einen Festivalfilm zu produzieren wurde ich, auch aufgrund der langen gemeinsamen Vorgeschichte, 2023 fest ins Veranstalter-Team geholt.
Mittlerweile ist die Video,- und Mediengeschichte nur noch eine von vielen meiner Aufgaben beim ROCKHARZ. Flo, Johnny, Lukas und Siffi sind Videotechnisch immer noch dabei. Wir treffen uns dann meist im Frühjahr mal alle zusammen, brainstormen und besprechen, was wir in diesem Jahr an Themen im Film, oder in Einzelvideos machen wollen und in der Festivalwoche ziehen sie dann mit Kameras los übers Gelände und bekommen hoffentlich genau die Bilder, die mir für den Film vorschweben.
Marcel:
Inklusion ist bei euch ja auch ein großes Thema.
Wir verfolgen das ein bisschen. Dieses Jahr gab es beispielsweise die Rollstuhlbühne, die vor den großen Bühnen versetzt worden ist. Was waren die organisatorischen Gründe dafür und wird es im nächsten Jahr Änderungen geben?
Kai:
Die Rollstuhlfahrertribüne ist in diesem Jahr deutlich größer geworden. Fast doppelt so groß wie bisher. Damit konnte sie aber nicht mehr dort stehen, wo sie vorher stand, weil das Sicherheitskonzept eine Mindestbreite an Durchlass für Fluchtwege zwischen Bauten erfordert. Deshalb mussten wir die Rollstuhlfahrer Tribüne in diesem Jahr an einer anderen Stelle positionieren.
Marcel:
Ich hatte mich gefragt, ob man die Tribüne vielleicht teilen könnte – also kleiner machen und links und rechts dafür dann zwei kleinere Tribünen aufstellen.
Kai:
Du kannst natürlich für eine Tribüne 10.000 Euro bezahlen oder das doppelte für zwei kleine Tribünen die dann jeweils das gleiche kosten, auch wenn sie kleiner sind. Ich stecke da in den Preisen nicht wirklich drin, aber das ist sicher auch ein Aspekt.
Das geht schon damit los, dass es kaum große „Rollstuhlfahrer-Tribünen“ mit entsprechender Rampe gibt, die über ein Dach verfügen. Was wir dort seit einigen Jahren hinstellen ist daher eine vollwertige, wenn auch kleine, Bühne weil die Rollstuhlfahrer natürlich nicht in der prallen Sonne sitzen sollen. Eine rollstuhlgerechte Rampe gehört natürlich nicht zum Lieferumfang einer Bühne und muss extra gebaut bzw. angemietet werden. Ich denke auch, dass zwei, explizit für Rollstuhlfahrer ausgewiesene, Tribünen dann auch das doppelte an Personal benötigen. Da sind ja immer jeweils auch ein Secu sowie Hilfskräfte und Betreuer im Einsatz.
Marcel:
Ich hatte nur mitbekommen, dass der eine oder andere Rollstuhlfahrer die neue Position nicht so gut fand.
Kai:
Ja, kann ich einerseits verstehen, weil sie jetzt statt nahezu mittig zwischen den Bühnen, eben seitlich steht - und damit von Rockstage weiter entfernt ist. Aber das war in diesem Fall die einzige Möglichkeit, überhaupt eine größere Rollstuhlfahrer Tribüne zu schaffen. Mit der Tribüne vom letzten Jahr wären wir nicht mehr ansatzweise hingekommen, da der Bedarf erfreulicherweise stark gestiegen.
Marcel:
Wann beginnt eigentlich das Booking für 2028? Wahrscheinlich jetzt schon?
Kai:
Booking ist ein Thema für sich. Das macht bei uns ja Buddy und er lässt sich dabei auch nicht gerne in die Karten schauen, jedenfalls nicht bevor Sachen definitiv spruchreif sind. Ich weiß aber, dass Vorlaufzeiten im Booking in den letzten Jahren immer länger geworden sind. Aktuell läuft natürlich noch das Booking für 2027, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass auch 2028 schon auf seinem Plan steht. Teilweise weißt man ja jetzt auch schon, welche Band 2028 ein Album machen will, wann sie auf Tour geht und wann in welcher Gegend verfügbar ist.
Marcel:
Das Genre verändert sich ja auch immer ein bisschen.
Vor zehn Jahren war vielleicht noch Thrash Metal mit Overkill, Exodus und so weiter besonders gefragt. Heute sind es teilweise andere Newcomer-Bands, die nach vorne kommen.
Wenn Geld keine Rolle spielen würde: Wen würdest du gerne beim ROCKHARZ sehen?
Kai:
Es gibt sicher Bands, die wir schon seit Jahren versuchen zu bekommen, aber meistens ist es nicht das Geld woran es scheitert. Die Band ist beispielsweise in dem Jahr nicht in Europa, oder in anderen Ländern unterwegs, oder macht gerade mal ein Jahr Pause, oder hat kein aktuelles Album für das man auf Tour gehen kann … Bei Alice Cooper war das auch so, ich glaube Buddy hat mal erzählt, dass er seit 2012 versucht Alice Cooper zu buchen. Es müssen einfach ganz viele Sachen zusammenpassen und in diesem Jahr hat es gepasst. Und da gibt es noch die ein oder andere Band die wir seit Jahren auf dem Schirm haben….
Marcel:
Mutz würde gerne mal Manowar auf dem ROCKHARZ sehen. Was meinst du?
Kai:
Manowar beim ROCKHARZ könnte ich mir rein musikalisch tatsächlich sehr, sehr cool vorstellen. Allerdings hört man ja immer wieder, dass es nicht ganz einfach sei mit der Band zusammen zu arbeiten. Nicht, dass sie Jungs dann nicht auf die Bühne gehen, weil … keine Ahnung, beispielsweise der falsche Kaffee serviert wurde.
Man weiß ja nie was an solchen Geschichten wirklich dran ist, aber als Veranstalter hat man es im Zweifel lieber stressfrei.
Marcel:
Welche Band oder welcher Auftritt ist dir 2026 besonders in Erinnerung geblieben – abgesehen von deinem eigenen Auftritt mit Final Cry?
Kai:
Ganz ehrlich: Ich habe in diesem Jahr, alles zusammengezählt, vielleicht 6 bis maximal 10 Minuten Bands gesehen. Ich hatte einige Bands auf der Liste, bei denen ich mal reinschauen wollte, also zumindest mal kurz an den Graben für einen Song oder so, aber dieses Jahr habe ich es lediglich bei Alice Cooper geschafft mal drei oder vier Minuten am Stück zu sehen.
Marcel:
Krass. Ist das in deiner Position nicht anders machbar? Musst du immer erreichbar sein?
Kai:
Es geht weniger darum, erreichbar zu sein. In vergangenen Jahren hab ich es ja auch geschafft. In diesem Jahr gab es einfach immer wieder das ein oder andere Anliegen um das ich mich kümmern musste. Sei es eine Mail oder ein Anruf von einem Partner, einem Gast oder irgendjemand der mit irgendwas ein Problem hatte, oder auch ein Mitarbeiter, der bei etwas Hilfe gebraucht hat.
Im Festival Betrieb ist eigentlich immer irgend etwas. Und auch wenn es nichts akut dringendes ist: Man arbeitet es lieber ab, anstatt es um eine halbe Stunde zu verschieben, denn eine halben Stunde später könnte schon das nächste Anliegen drängen und dann wird es schnell stressig.
Bild: Stefan Zwing
Man sagt sich also: „Ich mache das jetzt noch fertig und dann schaue ich mir die Band an“ Und dann steht noch jemand in der Tür und sagt „Kai, kannst du mal…“, oder es gibt ein Sicherheitsmeeting, eine Windwarnung muss vorbereitet werden, oder irgendwo wird noch was benötigt… und schon ist die Band die man mal kurz sehen wollte vorbei. Das geht uns aber allen so. Ich glaube, bei allen Mitarbeitern des Orga-Teams ist die Quote ähnlich, was das Bandschauen angeht.
Wo es die letzten Jahre vielleicht funktioniert hat, war Mittwoch Nacht. Der Laden läuft und nachts halb 1 gibt es nicht mehr unbedingt etwas, was in der nächsten halben Stunde erledigt werden muss. Bei Kanonenfieber vor zwei Jahren habe ich da tatsächlich die komplette Show gesehen. Bei Non est Deus im letzten Jahr war das ähnlich.
Marcel:
Das ist gut. Der Samstagabend ist wahrscheinlich auch sehr stressig.
Kai:
Für mich persönlich ab einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr. Ich bin dann einfach nur durch. Nach der Abschlussrede auf der Bühne könnte ich mich theoretisch auch in den Graben setzen und mir den Headliner anschauen. Aber meistens gehe ich dann ein Bier trinken. Samstagabend kommt ein Moment, da fällt die ganze Last von einem ab. Dann passiert meistens auch nichts Unvorhergesehenes mehr und wenn du dieses „Wir haben es geschafft“ im Kopf hast dann verschwinden plötzlich sehr viele Sorgen und Druck, dann bin ich eigentlich relativ tiefenentspannt.
Marcel:
Dann vielleicht ganz kurz noch: Wie sieht dein momentaner Tagesablauf aus? Was ist in den nächsten Wochen und Monaten gerade dein Hauptaugenmerk?
Kai:
In den letzten Wochen, also direkt nach dem Festival, war ich zunächst damit beschäftigt den Festivalfilm zu machen und danach, also aktuell, ist meine Aufgabe, das Magazin fertigzustellen, das wir den Frühbucher-Bestellern ins Paket legen. Das muss bis Donnerstag in Druck, denn am 2. September fangen wir an, die Pakete zu packen. Da müssen dann rund 25.000 Tickets, zusammen mit Shirts und den Gimmicks, die wir noch hineinlegen eingetütet werde. Das machen wir ja auch alles selbst.
Bis dahin muss das Magazin angeliefert sein. Das ist gerade meine Priorität.
Ich bin ja durch meine Vorgeschichte beim ETERNITY in Sachen Print Magazin ebenfalls vorbelastet, was mich bei uns im Team dafür prädestiniert hat, das ROCKHARZ Magazin unter meine Fittiche zu nehmen. Ich weiß wie man redaktionell koordiniert, wie man schreibt und wie man für Print layoutet… Wenn das dann am Donnerstag in Druck geht und am Freitag keine negative Rückmeldung von der Druckerei mehr kommt, weil irgendeine Spezifikation nicht passt, DANN lege ich erst einmal für mindestens eine Woche die Füße hoch.
Ab Mitte September gehen wir dann aktiv die Vorbereitungen für 2027 an. Dazu gehört es auch mit Kooperationspartnern die Zusammenarbeit auf dem diesjährigen Festival auszuwerten. Das geht von der Gastronomie über Medienpartner, Stände die sich auf dem Vorplatz präsentiert haben, bis hin zu Gewerken wie z.B. die, die uns vor Ort die Internetversorgung bereitgestellt haben und ähnliches. Da gibt’s dann Verträge die auslaufen, Verträge bei denen Optionen bestehen, die verlängert oder eben nicht verlängert werden. Man holt Angebote ein, spricht mit potentiell neuen Partnern… das ist im Prinzip der normale eher unaufgeregte Bürojob. Man schreibt E-Mails und führt viele Telefonate.
Zwischendrin liegen auch noch ein paar kleinere Veranstaltungen an. Anfang November gibt es ja wieder die Spendenübergabe von Glück in Dosen in Ballenstedt. Da bedarf es auch ein bisschen Vorbereitungszeit um die Veranstaltung auch medial ein bisschen begleiten zu können.
Das ist im Prinzip erstmal das, was in den nächsten Wochen und Monaten ansteht.
Marcel:
Du kannst das wahrscheinlich genauso gut im Büro wie zu Hause erledigen?
Kai:
Ja, rein von der Tätigkeit her lässt sich im Grunde vieles auch prima im Homeoffice erledigen. Ich hab ja vor dem ROCKHARZ für eine Berliner Firma hier von Niedersachsen aus fast 10 Jahre zu 100% im Home Office gearbeitet. Für mich war es am Anfang ungewohnt, wieder einen Job mit Präsenzarbeit zu haben, deren Wichtigkeit aber schon in den Einstellungsgesprächen betont wurde.
Im Nachhinein kann ich die Notwendigkeit aber definitiv bestätigen. Präsenz hat – vor allem bei dem was wir machen – nahezu unersetzliche Vorteile. Alleine der Austausch, der sich an der Kaffeemaschine oder vor der Tür beim Rauchen ergibt. Personen mit anderen, umfassenden Kompetenzbereichen sind nur einen Zuruf am Nachbar-Schreibtisch entfernt und viele Herausforderungen in Planung und Konzeption erfordern bis weilen auch kreative Lösungsansätze. Da stößt man manchmal beim Reflektieren einer Situation, wenn man mit drei Leuten um einen Schreibtisch steht, innerhalb von fünf Minuten auf ein Problem, das man bis dahin noch gar nicht auf dem Schirm hatte – und findet im gleichen Moment gemeinsam eine Lösung. So etwas funktioniert im Homeoffice einfach nicht. Durch den Umstand, dass ich einen relativ weiten Anfahrtsweg zum Büro habe, habe ich aber die Möglichkeit auch im Homeoffice zu arbeiten, bin aber dennoch wenigstens zwei Tage die Woche im Büro.
Marcel:
Prima, Kai. Ich bedanke mich für das Gespräch.
Wir sehen uns auf jeden Fall in ein paar Monaten und hören uns dann noch einmal.
Kai:
Machen wir genauso!

