OPETH Interview mit Mikael Åkerfeldt (2004)
Interviewpartner: Mikael Åkerfeldt
Interviewer: Stefan Belda
Quelle: Twilight Magazin Nr. 12 (2004) und The Sunset Nr.2 (2004)
OPETH sind ein Phänomen in der extremen Metal-Szene der neunziger Jahre. Seitdem 1994 ihr erstes Album "Orchid" erschien, spielten sie souverän mit einem eigenständigen Sound an sämtlichen Trends und gegenwärtigen Strömungen vorbei und ließen sich deshalb nie oder nur krampfhaft mit anderen Bands oder Stilrichtungen vergleichen. Erfolg auf breiter Basis blieb demnach vorerst aus, jedoch fanden sich andererseits einige um so ergebenere Anhänger, die die Band gerade wegen ihrer Einzigartigkeit liebten. Nach dem vierten Album fanden die Schweden schließlich mit Music For Nations einen wirtschaftlichen Partner, der dem enormen Potential OPETHS gerecht wird und die Band ihren Ansprüchen entsprechend zu fördern in der Lage ist. Daß sich das erste Album dieser Zusammenarbeit, "Blackwater Park" von 2001, mittlerweile weltweit rund 100.000 Mal verkauft haben soll, macht dies nur allzu deutlich.
Dennoch konnte ich bereits nach diesem Album einen leichten und beim aktuellen "Deliverance" starken Nachgeschmack nicht leugnen, und die Befürchtung kam auf, daß der kreative Fluß der Band langsam ins Stocken gerät. Die Möglichkeit, ein kritisches Gespräch mit Mikael Åkerfeldt, der treibenden Kraft OPETHS, zu führen, wollte ich mir demnach nicht entgehen lassen. Es folgt also nun unser Dialog über ehrgeizige Projekte, musikalische Vorlieben, künstlerische Ambitionen, die Tonträgerindustrie und die Existenzbestreitung durch Musik. Um es schon vorweg zu nehmen: Mikael konnte seine künstlerische Authentizität, die ich fast schon abgesprochen hatte, wiedergewinnen. Danke.
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Line Up
2004
Mikael Åkerfeldt (Gesang, Gitarre)
Peter Lindgren (Gitarre)
Martín Méndez (Bass)
Martin Lopez (Schlagzeug)
Per Wiberg (Keyboard, Mellotron)
„Ich sage einfach, wer sich progressiv nennt, sollte auch besser progressiv sein.“
"Deliverance" und "Damnation" wurden nicht nur zeitgleich aufgenommen, sondern sollten ursprünglich auch parallel veröffentlicht werden. Aus wirtschaftlichen Gründen aber wurden die Releases voneinander getrennt...
„Nicht unbedingt aus wirtschaftlichen Gründen. Es war viel mehr eine Frage der Promotion, denn für unsere Plattenfirma wäre es mit sehr vielen Problemen verbunden gewesen, für zwei Alben gleichzeitig Werbung zu machen. Da beide CDs auch schon aufgenommen sind und ich mir ihres Erscheinens gewiß sein kann, ist mir das Veröffentlichungsdatum letzten Endes auch egal. Rückblickend denke ich sogar, daß diese Art des Vorgehens eine sehr gute Idee ist, da somit kein Album das andere in den Schatten stellt.“
Waren zuerst die Songs da, die dich auf die Idee brachten, sie auf zwei so unterschiedliche Alben zu verteilen, oder hast du dich mit der Idee des CD-Doppelpacks im Hinterkopf an das Komponieren der Stücke gemacht?
„Zu Anfang habe ich einfach ein bißchen herumkomponiert, hatte aber keine Idee, wie die nächste Veröffentlichung klingen könnte. Ich hatte einzig keine Lust, ein weiteres Standard-Album zu schreiben, das sich im bereits abgesteckten Kreis der vorigen CDs bewegt. Die wahre Inspiration fehlte aber, was mich insofern störte, daß ich mit einem konkreten Ziel einfach lieber komponiere. Ich möchte einfach von einer Idee gefangen genommen werden. Mein ursprünglicher Plan war dann ein sehr hartes und aggressives Death Metal-Album zu schreiben, aber andererseits hatte ich auch viele Einfälle für schöne, akustische Teile. Mein bester Freund machte den Vorschlag einfach zwei Alben zu veröffentlichen. Das war eine Idee, die mir selbst noch nicht gekommen war, aber sofort vollkommen Besitz von mir ergriff. Plötzlich war ich sehr inspiriert und arbeitete mit ganzer Kraft an diesen beiden CDs. Es war also sehr schön dieses Ziel zu haben, da ich somit sämtliche meiner Einfälle auf die zwei Alben aufteilen konnte, was mir die Arbeit sehr erleichterte.
Auch war der gesamte Entstehungsprozeß sehr interessant für mich, da es sich dabei für OPETH um ein großes Projekt handelte. "Deliverance" ist bereits veröffentlicht und ist sehr aggressiv; "Damnation" wird das genaue Gegenteil davon sein. Wir dachten uns, daß unsere Fans es uns zugute halten werden, daß wir eine so abwechslungsreiche Band sind, und ich bin mir sicher, daß "Damnation" das auch unter Beweis stellen wird.“
Kann man sagen, daß "Deliverance" auch gerade deshalb das härteste Album in der Geschichte OPETHS wurde, weil ihm mit "Damnation" sein Gegenstück zur Seite steht?
„Ganz genau. Eben weil "Damnation" so ruhig ist, sollte "Deliverance" um so aggressiver sein. Ich habe ganz bewußt einige unserer schönen Melodien für "Damnation" zurückgehalten und darauf geachtet, daß "Deliverance" über weite Strecken viel roher wird als es die doch sehr melodischen "Still Life" oder "Blackwater Park" mit ihren etlichen Akustik-Teilen waren. Dennoch sind auch die Stilmittel der vorigen Alben wie Akustikgitarren oder Clean-Vocals auf "Deliverance" zu finden, so daß es seinen angemessenen Platz im OPETH-Sound findet.“
Als ich "Deliverance" zum ersten Mal hörte, war ich schon sehr überrascht, da ich ein solches Album heutzutage nicht mehr von OPETH erwartete. Sehr viele extreme Metal-Bands entwickeln mit der Zeit einen ruhigeren, zugänglicheren Stil, während euer aktuelles Album den Härtehöhepunkt der OPETH-Laufbahn darstellt.
„Wie schon gesagt, dieser Schritt ist beabsichtigt. OPETH waren von Anfang an eine Death Metal-Band und daher war es ein Leichtes für mich, zurück zu den Wurzeln meiner musikalischen Einflüsse zu gehen, die klar bei Bands wie Morbid Angel liegen.“
Hörst du auch heute noch Death Metal und würdest du dich noch immer als Fan dieser Musik bezeichnen?
„Oh ja, natürlich bin ich noch Death Metal-Fan! In der aktuellen Szene kenne ich mich aber kaum aus und das, was ich höre, beeindruckt mich wesentlich weniger als die Klassiker des Genres. Ich sage zwar nicht, daß die neuen Death Metal-Releases nur Mist sind, bin aber nach all den Jahren immer noch der Meinung, daß dieser Stil seinen Höhepunkt eindeutig 1989 mit Morbid Angels "Altars Of Madness" hatte. Dieses Album ist für mich unübertroffen und verdeutlicht meinen Standpunkt diesbezüglich deutlich.“
Dabei ist diese Entwicklung eine ganz natürliche. Beinahe jede extreme Musikrichtung macht großen Eindruck auf seine jungen Hörer und ruft starke Identifikation hervor, während Szenezugehörigkeiten und Ähnliches mit fortschreitendem Alter nebensächlich werden und der Drang, 'dazuzugehören' nachläßt...
„Ja (lacht Anm. d. Verf.), heute trage ich auch keine Backpatches mehr auf meiner Jeansjacke. Der Metal und die gesamte Szene, zu der ich mich damals zählte, gehörten einfach zu meiner Jugend und meinem Heranwachsen dazu. Mittlerweile aber sehe ich mich vielmehr als Musiker unabhängig von irgendwelchen Szenen.“
Wenn deine Leidenschaft mittlerweile viel stärker beim Progressive Rock liegt, hat es dir überhaupt noch Spaß gemacht, ein so death-lastiges Album wie "Deliverance" aufzunehmen? Oder anders gefragt: Wäre "Deliverance" auch ohne "Damnation" entstanden?
„Dadurch, daß sich beide Alben in gewisser Weise ausgleichen, haben sie mir das Songwriting insgesamt erleichtert. Sicher, als ich die Idee mit den zwei CDs hatte, war es für mich allemal interessanter "Damnation" zu komponieren. Da ich aber wußte, daß "Damnation" veröffentlicht werden würde, konnte ich andererseits guten Gewissens mit "Deliverance" ein anderes Extrem ausloten. Es gibt auch viele "Blackwater Park"-Fans, die "Deliverance" nicht mögen, weil es ihnen zu hart ist. Sie hielten sich eigentlich für Hörer harter Musik, wurden aber mit "Deliverance" gehörig vor den Kopf gestoßen. Aber auch solche Meinungen höre ich gern, weil ich genau weiß, daß diejenigen, die mehr auf die melodischen OPETH stehen, verrückt nach "Damnation" sein werden.“
Auch ich habe mich schon gefragt, ob mehr OPETH-Fans Probleme mit "Deliverance" oder "Damnation" haben werden...
„Auf jeden Fall werden sich diejenigen Hörer, die eher aus dem Porcupine-Tree-Lager kommen und uns über das Engagement von Steve Wilson kennengelernt haben, besser mit "Damnation" anfreunden können, wohingegen der Die-Hard-Deather bei diesem Album verstört die Stirn runzeln wird. Trotzdem haben wir ein sehr gutes Gefühl bei beiden Alben, da wir unsere Glaubwürdigkeit bewahren werden. Beide CDs wurden zur gleichen Zeit aufgenommen, deshalb kann man uns weder beim einen noch beim anderen Album vorwerfen, daß wir einen neuen Sound etablieren und einen Teil unseres Publikums vor den Kopf stoßen wollen. Es ist einfach ein Experiment für uns, das wir auch brauchen, um uns weiterentwickeln zu können.“
In der Vergangenheit wurden OPETH oft als progressive Death Metal-Band bezeichnet. Was hältst du von dieser Kategorisierung? Denkst du, daß diese Bezeichnung auch heute noch auf euch zutrifft?
„Auf unsere bisherigen Alben trifft diese Bezeichnung auf jeden Fall zu, denn das ist genau das, was unsere Musik ist: Death Metal, der Grenzen einreißt und verschiebt, indem er viele andere Stile integriert. Progressiv paßt also schon sehr gut, zumindest dann, wenn man das Wort als das nimmt, was es bedeutet: Weiterentwicklung. Mittlerweile gibt es aber etliche Bands, die nur technisch perfekte Musik spielen und sie deshalb progressiv nennen. Man kann über dieses Thema noch stundenlang diskutieren, aber letztlich sind mir derartige Etikettierungen auch nebensächlich. Ich sage einfach, wer sich progressiv nennt, sollte auch besser progressiv sein.“
Würdest du auch "Deliverance" als progressiv bezeichnen?
„Ja, ich denke schon, daß auch "Deliverance" progressiv ist, vor allem dann, wenn man es mit anderen Death Metal-Bands, Progressive Death-Bands oder wem auch immer vergleicht. Sowieso ist Death Metal an sich, wenn man sich die Entwicklung des Genres anschaut, eine progressive Musikrichtung. Die Musik kam aus dem Underground, ist musikalisch einfach anders als andere Stile und für den unerfahrenen Hörer nur schwer zu erschließen. Jedes OPETH-Album war für seine Zeit eine progressive Veröffentlichung für dieses Genre – da schließe ich "Deliverance" keineswegs aus. Auch glaube ich nach wie vor, daß es keine zweite Band in der Szene gibt, die sich nach uns anhört.“
Gut, einerseits könnte ich sagen, "Deliverance" ist progressiv, weil es ein Album ist, das keinem eurer alten direkt ähnelt und sicherlich auch viele Fans nicht mit einem derart harten Album gerechnet haben. Andererseits ist es das am wenigsten progressive, da es neben ohnehin altbewährten OPETH-Trademarks auch vielen konventionellen (Death) Metal-Elementen bedient, was bei einigen Riffs durchscheint.
„Klar, wir sind und waren schon immer eine Metal-Band. Und wenn wir von Fortschritt, von Progression sprechen, dann immer in unserem eigenen Rahmen und unabhängig von anderen Bands. Wir möchten uns zwar schon von Album zu Album weiterentwickeln, jedoch nicht auf Kosten unseres eigenen charakteristischen Sounds. In der Vergangenheit hat es nie große Sprünge zwischen zweier unserer Alben gegeben, sondern die Entwicklung vollzog sich anhand kleiner Schritte und stets innerhalb eines bestimmten Rahmens. Und ich bin davon überzeugt, daß uns dieser Rahmen noch viele Möglichkeiten zur Entfaltung bietet.
Das Problem ist einfach, daß, wenn man sich wie wir progressiv nennt, die Leute oft einen bestimmten Grad an Entwicklung erwarten und einen vermeintlichen Schritt zurück wie bei "Deliverance" nicht verstehen können oder wollen. Wenn die Entwicklung aber andererseits einen Schritt zu weit geht, können sie mit der Musik auch nichts anfangen und finden sie deshalb schlecht. Da man es den Fans also weder auf die eine noch die andere Weise recht machen kann, achten wir nicht mehr auf die allgemeinen Erwartungshaltungen und ziehen einfach unser Ding durch.“
Du hast gerade gesagt, daß OPETH einen eigenen Stil haben. Bist du glücklich oder stolz darüber oder hast du manchmal das Gefühl, daß dich der OPETH-Sound manchmal beim Songwriting behindert oder limitiert?
„So denke ich eigentlich überhaupt nicht. Das, worauf es mir ankommt, ist einzig der gute Song. Ich kümmere mich um Riffs und Melodien und darum, daß alles gut zueinander paßt, mache mir aber um unseren Stil keinerlei Gedanken. Da ich der Songwriter der Band bin, ist es ganz natürlich, daß unsere Stücke stets meine Handschrift tragen werden, aber ich würde und könnte nie zwanghaft einen Song schreiben, damit er gut zu unseren übrigen Stücken paßt. Ich glaube auch, daß, wenn man sich beim Songwriting zu viele Gedanken über eine mögliche Ausrichtung des Albums macht – sei es, daß es sich gut zum alten Stil paßt oder daß es eine erzwungene Weiterentwicklung ist, zwangsläufig die Qualität der Musik darunter leidet.“
Du benutzt auch heute noch bei fast allen Songs deine Death Metal-Stimme. Fühlst du dich immer noch wohl damit und hast du noch immer Spaß daran oder würdest du in Zukunft lieber darauf verzichten und ausschließlich deine normale Singstimme benutzen?
„Nein, wie schon gesagt, mag ich Death Metal noch immer sehr und das Grunzen macht mir immer noch viel Spaß. Es ist nur so, daß ich mittlerweile glaube, daß ich in diesem Gesangsbereich alle Grenzen ausgelotet habe. Ich werde wohl kaum noch tiefere, noch höhere oder noch längere Schreie zustande bringen, als ich es bis jetzt getan habe. Von daher ist diese Art des Gesangs für mich nicht mehr so interessant wie der normale Gesang, da es dort immer Möglichkeiten zur Entwicklung gibt. Es ist natürlich zum jetzigen Zeitpunkt schwer eine Prognose über den Gesang auf zukünftigen Alben abzugeben, aber ich bin mir sicher, daß OPETHs nächstes Metal-Album auch wieder meine Death Metal-Stimme enthalten wird.“
Du meintest vorhin, daß dir beim Komponieren etwaige Erwartungen von Fans gleichgültig sind. Interessanterweise meinte Peter Lindgren, der zweite Gitarrist, in einem Interview, das ich vor ca. zwei Jahren mit ihm gemacht habe, daß ihr zwar in erster Linie für euch selbst schreibt, jedoch immer bedenkt, was die Fans von den neuen Songs halten könnten...
„Natürlich, bis heute waren und sind wir ziemlich erfolgreich, was vor allem daran liegt, daß wir eine sehr ergebene Fanbasis haben. Viele der Fans, die uns seit "Orchid" oder "Morningrise" hören, kaufen sich auch heute noch unsere Alben. Sicher ist es großartig, überhaupt Fans zu haben und natürlich möchten wir, daß unsere Fans uns auch mögen, aber ich würde niemals Musik mit dem Ziel schreiben, unsere Fans zufrieden zu stellen. Das habe ich nie gemacht und außerdem wäre das sowieso unmöglich.
Viele Fans sagen mir, daß sie gerne ein zweites "Morningrise" hören möchten, aber ob sie mit dem Resultat zufrieden wären, steht wiederum in den Sternen. Wir haben mit "Blackwater Park" so viele neue Fans gewonnen, aber andererseits wird immer noch viel über "My Arms, Your Hearse" gesprochen. Einige Stimmen sagen auch, "Deliverance" sei das schlechteste OPETH-Album, dennoch wäre es besser als die meisten Releases anderer Bands. Wie soll man es den Fans also recht machen? Das Einzige, was ich sicher weiß, ist, daß die meisten unserer Fans uns treu bleiben und das liegt sicherlich daran, daß ich mich nicht nach den Erwartungen anderer richte, sondern einfach das spiele, was mir gefällt. Als Komponist muß man Musik zwangsläufig für sich selbst schreiben... ansonsten ist man Iron Maiden... “
...oder Motörhead. Ich habe übrigens den Eindruck, daß deine Texte im Laufe der Jahre an Wichtigkeit verloren haben, weil...
„Nein, im Gegenteil, sie bedeuten mir sogar wesentlich mehr als noch vor ein paar Jahren. Früher habe ich wirklich ein Wörterbuch benutzt, um möglichst schön klingende Sätze zusammenzustellen, und dazu habe ich jetzt einfach keine Lust mehr. Meine alten Texte und diese komplizierte Ausdrucksweise im Allgemeinen liebe ich nach wie vor, und diese Herangehensweise hat mir das Schreiben damals definitiv erleichtert, aber für die aktuellen Alben wollte ich aus dem Bauch bzw. aus dem Kopf heraus schreiben. Deshalb klingen die Lyrics viel weniger abgehoben und wesentlich mehr 'down to earth'.
Daß die Texte für mich wichtiger geworden sind, erkenne ich daran, daß ich viel empfindlicher gegenüber Kritik geworden bin. Auch wenn die Leute in den aktuellen Lyrics keinen Sinn finden können, heißt das nicht, daß die keinen für mich haben, denn die Bedeutung ist zweifelsohne vorhanden. Es ist schon irgendwie verrückt, denn ich kann dieses Phänomen nicht erklären. Wenn ich Texte schreibe, dann tue ich das, weil Texte geschrieben werden müssen, nicht weil ich mich auf diese Weise mitteilen möchte. Dennoch werde ich interessanterweise zunehmend empfindlicher.“
Wo stehen OPETH in Bezug auf ihre Karriere zu Beginn des Jahres 2003?
„Das ist gerade jetzt eine schwierige Frage, da demnächst "Damnation" veröffentlicht wird und ich davon ausgehe, daß uns dieses Album einige Türen öffnen wird. Es hat als erstes unserer Alben das Potential eine größere Zahl von Hörern jenseits des Metal-Genres anzusprechen und ich glaube fest daran, daß jeder der Musik mag, auch "Damnation" mögen wird, weil die Songs einfach so gut sind. Natürlich kann es auch der Anfang von unserem Ende sein, unser "Host".“
Euer "Host"?
„Ja, was für Paradise Lost das "Host"-Album war, könnte für uns "Damnation" werden: ein kommerzieller Einbruch, von dem wir uns nicht mehr erholen können. Wir waren neulich mit Paradise Lost auf US-Tournee und haben ihnen dort "Damnation" vorgespielt. Die Jungs äußerten damals ihre Zweifel, ob dieses Album kommerziell funktionieren kann. Aber wie gesagt, ich glaube nicht, daß "Damnation" ein Reinfall wird. Dazu kommt auch, daß Paradise Lost nicht unsere Geschichte und die Geschichte des Albums kennen, so daß sie eigentlich gar kein aussagekräftiges Urteil geben konnten.“
Was hat sich für OPETH mit dem Wechsel von Peaceville zu Music For Nations geändert? Hat dieser Schritt Einfluß auf dein Songwriting gehabt? Standet ihr unter größerem Druck und waren die allgemeinen Erwartungen an euch gewachsen?
„Ich glaube schon, daß der Druck etwas größer war als zuvor, aber im Großen und Ganzen überwiegen ganz klar die positiven Aspekte. Zum ersten Mal in unserer Karriere haben wir ein wirklich großes Label, das sich um uns kümmert, mit Vertriebspartnern in der ganzen Welt und mit Zomba Publishing einen riesigen Verlag, der ansonsten auch Britney Spears und Justin Timberlake betreut. Auch bekommen wir von Music For Nations ein großzügiges Budget für die Aufnahmen, so daß wir wesentlich mehr Zeit und bessere Studios für die Produktion haben.
Außerdem werden wir bei Tourneen finanziell unterstützt. Mit Peaceville waren wir damals auch zufrieden, was aber in erster Linie daran lag, daß wir nichts Besseres kannten. Das gleiche gilt auch für die Zusammenarbeit mit Candlelight bei den ersten drei Alben. Natürlich gab es damals immer mal wieder kleine Probleme, letztlich waren wir mit dem, was die Labels für uns getan haben, sehr zufrieden. Die damaligen Labels waren aber aus wirtschaftlicher Sicht einfach nicht in der Lage uns so zu fördern, wie wir es vielleicht gebraucht hätten, und das wird uns vor allem aus heutiger Sicht klar. Früher haben wir uns die Seele aus dem Leib geschrieben, um die besten Songs fertig zu stellen, die wir je gehört haben, und beinahe nichts ist passiert. Als "Blackwater Park" herauskam, haben sich unsere Verkaufszahlen dann auf einmal vervierfacht.“
In dem Interview, das du im Herbst 2002 dem Hammer gegeben hast, steht, daß in eurem Vertrag mit Music For Nations "Deliverance" und "Damnation" nur als ein Album zählen, da das Label ansonsten das zweitgenannte Album nicht veröffentlicht hätte. Wollten die Verantwortlichen, daß du musikalisch einen gewissen Rahmen nicht überschreitest und dich mit dieser Klausel davon abhalten "Damnation" herauszubringen?
„Nein, das kann man so nicht sagen. Als ich dem Chef von Music For Nations, Andy Black, meine Idee darlegte zwei Alben parallel zu veröffentlichen, war er davon ganz und gar nicht begeistert. Ich wollte aber unbedingt, daß beide CDs herauskommen, koste es was es wolle. Es war letzten Endes also meine Idee, die beiden Alben vertraglich nur als eins zählen zu lassen, da ich sie nur so und nicht anders haben wollte. Für uns als Band ist dieses Vorgehen vollkommen verrückt, da wir dem Label zwei Alben geben, aber nur für eins bezahlt werden.
Aus finanzieller Sicht war das vielleicht das Dümmste, was wir in unserer ganzen Laufbahn gemacht haben, und auch unser Management hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als wir davon erzählten. Mir kam es dabei aber einfach darauf an, ein Zeichen zu setzen und den Label-Leuten zu zeigen, wie wichtig mir diese beiden Alben und meine Musik im Allgemeinen sind. Wie ich aber schon vorhin gesagt habe, bin ich von der Qualität und dem Erfolg von "Damnation" überzeugt und glaube fest daran, daß sich die Investition am Ende für uns auszahlen wird. Wer weiß, vielleicht war es sogar aus finanzieller Sicht ein sehr guter Schachzug, uns so die Veröffentlichung von "Damnation" zu erkaufen... “
Ich weiß zwar nicht, was ihr in Zukunft noch vorhabt, aber glaubst du, daß Music For Nations euer nächstes unkonventionelles Album wieder ablehnen würde?
„Nach "Damnation" werden sie zu nichts mehr Nein sagen, was wir ihnen anbieten. Ich bin mir dessen ganz sicher und Andy Black wird das auch gesehen haben, als ich ihm beide Alben zeigte. Es ist nur so, daß er Angst vor "Damnation" hat, weil es kein Metal-Album ist und er den Erfolg der CD nicht im geringsten einschätzen kann. Und ich kann das verstehen, weil er sich um das Geschäftliche zu kümmern hat, während unser Feld das der Musik ist.“
Kannst du dir aus heutiger Sicht vorstellen, ein zweites Album wie "Damnation" zu komponieren und zu veröffentlichen, wenn ein gewisser Erfolg vorhanden ist?
„Das wäre auf jeden Fall ein Leichtes für mich, da ich diese Musik einfach liebe. Genauso liebe ich aber auch das, was wir auf "Blackwater Park" oder "Deliverance" gemacht haben, deshalb würde ich die Entscheidung zu einem zweiten seichten Album nicht vom Erfolg des ersten abhängig machen. Auch würde es dann keine Kopie von "Damnation" sein, sondern noch interessanter und aufregender werden. Ich habe es schon wiederholt gesagt, "Damnation" ist absolut phantastisch, es ist wie Magie, aber vielleicht werde ich es trotzdem dabei belassen. Als ich das Album zum ersten Mal gehört habe, haben meine Beine gezittert und ich konnte nicht glauben, daß wirklich wir das sein sollten. Es klingt so professionell und wirkt wie ein wahrhaft klassisches Album. Klar, ich hype das Album hier ohne Ende, aber es ist wahr. Ich glaube auch, daß diejenigen, die die Geschichte von OPETH kennen, ein solches Album haben kommen sehen. Sie werden es ohnehin verstehen.“
Lebt ihr mittlerweile auch von den Bandeinnahmen oder geht ihr noch anderen Jobs nach, um euren Lebensunterhalt zu bestreiten?
„Zur Zeit leben wir alle von der Band und auch für sie, was momentan auch ganz gut funktioniert. Bei mir ist es im Gegensatz zu den anderen noch so, daß ich zusätzlich zu meinem Teil der Plattenverkäufe, Konzertgagen usw. noch die Verlagseinnahmen bekomme, die mir als Komponist und Texter zustehen. Die anderen Drei bekommen daher schon weniger Geld als ich und müssen sich deshalb schon eher zeitweise mit Jobs über Wasser halten, jedoch komme ich mit meinem Geld sehr gut aus. Dazu muß aber auch gesagt werden, daß ich ein sehr sparsamer Mensch bin und keine allzu großen Ausgaben habe. Hin und wieder jobbe ich aber zum reinen Vergnügen noch in einem Plattenladen.“
„Nein, definitiv nicht. Es ist auch nicht so, daß ich eine große Villa und zwei Rolls Royce zu unterhalten hätte. Wie gesagt, ich bin sehr sparsam und das einzige, wofür ich Geld ausgebe, sind alte Platten, um mir Inspirationen für ein nächstes OPETH-Album zu holen. Zur Zeit von "My Arms Your Hearse" war ich hingegen bettelarm, schlief ein halbes Jahr bei einem Freund auf dem Sofa, wohnte zeitweise wieder bei meiner Mutter und häufte trotzdem einen kleinen Schuldenberg an, um überhaupt überleben zu können. In dieser Hinsicht geht es mir jetzt schon besser und ich lebe auf jeden Fall entspannter als damals.“
In besagtem Interview mit Peter sagte dieser bezüglich der von euch hochgeschätzten Band Camel, daß deren erste vier Alben die mit Abstand besten waren und die Qualität danach stark abgefallen wäre. Denkst du, es wird zukünftig auch viele OPETH-Fans geben, die sagen, daß die Band nach ihrem Wechsel zu Music For Nations nicht mehr an ihre früheren Leistungen heranreichen konnte?
„Möglicherweise, denn Menschen sind sehr empfindlich, was ihre Bands angeht. Viele Fans meinen, OPETH sei ihre Band, aber das stimmt nicht, denn es ist meine. Wenn eine Band wie OPETH dann enorm an Popularität gewinnt, ist es für die frühen Fans nicht mehr so aufregend, weil sie uns mit vielen anderen zu teilen haben, für mich als Musiker hingegen ist das großartig. Aber natürlich war ich früher genauso. Ich denke, daß eine solche Haltung in erster Linie mit dem Erwachsenwerden zusammenhängt und damit, daß sich die eigenen Interessen verlagern und man deshalb mit der Entwicklung einer Band gegebenenfalls nichts mehr anfangen kann. Ich glaube aber nicht, daß OPETHs Qualität jemals nachgelassen hat.“
Du meintest zwar bereits, daß es noch keine konkreten Pläne für ein Album nach "Damnation" gibt, jedoch interessiert mich trotzdem, ob es noch irgendetwas gibt, was du musikalisch ausdrücken möchtest bzw., ob du ein künstlerisches Ziel hast, das es zu erreichen gilt.
„No, ich wüßte um ehrlich zu sein auch nicht, was das sein könnte. Bis jetzt bin ich mit der Band und ihrer Entwicklung sehr zufrieden und lasse alles weitere einfach auf mich zukommen. Das einzige, was ich definitiv weiß, ist, daß wir bei den nächsten Aufnahmen ein luxuriöses Leben führen werden, da die Umstände der letzten Sessions katastrophal waren. Daß wir auf dem Fußboden schlafen mußten, sei nur ein Beispiel! Manche glauben auch, daß "Deliverance" deshalb so garstig geworden ist, weil es uns während der Aufnahmen so schlecht ging. Ganz im Ernst, ich möchte nichts weiter, als ein angenehmes Leben führen und meine Musik spielen zu können, aber der letzte Studioaufenthalt war dermaßen miserabel, daß ich es zeitweise gehaßt habe, in einer Band zu spielen und Alben produzieren zu müssen. Nach diesen Aufnahmen war es mir egal, ob OPETH existiert oder nicht. Und das soll schon was heißen. Das nächste Mal also, da bin ich mir sicher, werden wir unser Budget sprengen und uns für diese Wochen ein fürstliches Leben gönnen! “

