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Sepultura - The Cloud Of Unknowing [EP]

VÖ: 24. April 2026  •   Label  Nuclear Blast

40 Jahre Bandgeschichte stehen auf der offiziellen Homepage von Sepultura, die mit der Celebrating Life Through Death-Tour beendet werden sollen. Eine Band, die als Botschafter Brasiliens bezeichnet werden kann, genauso als Anwalt der Schutzwürdigkeit indigener Stämme und des Regenwaldes. Die vorliegende EP The Cloud Of Unknowing ist (vorerst) die letzte Studioproduktion Sepulturas.

Meine mathematischen Fähigkeiten sind durch Mathematik-Leistungskurs, gestartetes Bauingenieurstudium, abgeschlossenes wirtschafts-sozialwissenschaftliches Studium mit großem mathematischen Anteil (Statistik und VWL durchgängig von Grundstudium bis Diplom) sowie einer sehr technisch-naturwissenschaftlichen beruflichen Spezialisierung vielleicht nicht die besten Voraussetzungen, um zu verstehen, warum man im Jahr 2026 (und der noch laufenden Abschiedstour) im Hause Sepultura immernoch die 40 Jahre abfeiert. Richtig, 2024 hatte man die 40 Jahre voll, als sich die Gebrüder Cavalera dereinst 1984 anschickten, eine Band zu gründen und man auf Abschiedstournee ging. Max sagte 12 Jahre, Igor 22 Jahre nach Bandgründung zur eigenen Band: "Tchau, beijo!" Oder wahrscheinlich eher: "Go, f*%k yourselves! I don't agree how the band developed!" Paulo Xisto Pinto Jr. ist das einzige Mitglied, was reklamieren kann, seit 1984 festes Bandmitglied gewesen zu sein. Andreas Kisser selbst schafft die 40 Jahre bei Sepultura nicht, wenn 2026 der Stecker gezogen wird. Er ist seit 1987 in der Band. Wir erinnern uns auch, dass Slipknot Eloy Casagrande im Jubiläumsjahr abwarben. Für den persönlich Trackrecord kann der dann frisch eingestellte Amerikaner Greyson Nekrutman zumindest Sepultura als Arbeitgeber nachweisen. Gerade Anfang 20 sollte er noch eine lange musikalische Karriere vor sich haben. Der Ringtausch an den Drums ist in diesem Zusammenhang ein Fall für sich. Slipknot trennen sich von Jay Weinberg, ziehen Eloy Casagrande Sepultura von Hocker, Jay Weinberg geht zu Suizidal Tendecies, bei denen Greyson Nekrutman war, der die Vakanz bei Sepultura schließt. Damit wurden Sepultura zu einer 50:50 brasilianisch-US-amerikanischen Band.
Kommen wir zum Albumtitel The Cloud Of Unknowing. Der humanistisch-beschulte bzw. politische Theorie vermittelt bekommen habende Rezipient würde als Hüftschuss an Platons Höhlengleichnis mit dem Nebel der Unwissenheit denken. Der Mensch und sein Verstand gefangen darin durch begrenzte Wahrnehmung und falsche Überzeugungen. Aber, Nein! Es gibt ein mittelalterliches Werk gleichen Titels aus England mit christlich-theologischer Thematik. Der Mensch kann nur vollständig beseelt werden von Gott, wenn er sich in Meditation/Kontemplation vollständig frei macht von allem Ablenkenden und diese ganzen Dinge mit der Wolke des Vergessens (temporär) verschwinden lassen. Es erinnert auch an die letzten paar Stufen des Raja-Yogas: Konzentration, Zurückziehen der Sinne, Meditation, Einswerden mit dem Transzendenten. 
Wie man das auf Sepultura übertragen kann? Einfach die EP genießen ohne die Vergegenwärtigung, dass Schluss ist bei Sepultura? 
Setzen wir uns noch mal auf den Schlagzeughocker, weil etwas an der EP sehr "ohrenfällig" für mich ist: nämlich das Drumming. Das ist sehr straight, noch straighter als bei Eloy Casagrande. Dem Schlagzeugspiel fehlt der von mir sehr geschätzte südamerikanisch-samba-und-tribalististisch-beeinflusste-Spirit, der für mich selbst seit Arise, Chaos A. D. und Roots zum guten Ton der Band gehörte, trotz Drummerwechsel von Igor Cavalera bis Eloy Casagrande, wobei es bei letzterem schon weniger wahrnehmbar war als bei Igor Cavalera. Der Song The Place bietet allenfalls zarte Triebe davon in den Strophen, aber das ist nicht vergleichbar mit vorangegangenen Produktionen (auch nicht mit den Cavalera Bands wie Soulfly oder Cavalera Conspiracy), im Thrashgeballere hat man eine Brücke gebaut zu Bekanntem. Die vier Stücke durchaus als sehr freigeistig zu bezeichnen, mit einer Band, die sehr aufgeräumt klingt. Das Lied Beyond The Dream ist vielleicht hierbei das ungewöhnlichste mit seiner powerballadesken Stimmung. Sacred Books startet vertraut groovig, der Klavierpart zur Mitte hin ist ein jazziges Intermezzo, was jedoch gar nicht als Fremdkörper zur verzerrten, gemuteten E-Gitarre, dem gleichmäßigen Groove von Bass und Schlagzeug steht, sondern schlicht gut reinpasst, thrashig endet dann das Lied. 
In Miami ging die Band Anfang 2025 ins Studio und entwickelte aus Ideen diese vier finalen Songs, weil man unbedingt mit Greyson Nekrutman noch eigene, neue Songs produzieren wollte. Und er war nicht nur der "Neue", sondern er steuerte aktiv Ideen bei, die bereitwillig aufgenommen wurden. Die EP setzt studioalbentechnisch trotzdem den Schlusspunkt nach 15 Studioalben, 14 Goldenen Schallplatten für Albenverkäufe, Auftritten in mehr als 80 Ländern. Die 18 monatige Abschiedstour sieht 2026 noch Auftritte in Europa vor, dabei wird die Band auch deutschen Boden bespielen und in Würzburg, Saarbrücken, Oberhausen, Potsdam und Wacken gastieren. Die Band verspricht, dass sie ein finales Livealbum parallel zur Abschiedstour aufnimmt, dessen Setlist 40 Stücke umfasst, die an 40 Orten der Welttournee aufgenommen worden sind und der Absicht nach die besten und energetischten Momente widerspiegeln werden. Die Aussicht tröstet darüber hinweg, dass der letzte Studioaufenthalt lediglich eine EP als Output lieferte. Es gibt Äußerungen Andreas Kissers, dass im Oktober 2026 in Sao Paulo das letzte Konzert im Rahmen einer riesen Sause mit ehemaligen Bandmitgliedern, darunter die Cavalera-Brüder und Eloy Casagrande, stattfinden soll. Ich würde das sogar noch als zusätzliche eigene Veröffentlichung in Betracht ziehen als Paket mit Vinyl oder CD zur BluRay plus Bildband mit ausdruckstarken Konzertbildern sowie Bildmaterial der Band von 1984 bis 2026.  

Fazit: Danke, Sepultura, für die musikalische Begleitung seit den Bandproben 1993 mit Arise und dem damals frischen Chaos A. D. Auch wenn mir bei bei der EP der Flair des organisch-perkussiven südamerikanischen Grooves beim Drumming fehlt, melden sich Sepultura für mich quicklebendig und energetisch mit erhobenem Haupt ab. Aufhören, wenn es am schönsten ist, als als Schatten seiner Selbst das Mitleid der Fans auf sich zu ziehen, weil man den Absprung nicht schafft, obwohl Körper und Stimme irgendwann besser geschont werden sollten, aber man sich und der Umwelt einredet, man habe einfach noch Spaß an der Sache, obwohl die Performance nicht mehr an das heranreicht, was einen groß machte. Im Falle Sepulturas freuen wir uns also dann noch auf das Livealbum als wirklichen Schlusspunkt. 

Sepultura - The Place