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Bolan - Gargoyle Of The Garden State

VÖ: 12. Juni 2026  •   Label  earMUSIC/Edel

Bolan - Gargoyle Of The Garden State

Rachel Bolan ist fast auf den Tag genau ein Jahr älter als ich. 62. Ein Boomer.
 
Boomer. Allein das Wort klingt inzwischen wie ein Vorwurf. Zu satt. Zu bequem. Zu teuer. Die Generation, die den Jüngeren die Wohnungen, die Rentenkassen und angeblich gleich die ganze Zukunft weggefressen hat. Die Generation, die jetzt bitteschön den Schaukelstuhl ausklappen und Platz machen soll. Rente? Pah. Rachel Bolan hat andere Pläne. Der Mitgründer, Bassist und Songwriter von Skid Row veröffentlicht mit 62 Jahren sein erstes Soloalbum. Sein erstes. Nach vier Jahrzehnten im Musikgeschäft. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Andere zählen in diesem Alter die Jahre bis zur Pension. Bolan fängt noch einmal von vorne an.
 
"Punk never dies" ist deshalb vielleicht nicht nur ein Musikstil. Es ist eine Haltung. "Gargoyle Of The Garden State", veröffentlicht unter dem schlichten Namen Bolan, klingt jedenfalls nicht nach Altersmilde. Wer hier den klassischen Skid-Row-Sound erwartet, wird bereits nach wenigen Minuten auf dem falschen Bahnsteig stehen. Statt Hair Metal und Hardrock gibt es Punkrock, New Wave, Glam und Britpop. Die Siebziger treffen die Achtziger, die Achtziger stolpern in die Gegenwart.
 
Und plötzlich sitze ich wieder auf dem Schulhof. Musik kann das. Ein Gitarrenriff, ein Refrain, eine Stimme - und irgendwo öffnet sich eine Tür, von der man dachte, sie sei längst zugemauert. "Gargoyle Of The Garden State" fühlt sich stellenweise an wie eine Zeitmaschine mit kaputtem Navi. Sie fährt in die Vergangenheit und landet erstaunlicherweise in der Zukunft. Bolan übernimmt dabei fast alles selbst. Bass, große Teile der Gitarren und den Gesang. Unterstützt wird er von einer Gästeliste, die sich liest wie ein Festivalplakat: Corey Taylor, Danko Jones, Nuno Bettencourt, Damon Johnson sowie mehrere seiner Skid-Row-Kollegen geben sich die Klinke in die Hand. Produziert wurde das Album von Grammy-Gewinner Nick Raskulinecz.
 
Schon der Opener „Anything But You“ macht klar, dass Bolan nicht auf Nostalgie setzt. Der Song kommt mit rauer Punk-Energie daher, als wolle er die Tür zur Vergangenheit nicht öffnen, sondern eintreten
 
Besonders "At War With Myself" mit Danko Jones besitzt genau die Sorte rotziger Energie, die man eigentlich jüngeren Bands zuschreibt. Das Ding marschiert nach vorne wie ein alter Straßenköter, der noch einmal beweisen will, dass er beißen kann.
 
Ganz anders "Memory". Melancholisch, verletzlich und erstaunlich offen. Hier zeigt Bolan, dass hinter dem Punk-Attitüden auch ein hervorragender Songwriter steckt. Es geht um Abschied, um Erinnerungen und um die schmerzhafte Erkenntnis, dass manche Menschen irgendwann nur noch als Schatten in den eigenen Gedanken weiterleben. Kennt doch jeder von uns. Oder?
 
Dann wieder Vollgas. "Big Stick" mit Corey Taylor trifft wie ein Faustschlag in die Magengrube. "Jet Black Universe" glänzt durch ein furioses Gastsolo von Nuno Bettencourt. Und ausgerechnet der Oasis-Klassiker "Rock And Roll Star" wird durch Bolans Punkrock-Brille zu etwas Eigenem.
 
Natürlich werden eingefleischte Skid-Row-Fans mit dem starken Punk-Einschlag vielleicht fremdeln. Aber genau darin liegt die Stärke dieses Albums. Es versucht nicht, die Vergangenheit zu konservieren. Es versucht nicht, noch einmal 1989 zu sein. Es lebt. 
 
Das, verdammt, ist die eigentliche Botschaft von Rachel Bolans Solo-Debüt. Mit 62 muss man nicht leiser werden. Man muss nicht vernünftig werden. Man muss nicht verschwinden. Man kann auch einfach eine Gitarre umhängen, elf neue Songs aufnehmen und allen zeigen, dass Aufbruch keine Frage des Alters ist. Von wegen Schaukelstuhl. Das Teil wäre früher bei mir im Fetenkeller abgegangen. Funktioniert aber auch heute. Als Schmelztigel der Generationen.