
Ølyp - I(m)MORTAL
Manchmal braucht es keine Stimme, um eine Geschichte zu erzählen. Genau das beweisen Ølyp mit ihrem Debütalbum I(m)MORTAL. Das französische Duo Thibaud Lépicier und David Annenkoff setzt komplett auf instrumentale Musik und schafft es trotzdem, über die gesamte Spielzeit eine klare Stimmung und sogar eine Art Geschichte aufzubauen.
Musikalisch bewegen sich Ølyp irgendwo zwischen Progressive Metal, Post-Metal und Post-Rock. Dazu kommen jede Menge atmosphärische Momente, die dem Album einen fast schon filmischen Charakter geben. Die Songs können innerhalb weniger Minuten von ruhigen, fast verträumten Passagen zu schweren Gitarren und donnernden Drums wechseln. Genau diese Gegensätze machen I(m)MORTAL interessant.
Schon „The Human Error“ zeigt ziemlich gut, was die Band vorhat. Der Song beginnt eher zurückhaltend und baut langsam Spannung auf, bevor die Gitarren immer schwerer werden. Dazu kommen komplexe Rhythmen und immer wieder ruhigere Momente. Es fühlt sich weniger wie ein normaler Song an und mehr wie eine Reise, bei der man nie genau weiß, wohin es als Nächstes geht.
Auch „797“ geht direkt in diese Richtung. Die Drums von David Annenkoff treiben den Song nach vorne, während Thibaud Lépicier mit Gitarren und Bass für die nötige Schwere sorgt. Trotz der technischen Elemente verliert die Musik dabei nie ihre Atmosphäre. Das ist wichtig, denn bei solchen Bands besteht immer die Gefahr, dass die Technik wichtiger wird als der eigentliche Song. Bei Ølyp passiert das meistens nicht.
Besonders gut gefällt mir „Molden“. Der Song verbindet schwere Riffs mit ruhigeren, atmosphärischen Passagen und bekommt durch das eingesetzte Streichquartett noch einmal eine ganz andere Wirkung. Die Violinen, Viola und das Cello sorgen für Momente, die fast schon klassisch wirken, bevor die Gitarren wieder alles niederwalzen. Genau hier zeigt sich eine der großen Stärken des Albums: Ølyp können Härte und Schönheit miteinander verbinden, ohne dass eines von beiden fehl am Platz wirkt.
Auch „One’s Tormented Mind Is A Crumbling Universe“ gehört zu den intensiveren Momenten. Der Song wirkt deutlich schwerer und teilweise fast bedrückend, bevor sich die Musik wieder öffnet. „Solace“ schlägt anschließend etwas andere Töne an und lässt den atmosphärischen und emotionalen Teil des Albums stärker in den Vordergrund treten.
Mit „The Great Acceleration“ wird es wieder deutlich härter. Der Song arbeitet viel mit Tempo- und Rhythmuswechseln und zeigt, wie technisch die Band tatsächlich spielen kann. Trotzdem bleibt die Musik immer in Bewegung und verliert sich nicht komplett in den vielen Details.
Den Abschluss bilden „The Great Denial – Part 1“ und „Part 2“. Der erste Teil beginnt sehr atmosphärisch und wird zusätzlich durch das Streichquartett und eine gesprochene Passage getragen. Im zweiten Teil wird die angesammelte Spannung dann mit schweren Riffs und deutlich mehr Druck entladen. Ein passender Abschluss für ein Album, das immer wieder zwischen Ruhe und Gewalt hin und her wechselt.
Inhaltlich beschäftigen sich Ølyp mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur, der Umweltkrise und der Frage, welchen Einfluss unser Handeln auf die Welt hat. Obwohl es keine klassischen Texte gibt, funktioniert dieses Konzept erstaunlich gut. Die Musik übernimmt hier praktisch die Rolle des Erzählers und lässt genug Raum für eigene Bilder und Gedanken.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Produktion. Die Gitarren und Drums haben ordentlich Druck, gleichzeitig bleiben die ruhigeren Passagen klar und offen. Gerade bei einem Album mit so vielen unterschiedlichen Stimmungen ist das nicht selbstverständlich. Die zusätzlichen Streicher geben dem Ganzen außerdem noch mehr Tiefe.
I(m)MORTAL ist sicher kein Album, das man nebenbei laufen lässt. Dafür passiert zu viel, und manche Songs brauchen mehrere Durchläufe, bis man wirklich alles entdeckt. An ein paar Stellen wird die technische Seite etwas zu dominant und die Musik verliert dadurch kurz den Fokus.. Wenn Ølyp sich aber auf ihre großen, atmosphärischen Momente konzentrieren, funktioniert das Ganze richtig gut.
Für ein Debüt ist das ein ziemlich beeindruckender Einstand. Wer mit The Ocean, Russian Circles, Psychonaut oder Night Verses etwas anfangen kann und keine Angst vor komplett instrumentaler Musik hat, sollte Ølyp definitiv eine Chance geben. I(m)MORTAL ist schwer, atmosphärisch und manchmal überraschend schön und zeigt, dass man auch ohne Worte eine Menge zu erzählen hat.
